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Reizthema Wie sage ich meinen Eltern, dass sie nicht mehr Autofahren sollen?

Eltern autofahren
© auremar / Adobe Stock
60 Jahre unfallfrei gefahren - und nun soll Papa den Autoschlüssel an den Nagel hängen? Wir haben Psychologinnen und Verkehrsexperten gefragt, wie wir dieses schwierige Gespräch mit den Eltern meistern.

"Ich bin 80, also darf ich auch 80 fahren!", lacht Renate und brettert ungerührt durch die 60er-Zone. Auch wir müssen schmunzeln – bis wir beklommen an unsere Kinder denken, die Renate vors Auto laufen könnten. Und an unsere Eltern, mit denen wir endlich über dieses heikle Thema sprechen müssen, weil ihnen neuerdings manchmal diese haarsträubenden Fahrfehler passieren.

Doch wie groß ist das Problem "Senior:innen am Steuer" wirklich? Zumindest gibt das Thema genügend her, dass RTL bereits zwei Staffeln der Dokuserie "Alt & Abgefahren" abdrehen konnte. Hier lernen wir Rentner:innen wie Renate kennen, die mehr schlecht als recht am Straßenverkehr teilnehmen, aber immerhin zugestimmt haben, sich einer Fahrprüfung zu unterziehen. Und auch Schlagzeilen wie "Rentner wendet auf der B464" oder "Rentnerin verwechselt Gas und Bremse" scheinen sich in letzter Zeit zu häufen.

Sind ältere Menschen in Unfälle verwickelt, sind sie meistens auch schuld

Sicher ist: In Deutschland gibt es so viele Senior:innen wie nie zuvor und sie sind mobiler denn je. Doch anders als in Spanien oder Norwegen sind in Autodeutschland keine Tests vorgeschrieben, die die Fahrtauglichkeit im Alter überprüfen. Tatsache ist aber auch: Ältere Fahrer:innen sind seltener in Unfälle verwickelt als junge, das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Das liegt vor allem daran, dass sie weniger Auto fahren, weil sie nicht mehr zur Arbeit müssen, oder weil sie erst gar kein Fahrzeug besitzen. Kommt es jedoch zu Unfällen mit Fahrer:innen jenseits der 65, sind diese meistens auch schuld. Häufigste Ursachen: missachtete Vorfahrt, unerlaubtes Wenden, blindes Rückwärtsfahren.

Trotzdem wäre es falsch, Senior:innen am Steuer pauschal als Gefahr abzustempeln. Zwar schleichen sich altersgemäße Defizite bei Beweglichkeit, Reaktionsgeschwindigkeit oder Sehvermögen ein, doch diese können teilweise durch Routine wettgemacht werden, meint Andreas Hölzel vom ADAC - besonders im Vergleich mit Fahranfänger:innen, die häufiger rasen, drängeln oder sich alkoholisiert ans Steuer setzen. Auch Psychologin Claudia Hillmer warnt davor, Älteren generell die Fahrtüchtigkeit abzusprechen:

"Wir sind sehr schnell darin, alten Menschen zu unterstellen, dass sie nicht mehr fahren können. Dabei sollten wir eher auf die 18- bis 22-jährigen, testosterongesteuerten Jungs schauen, oder auf die Handy-Daddelei, die sich durch alle Altersgruppen zieht."

Mit ihrer langen Erfahrung argumentieren die Eltern dann auch gern in der familiären Auseinandersetzung um ihre Fahrtüchtigkeit: "Ich bin 60 Jahre unfallfrei gefahren ­- was soll schon passieren?"

Das Thema birgt Zündstoff in den Familien

Was aber tun, wenn wir merken, dass die Fahrtüchtigkeit unserer Eltern tatsächlich nachlässt, weil sie in Stresssituationen die Orientierung verlieren, den Schulterblick wegen der Arthrose nicht mehr ausführen oder das Sehvermögen schwindet? Wenn es sogar schon zu Bagatellschäden gekommen ist und wir uns Sorgen machen, dass Vater oder Mutter einen folgenschweren Unfall verursachen könnte?

Das Thema ist hochsensibel: Eltern fühlen sich schnell entmündigt, wenn die Kinder ihnen sagen, dass sie den Autoschlüssel an den Nagel hängen sollen. Zumal es für die meisten Senior:innen ohnehin nicht einfach ist, zu erleben, dass Beweglichkeit, Schnelligkeit oder Gedächtnis nachlassen. Außerdem bedeutet das Autofahren gerade im Alter mehr denn je Freiheit und Unabhängigkeit – weil man nicht mehr so gut zu Fuß ist oder die Einkäufe nicht mehr tragen kann. In dieser Lebensphase ist das eigene Fahrzeug oft mehr als bloß bequem.

"Man kann den Eltern das Fahren nicht verbieten"

Das alles sollte einem klar sein, bevor man mit den Eltern spricht, sagt Psychologin Andrea vorm Walde. Und auch die eigene Einstellung sollte man vorher überprüfen:

"Mir muss klar sein, dass ich meine Eltern nicht steuern kann, und dass ich kein Anrecht darauf habe, ihnen das Autofahren zu verbieten. Darüber muss ich nachdenken, bevor ich das Wort ergreife."

Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass auch betagte Eltern erwachsene, eigenständig denkende Menschen sind. Wer sie wie Kinder behandelt und ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet, erntet Gegenwehr oder Rückzug.

Wichtig ist, mit diesem Bewusstsein ins Gespräch zu gehen und darauf zu vertrauen, dass es irgendwann Wirkung zeigt. Denn es wird vermutlich nicht darin münden, dass Vater oder Mutter sagen: "Du hast recht, ich verkaufe das Auto." Veränderungen, die die eigene Autonomie, Flexibilität und Freiheit betreffen, brauchen Zeit, weiß Claudia Hillmer. Daher sollte man den Eltern die eigene Sichtweise auch nicht einfach vor die Füße werfen, nach dem Motto: "Du bist 84, du kannst jetzt nicht mehr fahren." Denn in solch einer Aussage steckt ein hartes Urteil. "Was wir gerne machen, ist, Argumente für unseren Standpunkt zu sammeln, aber nicht zu schauen, was er für das Gegenüber bedeutet", so Hillmer. Der Schlüssel sei jedoch, sich in den anderen einzufühlen. 

Wenn nichts hilft: Andere einbeziehen

Statt die Eltern abzuurteilen, ist es wie bei jedem Konflikt wirkungsvoller, Ich-Botschaften zu senden, zum Beispiel so: "Papa, es gab da diese Situationen, die ich mit dir am Steuer erlebt habe, wo ich das Gefühl hatte, das war grenzwertig. Wie ging es dir denn damit?" So adressiert, fühlt das Gegenüber sich ernst genommen. Äußern Eltern dann die Sorge, ihren Alltag ohne Auto nicht bewältigen zu können, sollte man gemeinsam nach Lösungen suchen, statt zu sagen: "Dann rufst du dir halt ein Taxi, du hast ja genug Geld."

Falls alles nichts hilft, kann man versuchen, weitere Familienmitglieder miteinzubeziehen. "Je mehr, desto besser", findet Andreas Hölzel, "dann werden vielleicht die Dringlichkeit und die Notwendigkeit deutlich". Bleiben die Eltern uneinsichtig, kann es auch helfen, Außenstehende wie den oder die Hausärzt:in, Augenärzt:in oder eine:n Verkehrsmediziner:in einzubeziehen, der Vater oder Mutter verdeutlicht, welche Defizite bestehen.Denn die Einschätzung einer neutralen, qualifizierten Person wird häufig leichter angenommen als die von nahestehenden Menschen. Und wenn all diese Gespräche keine Wirkung zeigen, kann man immer noch sagen: "Ich finde, du solltest deine Fahrtüchtigkeit mal von einem Fahrlehrer überprüfen lassen."

Checkliste: Woran erkenne ich, dass das Fahrvermögen der Eltern nachlässt?

  • Ist selbst in vertrauter Umgebung unsicher
  • Passt sich dem Verkehrsfluss nicht an, fährt auffallend langsam und unsicher bzw. zu schnell und zu dicht auf
  • Fährt nicht vorausschauend und scheint andere Verkehrsteilnehmer und den Gegenverkehr nicht wahrzunehmen
  • Benötigt lange, um Schilder, Ampeln und allgemeine Vorfahrtsregeln zu erfassen
  • Hat koordinative und motorische Probleme beim Abbiegen, Wenden und Parken
  • Hält die Spur nicht zuverlässig, ignoriert beim Abbiegen oder Überholen die Kontrolle des toten Winkels, hat Schwierigkeiten mit dem Schulterblick
  • Bemerkt kritische Situationen zu spät, ist in komplexen Situationen bisweilen überfordert
  • Steht häufig auf der Bremse
  • Auto und Garage haben vermehrt Kratzer und Schrammen

(Quelle: Deutsche Seniorenliga)

Info: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), ADAC, DEKRA und TÜV bieten Programme für Senior:innen und Fahrfitness-Checks mit eigens ausgebildeten Fahrlehrer:innen an. Bei der "Deutsche Seniorenliga" gibt es viele Infos und die kostenlosen Broschüren "Tipps für ältere Autofahrer" und "Offen gesagt" zum Download. Letztere thematisiert das Gespräch über das sensible Thema (www.deutsche-seniorenliga.de). Man kann sich auch an Verkehrmediziner:innen wenden, die dafür ausgebildet sind, die Fahreignung von Menschen zu überprüfen.

TV-Tipp: "Alt & Abgefahren" sonntags 16.45 Uhr auf RTL, alle Folgen auf RTL+

Brigitte

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