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Trocken werden in 3 Tagen? Vorsicht vor solchen Blitz-Trainings

Trocken werden in 3 Tagen? Vorsicht vor solchen Blitz-Trainings
© Bartosz Budrewicz/shutterstock
Im Netz kursieren immer wieder Anleitungen, die Blitzerfolge in Sachen Töpfchen-Training versprechen. Doch Vorsicht: Was nach Erleichterung klingt, kann auch zu Stress führen.

Wie wird das Kind trocken? Diese Frage kommt auf alle Eltern zu, und viele wünschen sich, das Thema schnell hinter sich zu lassen, sei es, weil der Kindergarten Druck macht oder weil sie einfach keine Lust mehr auf die Windelei haben.

Wie gerufen kommen daher Angebote wie das der Amerikanerin Lora Jensen. In ihrem E-book-Ratgeber "3 Day Potty Training" verspricht sie "überraschende" Erfolge mit ihrer besonderen Methode.

Mit 21 Monaten bereit fürs Trockenwerden?

"Ich bin überzeugt davon, dass alle Kinder bereit sind, aufs Töpfchen zu gehen, sobald sie 21 Monate alt sind", so die Autorin. Und auch "sture" und "ängstliche" Kinder ? könnten mit ihrem Training lernen, in drei Tagen trocken zu werden.

Klingt fantastisch und entsprechend groß ist auch die Resonanz - in den sozialen Netzwerken ist "3 Day Potty Training" ein Renner, sogar US-Fernsehsender berichteten darüber.

Was macht das Training von Lora Jensen aus? Die Schlüssel zum Erfolg sind ihrer Meinung nach: 1. Keine Ablenkung. Man solle sich wirklich drei Tage lang nur auf das Pipi und Kaka machen konzentrieren, Fernsehen und Handys zum Beispiel seien tabu. 2. Alle Windeln müssten aus dem Haus verbannt werden. 3. Man dürfe das Kind nicht fragen: "Muss du aufs Töpfchen?", sondern solle es drei Tage lang regelmäßig erinnern: "Denk daran, dass du Bescheid sagst, wenn du aufs Töpfchen musst." Es sei wichtig, dass das Kind sich für sein Geschäft selbst verantwortlich fühle, so Jensen.

Und funktioniert's? Auf Jensens Facebook-Seite melden sich viele Mütter, die begeistert sind und bei denen das Thema tatsächlich nach drei Tagen durch war.

Angst vorm Töpfchen

Doch es gibt dort auch andere Stimmen, wie der Hilferuf dieser Mutter, die zwei Söhne erfolgreich mit der Methode trocken bekommen hat, doch beim dritten Kind scheitert: "Ich habe große Probleme mit meiner dreijährigen Tochter. Sie weiß, wann sie muss, aber hat solche Angst, sich aufs Töpfchen zu setzen, sie hält es stundenlang an und weint und hält das Pipi zurück. Heute ist schon Tag 3 und mir graut vor dem nächsten Tag."

Dieser Kommentar zeigt den großen Haken an solchen Blitzprogrammen: Sie können den Druck auf die Eltern und Kinder noch erhöhen, wenn es nicht klappt, sodass der Effekt gleich Null ist - oder das Trockenwerden sogar noch erschwert.

Die Blasenkontrolle ist eine Frage der Reife

Denn nach allem, was die Forschung heute weiß, können solche Methoden gar nicht zuverlässig funktionieren, weil das Trockenwerden keine Frage des Trainings, sondern der Reife ist. Die Reifungsschritte, die das Kind braucht, um Blase und Darm zu kontrollieren, werden vom Gehirn aus gesteuert - und bei jedem Kind folgen die Schritte einem individuellen Zeitplan.

Die bekannteste und aufwändigste Studie dazu hat der Schweizer Kinderarzt Remo M. Largo durchgeführt. Demnach konnten die meisten Kinder erst mit ca. 3 Jahren Blase und Darm nachts und tagsüber zuverlässig kontrollieren - und zwar völlig unabhängig davon, ob und wann die Eltern mit dem Kind geübt haben.

"Die Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle ist ein Reifeprozess, der nicht beschleunigt werden kann, indem das Kind besonders früh oder oft auf den Topf gesetzt wird", so Largo.

Allerdings sollten die Eltern das Kind gut beobachten. Sobald der Zeitpunkt zum Trockenwerden gekommen sei - das Kind also in der Lage ist, zu erkennen, wann es aufs Klo muss - sollten Eltern es motivieren und unterstützen. Zum Beispiel mit saugfähigen Hosen, die das Kind selbst herunterziehen kann. Und ja, auch, indem sie es regelmäßig aufs Töpfchen setzen. Wartet man nämlich allzu lange, gewöhnt sich das Kind zu sehr an die bequeme Windel.

Wichtiger als spezielle Methoden seien dabei "Belohnung, Lob und Warmherzigkeit", sagt auch Alexandra Vermandel, Urologin an der Universität Antwerpen laut Sueddeutsche.de. Fehle es an Unterstützung oder werde zu viel Druck ausgeübt, könne dies dazu führen, dass Kinder Angst bekämen und dass sie sich erst recht einnässten.

War früher alles besser?

Oft hören wir von unseren Eltern, dass die Kinder ja zu ihrer Zeit viel früher trocken geworden seien. Oder es gibt Berichte von Naturvölkern oder anderen Kulturen, die ganz ohne Windeln auskämen und deren Kinder schon mit 12 Monaten aufs Klo gehen könnten.

Bei solchen Berichten muss man aber bedenken, dass in diesen Fällen die Mütter oft viel näher und enger am Kind dran waren, es intensiver beobachten und so in dringenden Fällen schneller reagieren konnten - etwa indem sie noch rasch das Töpfchen unterschoben. Das heißt aber noch lange nicht, dass das Kind dann wirklich nach unserer heutigen Definition "trocken" war.

Also gilt auch hier wieder die Regel:

Macht euch nicht verrückt! Sicher könnt ihr Tipps und Tricks ausprobieren, aber bedenkt dabei: Zu viel Druck hat noch nie jemanden weiter gebracht, weder Kinder noch Mütter.

miro

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