Bodyshaming: Wenn Kinder sich gegenseitig dick nennen

Manchmal muss man seine Kinder ganz anders erziehen, als man anfangs für richtig hielt: Till Raether hätte nie gedacht, dass er eines Tages zu Unversöhnlichkeit ermuntern würde.

Was man sich nicht vorstellen kann, bevor die Kinder da sind: diese unfassbare Wut. Buchstäblich unfassbar, weil sie einen zu sprengen droht, weil man als Gefäß eigentlich zu klein für diese Wut ist. Atme, sage ich mir dann. Zeig dem Kind, dass du dich unter Kontrolle hast, und damit womöglich auch die Situation. Gewinn Zeit, frag noch mal nach. Also. "Entschuldige, aber was hat Portia gesagt?"

"Dass ich mal eine Diät machen soll." Ich schüttele ganz langsam den Kopf. "Was für ein Quatsch", sage ich lahm. Das Kind isst ungerührt weiter seine Käsestulle und sagt: "Habe ich auch gesagt. Ich hab gesagt, das ist Bodybeschämung." Das 21. Jahrhundert ist schon ganz gut angebrochen, die Zukunft ist da, aber in den Grundschulen sagen die Kinder einander, sie seien zu dick. Sie fragen einander, wie viel sie wiegen, und zählen sich gegenseitig die Bissen in den Mund. Vor einigen Monaten schrieb die Bloggerin Journelle auf Facebook, ihre sieben Jahre alte Tochter hätte trotz warmen Wetters eine Strickjacke in die Schule anziehen wollen. Warum? Weil die anderen Kinder Witze über ihre "dicken Arme" machen. Dicke Arme. Bei einem Kind. Und andere Kinder, denen das auffällt. Die überhaupt einen Blick und eine Kategorie dafür haben. Und daneben das Foto einer Siebenjährigen mit völlig normalen, wunderbaren Armen.

Körperideale bei Mädchen und Jungs

Wie mein Kind sagt: Bodybeschämung. Der amerikanische Kampfbegriff für jede Art von Dickenwitzen, Dürrenbashing, ungewollten Diät-Tipps, fiesen Profilfoto-Kommentaren und so weiter lautet "bodyshaming". Er ist mir mal rausgerutscht, als wir beim Abendessen über das Thema geredet haben, und dem Kind ist er hängen geblieben, halb eingedeutscht. Weil er treffend ist: Es geht um deinen Body, deinen Körper, von dem wir froh sind, dass er gesund ist, auf Bäume klettern, in Seen springen, auf dem Roller stehen und Räder schlagen kann. Aber es reicht vielen nicht mehr, froh zu sein über Körper: Sie müssen auch einem Ideal entsprechen. Im Moment ist das: dünn. Der Moment dauert schon mindestens 100 Jahre. 100 Jahre zu lange. Wobei, das Ideal ist nur bei Mädchen dünn. Bei Jungen ist es: muskulös, aber dünn. Wenn du nur dünn bist, bist du "ein Lauch".

Die Standards der Erwachsenenwelt übertragen sich auf Kinder

Ehrlich gesagt bin ich erstaunt über die Vehemenz meiner Wut. Vieles, was mir eigentlich nahegehen sollte, lässt mich kalt. Aber etwas zerbricht in mir, wenn Kinder einander für ihr Aussehen hänseln. Die Wut wurzelt nicht im persönlichen Erleben. Wie ich auf alten Fotos sehe, war ich wirklich keine Augenweide, aber außer ein paar "Tilli mit der Brilli"-Witzen hatte ich nichts auszustehen. Ich glaube, die Wut hat zwei Ursachen. Es sollte mich nicht überraschen, aber es regt mich auf, wenn die kranken Standards der Erwachsenenwelt natürlich auch bei den Kindern ankommen. Schlimm genug, wenn wir uns das Leben zur Hölle machen. Aber auch noch den Kindern? Denn natürlich haben sie das von uns, die wir beim Essen sorgenvoll über Kohlehydrate, Transfette und Kalorien reden wie die frühen Menschen über Erdgeister und Dämonen. Jeder nicht wirklich adipöse Erwachsene, der in Hörweite seines Kindes sagt: "Boah, die Jeans passt auch nicht mehr, ich muss dringend ein paar Kilo abnehmen", zahlt ein auf den Wahnsinn und ist mitschuldig. Denn die Jeans geht ja noch. Man redet halt so vor sich hin und wär gern fünf Kilo leichter. Klar, der Typ mit der Jeans, das bin auch ich. Meine Wut ist auch eine auf mich selbst.

Die Gemeinheit des Bodyshamings

Das Zweite, was mich aufregt: die ganz grundsätzliche Gemeinheit der Bodybeschämung. Das Leben ist so verdammt hart, selbst in unserer, der besten aller derzeitigen Welten. An so vielen Seiten musst du als Erwachsener und erst recht als Kind rackern, kämpfen, strampeln, und dann kommt jemand und kritisiert das Allerelementarste, was du hast, den Körper, mit dem du dich durch diese irre anstrengende und komplizierte Welt bewegst? Wie gnadenlos und hart ist es, einander so grundsätzlich in Frage zu stellen.

Erziehungsziel Gelassenheit gescheitert?

Die Kinder nehmen es mit viel mehr Gelassenheit als ich. Aber wer weiß, wie’s drinnen aussieht. Man kann ja von Jahr zu Jahr schlechter reingucken. Vielleicht merke ich die Strickjacke nur nicht, die sie nicht ausziehen wollen. Jedenfalls nehmen sie es nicht so ernst, und es fällt ihnen negativ auf, wenn Kinder andere beschämen. Im Prinzip war das immer mein Erziehungsziel: Gelassenheit, Dinge an sich abperlen lassen, alles nicht so ernst nehmen. Aber wieder einmal habe ich mich getäuscht. Ich rede mich in Rage, ich peitsche die Kinder auf, weil ich Angst habe, dass vielleicht doch was hängen bleibt, und dass sie dann am Ende vielleicht doch denen gefallen wollen, die finden, dass ihr Körper mehr dem Ideal entspricht. Bei so vielem eiere ich herum in der Erziehung, aber in einer Sache bin ich ganz klar: Wer sagt, jemand braucht eine Diät, und Mellie wiegt schon fünfzig Kilo, und Marek hat keinen Hals und Eva Plattfüße, und wer lacht, weil jemandem der Badeanzug kneift oder die Sporthose: Das, liebe Kinder, sind eure Feinde, und egal wie ihr ausseht, und egal, wie sie aussehen, ihr werdet niemals so hässlich sein wie sie.  


Till Raether (48) schreibt nicht nur hier, sondern hin und wieder auch in seinen Kriminalromanen über Kinder-Themen. Sein aktueller Krimi handelt von Ausgrenzung in der Schule und heißt "Neunauge" (14,99 Euro, Rowohlt Polaris).

Brigitte MOM 04/2017

Wer hier schreibt:

Till Raether

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Kind steht vor Spiegel unscharf
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