ADHS: Hirnforscher erklärt, was WIRKLICH das Problem ist

Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern steigt seit Jahren an. Woran liegt das? Für Hirnforscher Gerald Hüther fehlt es Kindern an Herausforderungen.

Über ADHS und die umstrittene Vergabe von Ritalin an Kinder wird seit Jahren heftig debattiert. Werden unsere Kinder wirklich immer kränker? Woran liegt das? Ist das überhaupt eine Krankheit – oder liegt der Fehler im System?

Wenn sich ein Kind am Strand verletzt: Darauf muss man achten!

Einer der sich damit auskennt, ist Professor Gerald Hüther. Der Hirnforscher und Neurobiologe hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt.

Wir sind im Netz auf dieses schon etwas ältere "heute-journal"-Interview mit ihm gestoßen, das aber an Aktualität nichts eingebüßt hat. Darin erklärt der Bestseller-Autor, warum seiner Ansicht nach die Zahl der ADHS-Diagnosen so angestiegen ist.



"Kinder wollen wichtig sein!"

Hüther betont, dass ADHS seiner Ansicht nach keine Krankheit sei, sondern eher die Folge davon, dass sich das kindliche Gehirn  nicht günstig entwickeln kann. Schuld daran seien die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft.

“Es gab vielleicht noch nie eine Zeit, in der Kinder so wenig zeigen konnten, was sie drauf haben und gemeinsam mit anderen Aufgaben und Probleme lösen konnten.“

Vor allem für Jungs sei das sehr wichtig, womöglich seien bei ihnen deshalb die ADHS-Diagnosen so zahlreich. “Kinder wollen wichtig sein”, so Hüther.

Heute sei ihr Leben jedoch zu verschult. Sie würden zwar ständig unterrichtet, bekämen aber nur selten Gelegenheit, zu erfahren, wie schön es sei, auch mal einen Impuls zu unterdrücken, damit man etwas besonders schön hinbekommt.

Ritalin verstärkt das Problem nur

Dass so viele Ärzte und Eltern die Probleme mithilfe von Ritalin lösen, sieht er besonders kritisch.

“Wenn das Medikament diese Regulation im Gehirn übernimmt, dann kann das Kind es  gar nicht mehr lernen, es selbst von sich aus zu regulieren. Es geht um Impulskontrolle, die Fähigkeit, auch mal Frust auszuhalten, eine Handlung zu planen. Das alles muss sich im Gehirn entwickeln, und das geht nur, wenn Kinder dazu Gelegenheit haben.” 

Doch Ritalin sei die bequemste Lösung für alle Beteiligten. “Die Eltern sind froh, dass es ein angeblich genetisches Defizit ist, die Ärzte sind froh, dass sie einfach mit einer Pille alles heilen können, die Lehrer sind froh, dass sie nicht verantwortlich sind, und die Pharma-Industrie ist froh, dass sie daran verdient.”

Eltern müssen Kindern Verantwortung übertragen

Zwar sei es eine gute Entwicklung, dass in immer mehr Schulen, der Fokus auf Projektunterricht liege. “Es gibt Schulen, in denen das wunderbar funktioniert. Da gibt es Schulfächer, die heißen Verantwortung oder Herausforderung.”

Hüther sieht aber auch die Eltern in der Pflicht. Er rät ihnen, mit den Kindern mehr Zeit zu verbringen, um sich gemeinsam mit ihnen um etwas zu kümmern oder etwas zu gestalten. Das geschehe vor allem bei etwas älteren Eltern und auf dem Land. Dort gebe es weniger ADHS-Fälle.

 

miro
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