Kurze Bücher: Guter Lesestoff unter 250 Seiten

Sie wollen endlich mal wieder was anderes lesen als Pippi Langstrumpf - aber für dicke Wälzer fehlt Ihnen die Zeit? Diese Bücher sind kurz und gut.

Simone Buchholz: "Schwedenbitter"

Was machen zwei tote Amerikaner in einer Hamburger Villa? Staatsanwältin Chas Riley versucht den Mord aufzuklären und bekommt es mit einem schüffelnden Ex-Kommissar, ein paar sehr höflichen Autonomen, einer durchgeknallten Schwedin, Immobilienhaien und unendlichen mafiosen Behördensumpf zu tun. Sehr unterhaltsam, nicht nur für Hanseaten. (224 Seiten, 12,99 Euro, Droemer)

Julian Barnes: "Vom Ende einer Geschichte"

Julian Barnes hat einen tollen Roman über ein ganz verlogenes Biest geschrieben: die eigene Erinnerung. Dafür bekam er - absolut verdient - den renommierten Booker Prize (192 Seiten, 18,99 Euro, KiWi)

Ralph Martin: "Papanoia"

Ein Väterbuch für Mütter: Ein New Yorker strandet in Berlin und erzählt vom seinen Erlebnissen als Gastarbeiter in der Welt der Mütter. Guter Blick von ganz außen. (240 Seiten, 8,99 Euro, Piper)

Daniela Krien: "Irgendwann werden wir uns alles erzählen"

Schauplatz dieses Romandebüts ist ein Dorf nahe der deutsch-deutschen Grenze, die gerade gefallen ist. Die Ich-Erzählerin Maria flieht aus ihrem kaputten Elternhaus zu ihrem Freund. Dessen Familie, strenge und konservative Bauern, nehmen das verträumte Mädchen auf. Sie weigert sich, zur Schule zu gehen, hängt lieber ihren Träumen nach. Das Leben der 16-Jährigen nimmt eine Wende, als sie dem 24 Jahre älteren Henner vom Nachbarhof begegnet. Der Außenseiter, charismatisch und zugleich voll Wut, zieht das Mädchen in seinen Bann - und in einen Abgrund. Fast körperlich vermeint man die Sinnlichkeit zu spüren, die Daniela Krien mit einfacher und gefühlsnaher Sprache heraufbeschwört. Eine Liebesgeschichte von ungeheuerlicher Intensität, die auch noch ganz nebenbei das Ende der DDR miterzählt. (240 S., 18 Euro, Graf, erscheint am 16.9.)

Ferdinand von Schirach: "Der Fall Collini"

Am Ende kann man es kaum fassen, dass "Der Fall Collini", Ferdinand von Schirachs erster Roman, nur rund 200 Seiten hat. Darin: ein Mörder, der sich stellt, sein Motiv aber nicht preisgibt; ein Kriegsverbrechen, ein Justizskandal im Nachkriegsdeutschland, zwei Anwaltskarrieren, eine Liebesgeschichte. All das in einer Sprache, die fesselt wie ganz großes Kino. (194 S., 16,99 Euro, Piper)

Sarah Kaminsky: "Ein Fälscherleben"

Papa war früher Soldat, glaubt die Französin Sarah Kaminsky, als sie klein ist. Dass er tatsächlich fast drei Jahrzehnte lang unter Einsatz seines Lebens gekämpft hat, freilich mit Druckmaschinen statt mit Waffen, erfährt sie erst als Teenager: Der russischstämmige Jude Alfonso Kaminsky, heute 86, war einst der beste Fälscher von Paris. Von 1943 bis 1971 fertigte der Pazifist Pässe, die Tausenden das Leben retteten - Juden und Kommunisten der Nazizeit, algerischen Freiheitskämpfern und Unabhängigkeitsaktivisten in Südamerika. Seine 32-jährige Tochter, Drehbuchautorin und Schauspielerin, lässt ihren Vater davon erzählen. Und das ist spannend wie ein Agententhriller. (Ü: Barbara Heber-Schärer, 224 Seiten, 19,90, Kunstmann)

Louise de Vilmorin: "Liebesgeschichte"

Loulou de Vilmorin, mit vollem Namen Gräfin Louise Lévêque de Vilmorin, muss eine tolle Frau gewesen sein. Unter ihren Liebhabern findet sich Antoine de Saint-Exupéry, zu ihren Freundinnen zählte Coco Chanel. Ihre literarischen Salons gehörten in den 50er Jahren zu den Top-Events in Paris, und nebenbei schrieb die Mutter dreier Töchter auch noch eigene Bücher - wie die "Liebesgeschichte". Diese erzählt von den Freundinnen Catherine und Marise, die über einer sommerlichen Schwärmerei für Peter von L. zu Rivalinnen werden. Der allerdings hat selbst Liebeskummer und kein Auge für die amourösen Mittvierzigerinnen. Als sich schließlich auch Catherines Tochter in den attraktiven Mann verliebt, ist das Gefühls-Chaos perfekt. Die federleichte Lektüre sorgt auch an dunklen Tagen für Feriengefühle. (128 S., 8,95 Euro, Piper)

Marco Malvaldi: "Im Schatten der Pineta"

Es ist heiß, sehr heiß in Pineta an der ligurischen Küste. Logisch, dass sich deshalb das halbe Dorf im Schatten vor Massimos Bar trifft. Um zu faulenzen, zu trinken und einen kleinen Vortrag zu halten. Erst recht, als eines Nachts ein totes Mädchen in der Nähe der Bar gefunden wird. Und weil es eigentlich sogar zu heiß ist, um bis ins Kommissariat zu schlurfen, löst der Barista mit Hilfe seiner Gäste und zahlreicher Espressi den Fall lieber selbst. (192 S., 8,95 Euro, Piper)

Alissa Walser: "Immer ich" Malerin, Übersetzerin, Schriftstellerin - Alissa Walser, eine Tochter von Martin Walser, ist vielfach künstlerisch aktiv. In ihrem neuen Werk geht es wie in Papas letztem Roman "Muttersohn" um das Verhältnis von Eltern und Kindern. Sparsam und intensiv nähert sie sich dem Geheimnis der Liebe: Was bindet Menschen aneinander? Welche feinen Spannungen wirken zerstörerisch? Ein wunderbarer Ausblick in die kleinen Abgründe des Alltags. (160 S., 16,95 Euro, Piper)

Stéphane Hessel: "Empört euch!"

Was für ein schmaler kleiner Band - was für ein Gewicht! Stéphane Hessel, 1917 in Berlin geboren, war Mitglied der Résistance, hat das KZ Buchenwald überlebt und ist einer der Mitautoren der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Der Mann hat etwas zu sagen, und das tut er kurz und klar. Seine Streitschrift ruft zum Widerstand auf, und es geht um nichts Geringeres als die Rettung unserer Welt. "Empört euch!" ist ein Aufruf, der einem die wirklich essentiellen Dinge im Leben vor Augen führt. (31 S., 3,99 Euro, Ullstein)

Kathrin Aehnlich: "Rom, New York, Markkleeberg"

"Mit Büchern die Welt kennen lernen", steht in den 70er Jahren an einer Buchhandlung in Leipzig. Keine Ironie, sondern sozialistischer Ernst. Kathrin Aehnlich folgt dieser Aufforderung, reist im Geiste mit Jules Verne in 80 Tagen um die Welt, ist abwechselnd Robinson oder Freitag. Dann fällt die Mauer, und Aehnlich bleibt daheim. Aus Angst, ihre Traumziele könnten nicht halten, was sie sich von ihnen verspricht. Dem glücklichen Umstand, dass die Autorin sich dann doch noch ein Herz gefasst hat und aufgebrochen ist, verdanken wir diese Erzählungen vom Unterwegssein. Sehr lustig, vor allem, wenn man es selbst wegen der Kinder nur noch ins Ferienhaus an der Nordsee schafft. (192 S., 18 Euro, Arche Paradies)

Elfriede Vavrik: "Nacktbadestrand"

Das Buch war ein richtig schöner Aufreger: Als "billiger Altersporno in Feuchtgebiete-Seniorenausführung" wurde "Nacktbadestrand" in Online-Rezensionen geschmäht, als der Erfahrungsbericht von Elfriede Vavrik im vergangenen Jahr in einem kleinen Wiener Verlag als Hardcover erschien. Was hatte die Frau getan? Eigentlich ging sie nur wegen Schlafstörungen zum Arzt, der riet der dreifachen Mutter: "Suchen Sie sich einen Mann." Mit Männern hatte Elfriede Vavrik eigentlich bei ihrer Scheidung abgeschlossen, 40 Jahre später tastet sie sich nun skeptisch ins Liebesleben zurück - bis zum ersten Orgasmus mit 79. Es ist nie zu spät für den "Nacktbadestrand". Glauben wir einer alten Dame, die es wissen muss: "Ich fühle anders, denke anders und habe andere Erwartungen. Deshalb liebe ich auch anders. Es macht jetzt viel mehr Spaß als je in meinem Leben." (192 S., 8,95 Euro, Ullstein)

Alice Munro: "Zu viel Glück"

Okay, dieses Buch hat mehr als 250 Seiten. Aber erstens enthält es zehn kurze abgeschlossene Geschichten, die sich auch nach einem langen Tag noch gut konsumieren lassen. Und zweitens gehören Alice Munros Erzählungen zum Besten, was die Literatur zu bieten hat - es wäre ein Jammer, wenn Sie dieses Highlight verpassen würden! Zum Munro-Fanclub gehören berühmte Kollegen wie Jonathan Franzen ("Lest Alice Munro! Lest Alice Munro!") und Bernhard Schlink ("Was für Geschichten, was für ein Werk"), schade nur, dass Munsos Anhänger bekannter sind als die kanadische Autorin selbst. (362 S., 19,95 Euro, S. Fischer)

Texte: Angela Wittmann
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