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Petition Weniger Gehalt, hohe Hürden: Warum wir dringend eine Reform des Kinderkrankengeldes brauchen

zwei verschnupfte Mädchen schnauben Nase
© Viacheslav Yakobchuk / Adobe Stock
Larissa Strohbusch ist Mutter zweier kleiner Kinder. In den letzten Monaten hat sie sich, wie viele andere Eltern auch, zunehmend an dem Gesundheitssystem und dem Bezug von Kinderkrankengeld gestoßen. Deswegen hat sie eine Petition gestartet und ein paar Ideen dazu, was sich verändern müsste. 

Nach Pandemie, Homeschooling und Co. hat der letzte Herbst und Winter Familien noch mal an den Rand der Verzweiflung getrieben. Eine Krankheit jagte die nächste und waren nicht die Kinder krank, hatten es die Eltern. Warteschlangen vor den Arztpraxen, überfüllte Krankenhäuser und die Knappheit von Medikamenten haben dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt. Doch der nächste Dämpfer folgt auf dem Fuße, nämlich dann, wenn das Gehalt auf dem Konto landet. Denn das wird in vielen Fällen weniger sein als bisher. Schuld daran ist das Kinderkrankengeld, denn das beträgt für gesetzlich Versicherte nur 90 Prozent des Nettogehaltes. Doch das soll sich jetzt ändern, zumindest dann, wenn die Petition von Larissa erfolgreich ist. 

"Mama, mir geht’s nicht so gut."

Eltern kennen es: Das Kind kommt morgens aus dem Bett gekrabbelt und wir hören die Schnoddernase schon von Weitem röcheln. Was dann folgt: Abwägen, wie schlimm es nun wirklich ist. Kann der Nachwuchs in die Schule oder Kita in der Hoffnung, dass es sich schon wieder geben wird, oder muss sich jetzt jemand kindkrank melden? Oft wäre es notwendig, doch gleichzeitig öffnet man damit gegebenenfalls erst so richtig die Büchse der Pandora. 

Krankschreibung abholen: Einmal alle Keime zum Mitnehmen bitte

Um Kinderkrankengeld zu beantragen, muss man bei den meisten Arbeitgeber:innen für ein krankes Kind schon ab dem ersten Tag eine Kindkrankmeldung einreichen. Für Eltern Stress pur:

"Ich habe in den letzten drei Jahren gemerkt, dass wir das Kinderkrankgeld gar nicht nutzen, weil die Hürden so hoch sind. Allein, dass man mit jedem Husten oder erhöhter Temperatur zur:m Ärzt:in muss, die ohnehin schon total überlastet sind, um am Ende mit Corona oder Hand-Mund-Fuß nach Hause zu kommen. Dafür gehe ich nicht zur:m Ärzt:in und viele Ärzt:innen wollen das sicher auch nicht, weil es meist unnötig ist", so Larissa Strohbusch.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass Eltern, seit das Homeoffice vielerorts möglich ist, keine Krankentage für ihr Kind mehr nehmen, sondern arbeiten und nebenbei ihr krankes Kind betreuen, wenn keine andere Betreuung möglich ist. Das hat einerseits viele Vorteile, andererseits ist es für Eltern eine neue, zusätzliche Belastung, vor allem wenn es keine Entlastung durch Großeltern, Freund:innen und andere Familienangehörige gibt. In den meisten Fällen wird man so weder dem Kind noch der Erwerbsarbeit gerecht. Außerdem können nicht alle Eltern im Homeoffice arbeiten. Ihnen bleibt also keine andere Wahl, als sich in die Kinderarztpraxis zu setzen oder das Kind wider besserem Wissens doch in die Schule oder Kita zu schicken. 

"Natürlich sind zehn Prozent Gehaltsverlust für viele Menschen erst mal nicht viel, für manche aber schon."

Was vielen Eltern auch nicht bewusst ist: Kinderkrankengeld beträgt 90 Prozent des Nettogehalts. Im ersten Moment klingt das erst mal gar nicht so verkehrt. Allerdings nur, wenn man ein entsprechendes Gehalt hat. Das sieht auch Larissa: "Wir sind natürlich auch privilegiert. Wir sind zu zweit im Homeoffice, können uns die Kinderbetreuung einteilen und vor allem die zehn Prozent Gehaltsverlust gut verkraften. Aber wie machen das Eltern, die nicht im Homeoffice arbeiten können und mit ihren Gehältern ohnehin geradeso über die Runden kommen oder alleinerziehend sind?". Daher fordert sie vor allem für diejenigen volles Gehalt, die es sich nicht leisten können, auf die zehn Prozent zu verzichten. "Aktuell ist es ja sogar andersrum. Diejenigen, die eine Einmalzahlung (Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Boni etc.) vom Arbeitgeber bekommen, erhalten die 100 Prozent bei kindkrank. Also sollte es doch für die, die ohnehin schon benachteiligt sind, einen Ausgleich geben." Was viele auch oft nicht auf dem Schirm haben: Der Bezug von Kinderkrankengeld wirkt sich auf die Rente aus. Da noch immer meist Mütter zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist, dadurch weniger Gehalt bekommen und in die Rentenkasse einzahlen, befeuert das zusätzlich die Gender Pay Gap.

Kinderkrankengeld gesetzlich versicherter Eltern – das gilt aktuell:

  • Noch gilt die Corona-Ausnahmeregelung: Je gesetzlich krankenversichertem Kind können 30 Arbeitstage (Alleinerziehende 60 Arbeitstage) Kinderkrankengeld beantragt werden. Bei mehreren Kindern besteht der Anspruch je Elternteil für nicht mehr als 65 Arbeitstage, für Alleinerziehende für nicht mehr als 130 Arbeitstage. Wie lange das noch so bleibt, ist fraglich. Vor der Pandemie standen jedem Elternteil lediglich zehn Tage je Kind zu.
  • Das Kinderkrankengeld beträgt in der Regel 90 Prozent des ausgefallenen Nettoarbeitsentgelts.
  • Kinderkrankengeld gibt es für jedes gesetzlich versicherte Kind bis zwölf Jahre. Für Kinder mit Behinderung, die auf Hilfe angewiesen sind, gibt es keine Altersgrenze.

Bei Beamt:innen sieht es düsterer aus. Ihnen werden je nach Bundesland nur vier bis zehn Kindkranktage pro Kind gewährt. Dies führt dann dazu, dass Lehrer:innen schon mal ihr krankes Kind mit in die Schule nehmen. Für niemanden schön.

Kindergeld reformieren: Das fordert die Petition

  • Der Zugang zu Kinderkrankengeld muss erleichtert werden: Kindkrankmeldung zum Beispiel erst ab Tag 3, auch um das Gesundheitssystem zu entlasten
  • Verlängerung des Kinderkrankengeldes bis zum 14. Lebensjahr
  • Volles Gehalt vor allem für Geringverdienende
  • Eine Lösung für Eltern mit chronisch kranken oder schwerkranken Kindern

Die Petition hat inzwischen über 43.000 Stimmen und trifft einen Nerv. Vor allem wohl, weil Eltern ohnehin schon die letzten Jahre mit ihren Kräften am Limit waren. "Zum einen hat sich das durch die Pandemie hochgeschaukelt, zum anderen sind Eltern zunehmend unsicher, ihre Kinder mit Schnupfen in die Schule, Kita oder zu Oma und Opa zu schicken, aber auch zum:r Ärzt:in zu gehen und sich was anderes einzufangen. Zumal man gerade auch Sorgen hat, was passiert, wenn es schlimm wird. Es gibt weder Krankenhausbetten noch Medikamente", so Strohbusch. Insgesamt entsteht der Eindruck, Kinder wären kleine Maschinen. Wenn sie nicht funktionieren, Pech gehabt. Deshalb wünscht sich Larissa vor allem, dass Kinder genauso wie Erwachsene als Menschen wahrgenommen werden: „Sie müssen sich immer an den Job der Eltern anpassen. Das kann es ja auch nicht sein.“ 

Wer die Petition noch unterschreiben möchte, kann dies bei Campact tun. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei ELTERN.

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