Neues Buch verspricht perfekte Einschlafmethode - was ist dran?

Ein neues Kinderbuch verspricht, Kleinkinder in nur wenigen Minuten zum Einschlafen zu bringen - Tag für Tag. BRIGITTE-Redakteur Henning Hönicke hat es am lebenden Objekt getestet.

Buch als Schlafmittel - Wunderwaffe für Eltern?

Ja, ich gebe zu, die Versprechen auf dem Klappentext sind verführerisch: Einfach dieses Buch vorlesen, und das Kind schläft tief und selig. Oder, wie der Hersteller es ausdrückt: "Mit Hilfe von psychologischen Techniken und der speziellen Art, in der das Buch aufgebaut ist, schläft das Kind gut ein, häufig bereits, bevor die Geschichte zu Ende ist."

Okay - klingt jetzt ein bisschen hart, "psychologische Techniken" anzuwenden, um seine Kinder ins Bett zu bringen. Andererseits: Meine Kinder sind drei und fünf Jahre alt und haben psychologische Kriegsführung geradezu perfektioniert, wenn es ans verhasste Einschlafen geht. Das Arsenal reicht von Standards wie "Aber ich habe schon wieder Durst!" über zahlreiche Expeditionen um noch "ein letztes" Kuscheltier mit ins Bett zu holen, bis zum Frontalangriff (etwa die Überraschungs-Attacke, als beide Kinder plötzlich um elf Uhr mit roten Zipfelmützen ins Wohnzimmer rannten und "Frohe Weihnachten, der Weihnachtsmann muss nachts arbeiten!" riefen). Nee, Jungs! Wenn ihr mit solchen Tricks arbeitet, kann ich auch diesem Buch eine Chance geben.

"Das Kaninchen, das so gerne einschlafen will: eine etwas andere Gutenachtgeschichte"

Wie genau soll das Ganze überhaupt funktionieren? Die "psychologischen Tricks" sind eine Reihe von Entspannungsübungen, gekoppelt mit Phrasen, die dem Kind große Müdigkeit suggerieren. Für die Eltern gibt es genaue Anweisungen: Einige Teile eher leise lesen, bestimmte Phrasen besonders betonen und in diesem Wechsel das Kind in den Schlaf lullen. Klingt sehr technisch und nicht gerade liebevoll. Das soll klappen?

Der Praxistest: Was kann der Schlafe-Hase wirklich?

Wahnsinnig mitreißend ist der erste Eindruck vom Hasen nicht: Die Illustrationen sind potthässlich, und die Geschichte haut mich auch nicht vom Hocker. Vielleicht ist das der eigentliche Trick: Kinder in den Schlaf zu langweilen? Auch gut, mir ist jedes Mittel recht.

Die Geschichte beginnt geradezu aggressiv unaufgeregt: Der müde Hase wird erst einmal in direkten Bezug zu meinen Kindern gebracht. Laut Text ist er genau so alt wie sie und mag die gleichen Sachen, der perfekte Identifikationshase für widerspenstige Wachbleiber also.

Die erste Überraschung:

Meine Kinder lauschen gebannt. Während normalerweise beim Vorlesen laufend Nachfragen kommen (oder die misstrauische Vermutung, ich würde spannende Ilustrationen geheim halten), hören alle einfach zu. Selbst mein Dreijähriger, der sonst irgendwann mit einem höflichen "Ich muss jetzt leider aufstehen, Papa!" Bett und Kinderzimmer verlässt, ist komplett gebannt von der Geschichte.

"Deine Augen werden schwer ... ganz schwer ..."

Schnell lassen wir den dünnen Plot hinter uns und kommen in den suggestiven Bereich: Der Hase erinnert er sich, wie gerne er auf dem Spielplatz schaukelt ... vor ... und zurück ... ganz ... entspannt. Toll. So fühlt es sich also an, Jahrmarkts-Hypnotiseur zu sein. Ob ich wohl auf Ebay günstig an einen schwarzen Zylinder und ein Pendel komme? Meine Augen manisch aufreißen kann ich schon.

"Papa?" Oh. Doch noch eine Unterbrechung. Ein Glück, so leicht lassen sich meine Kinder nicht gehirnwaschen. "Ja?". "Die Geschichte macht mich müde. In echt."

Verrückt. Das von dem Kind, das sich mal vierzig Minuten auf dem Flur versteckt hat, nur um triumphierend zu rufen: "Ich WUSSTE, dass ihr doch noch fernseht heute Abend!"

"Die Geschichte macht mich müde. In echt."

Also weiter im Text: Der Hase macht sich auf den Weg zum Schlaf-Zauberer (ist das eigentlich ein Ausbildungsberuf?) und trifft noch ein paar Tiere, die tierisch gute Einschlaf- und Entspannungstipps drauf haben (aber warum sind sie dann selbst noch wach? Ich durchschaue deine Lügen, "schläfrige Schnecke!").

Das alles ist so unfassbar öde, dass ich abdrifte und ein paar Minuten brauche um zu merken, dass meine Kinder inzwischen schlafen. In echt. Meine. Kinder. Schlafen. Nach 15 Minuten. Habe ich ein neues Lieblingsbuch gefunden?

Einschläfern mit Hasen-Hilfe: Fazit nach einer Woche

Die Autoren betonen, dass die Geschichte immer besser funktioniert, je öfter man sie vorliest. Klar - die Kinder kennen die Entspannungstechniken und sind vielleicht auch empfänglicher für die Suggestiv-Phrasen. Ich will jetzt nicht zu viel auf diese Hypnosetricks geben, schließlich bin ich nicht Dr. Mabuse. Vielleicht liegt der Erfolg auch einfach daran, dass die Geschichte knapp 20 Minuten dauert. Das ist deutlich länger als die Kinderbuch-Kapitel, die ich sonst vorlese. Garantiert entspannen sich meine Kinder allein schon wegen so viel Extra-Zeit und Aufmerksamkeit einfach besser.

Fest steht: Das Buch funktioniert prima, zumindest bei meinen Kindern. Nach einer Woche sind beide nicht nur zuverlässig spätestens am Ende der Geschichte eingeschlafen, sie lieben das Buch sogar heiß und innig. Verrückt.

Schlafmittel mit Eltern-Nebenwirkungen

Das alles klingt natürlich nach einem Geschenk für gestresste Eltern, aber der Preis für den schnellen Kinderschlaf ist hoch. Geschichten vorlesen soll, meiner Meinung nach, vor allem Spaß machen und ein letztes Highlight vor dem Schlafengehen sein. Wir erleben zusammen ein spannendes oder lustiges Abenteuer, über das wir uns am nächsten Morgen noch einmal unterhalten und uns auf das nächste Kapitel freuen.

Der schläfrige Hase ist da eher wie literarische K.O.-Tropfen: Er hinterlässt keine Erinnerung an den vorherigen Abend, sondern sorgt nur dafür, dass man schnellstmöglich wegdämmert.

Und: Die Geschichte ist so stumpf, dass Eltern schon eine sehr hohe Langeweile-Toleranz mitbringen müssen. Statt Lachen über Pippi Langstrumpf, mitfiebern mit Jim Knopf oder fantasieren über "Wo die wilden Kerle wohnen" habe ich jetzt schlafende Kinder - das war's. Und nach einer Woche stelle ich fest: Wache Kinder sind mir dann doch lieber.

Bye bye, boring Bunny!

Also, lieber Schlaf-Hase: Du verstehst was von deinem Job, aber du bist weniger eine Geschichte als ein Werkzeug; ein Aus-Schalter für Kinder, die lange aufbleiben wollen. Nach besonders anstrengenden Tagen, wo man abends nicht noch mehr Streit braucht und einfach entspannen möchte, ist das auch völlig okay. Aber Schlaftabletten sind ein Mittel, das man nur einsetzt, wenn es wirklich sein muss, und auch du bist eher die rezeptpflichtige Notbremse. Regelmäßiger Gast am Kinderbett wirst du garantiert nicht - dafür freue ich mich viel zu sehr darauf, mit meinen Kindern bald Harry Potter zu treffen und noch viele andere Kinderbuch-Abenteuer zu erleben.

Das Kaninchen, das so gerne einschlafen will: eine etwas andere Gutenachtgeschichte, CreateSpace Independent Publishing Platform, Taschenbuch: 16,05€; oder als Ebook für 4,99€.

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