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Regenbogenfamilie Wenn du gesetzlich für dein Kind keine Mama sein darfst

Regenbogenfamilie: Gesa und Verena Akkermann
© Julian Stratenschulte / Picture Alliance
Vor fast genau vier Jahren stimmte der Bundestag für die "Ehe für alle“. Auslöser war eine Bemerkung von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim BRIGITTE Live Talk. Gesa Teichert-Akkermann und Verena Akkermann kämpfen nun dafür, dass daraus auch die "Familie für alle" wird.

Die Geburtsurkunde ist für viele Eltern ein selbstverständliches Stück Papier, das nach dem Erhalt ordentlich weggeheftet wird. Für Gesa und Verena aber bedeutet sie die Welt. Und gleichzeitig brach diese Welt zusammen, als sie die Urkunde nach der Geburt ihrer Tochter das erste Mal in den Händen hielten und feststellen mussten, dass nur Gesa Teichert-Akkermann als leibliche Mutter verzeichnet war. Ihre Ehefrau Verena, ebenfalls Mama von Paula, wurde nicht aufgeführt – als würde sie nicht existieren. Auf dem Papier ist Gesa alleinerziehend. 

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Ein Gesetz mit Lücken

Die Elternschaft ist in Deutschland im Abstammungsgesetz geregelt. Dieses besagt: Als zweites Elternteil kommt ein "Vater" infrage – aber keine zweite Mutter. Bei lesbischen Eltern steht also nur die Frau, die auch das Kind zur Welt gebracht hat, als Mutter in der Geburtsurkunde. Zwar war Gesa und Verena damals bewusst, dass nur ein Name auf dem Dokument stehen würde. Doch als sie es schwarz auf weiß vor sich sahen, fingen sie vor Angst und Fassungslosigkeit an zu weinen.

Denn ihre Situation ist besonders: Gesa sitzt im Rollstuhl, und als sie Paula bekam, war sie schon 44. Die Geburt war für sie und Paula ein großes Risiko. Und genau dieses hat die Rechtslage noch mal verschärft: Wäre Gesa bei der Geburt gestorben, wäre Paula jetzt Vollwaise, obwohl auch Verena ihre Mama ist – nur eben nicht rechtlich. Würde Verena sterben, wäre Paula ebenfalls benachteiligt: Sie hätte keine Versorgungsansprüche, wäre nicht erbberechtigt, bekäme keine Halbwaisenrente. Zurzeit dürfte Verena sie nicht mal ohne Gesas Vollmacht von der Kita abholen.

Ein Kampf für Regenbogenkinder

"Es ist wie ein Damoklesschwert, das ständig über einem hängt", sagt Gesa. "Wenn etwas passiert, ist unser Kind nicht geschützt. Paula wird für etwas diskriminiert, für das sie sich nicht entschieden hat." Zwar gäbe es die Möglichkeit, durch eine "Stiefkindadoption" als gesetzliches Elternteil anerkannt zu werden, doch das dauert oft Jahre und kann sehr belastend für Familien sein. Gesa und Verena sahen deshalb nur einen Ausweg: Sie klagten auf die Berichtigung ihrer Geburtsurkunde und die Feststellung von Verenas Mutterschaft. Schließlich, finden sie, seien Paulas und ihre Grundrechte erheblich verletzt: Sie seien weder vor dem Gesetz gleich (Artikel 3), noch schütze der Staat ihre Ehe und Familie (Artikel 6).

"Ich bin rechtlich zur Alleinerziehenden gemacht worden, obwohl ich in einer Ehe lebe"

Zwei Jahre kämpften sich die beiden durch verschiedene Instanzen. Mit ihrer Initiative #PaulaHatZweiMamas mobilisierten sie Zehntausende. Vor zwei Monaten gab es nun einen Riesenerfolg: Das Oberlandesgericht Celle verwies Gesas und Verenas Fall an das Bundesverfassungsgericht. Denn die Richter:innen halten die aktuellen Regelungen im Abstammungsrecht zur Elternschaft für verfassungswidrig.

Für Gesa und Verena – und viele andere queere Paare, die zum Teil selbst vor Gericht gezogen sind – ist das ein Meilenstein. Nun wollen sie verstärkt die Politik unter Druck setzen. "Das Parlament ist schließlich für die Gesetzgebung verantwortlich und nicht das Verfassungsgericht. Es ist peinlich, dass es seinen Job nicht tut", sagt Gesa.

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"Ein Schlag ins Gesicht"

Eine Lösung wäre eine sogenannte "Mitmutterschaft", die durch eine Ehe oder gerichtliche Feststellung entschieden werden könnte. Oder man könnte die Begriffe "Mutter" und "Vater" auf der Geburtsurkunde in "Elternteil 1" und "Elternteil 2" umbenennen. Bei Grünen, SPD, Linken und Teilen der FDP stoßen Gesa und Verena mit solchen Ideen derzeit auf viel Zustimmung. Vor allem von Ulle Schauws, der queerpolitische Sprecherin der Grünen, erhalten sie große Unterstützung. Zwischenzeitlich hofften sie sogar, noch in dieser Legislaturperiode eine Gesetzesänderung zu bewirken. Doch die CDU sperrt sich. "Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Regenbogenfamilien", findet Gesa.

Wie ihr Rechtsstreit ausgeht, ist derzeit noch ungewiss. Ebenso ob sich die CDU in den nächsten Wochen doch noch verhandlungsbereit zeigt. Gesa und Verena geben die Hoffnung nicht auf. Wenn es jetzt nichts mit der Reform wird, wollen sie es nach der Wahl weiter versuchen. Eines Tages, so hoffen sie, kann Paula dann stolz sagen: "Meine Mamas haben das Abstammungsgesetz reformiert". 

Verwendete Quelle: Interview


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