Eltern kurz vorm "Durchdrehing": 10 Tipps von einer Lehrerin, um beim Homeschooling nicht verrückt zu werden

Das Coronavirus breitet sich aus, die Schulen sind zu. Eltern sorgen sich um die Noten ihrer Kinder. Lehrerin Lisa Reinheimer gibt Tipps für diese Zeit.

BRIGITTE.de: Liebe Frau Reinheimer, Sie sind Lehrerin und Lerncoach und geben Eltern mit Ihrem Blog & Podcast "Klassenheld" Tipps, um ihre Kinder glücklich und erfolgreich durch die Schule zu bringen. Wie erleben Sie jetzt die Zeit der Schulschließungen?

Lisa Reinheimer: "Als große Herausforderung, aber auch als große Chance – für Eltern, Lehrkräfte und Schüler*innen! Zwischen Homeoffice und Homeschooling erlebe ich Eltern zur Zeit häufig kurz vorm 'Home Durchdrehing'. Eltern sind überfordert.

Lisa Reinheimer ist Lehrerin und Lerncoach. Mit ihrem #1-Podcast "Klassenheld" befähigt sie Eltern und Pädagogen, ihre Kinder glücklich und erfolgreich durch die Schule zu bringen. Ihr Wunsch: dass jedes Kind eine glückliche Schulzeit hat und die Schule gestärkt verlässt - mit guten Noten und schönen Erinnerungen. 

Sie wissen nicht, wie sie ihre Kinder motivieren können, überhaupt etwas für die Schule zu tun oder sie sitzen den ganzen Tag neben ihren Kindern und werden zum 'Ersatzlehrer'. Warum?

In der Schule bekommen Kinder ständig Informationen und Anweisungen von außen, ihr Tag ist klar in Fächer strukturiert, jetzt sollen sie selbst Struktur in die Materialien bringen, die Lehrkräfte ihnen teilweise stapelweise mitgeben oder per Mail zuschicken. Das können Kinder nicht.

Sich selbst zu organisieren, sich selbst zu motivieren – das sind Fähigkeiten, die Kinder in der Schule bisher leider nie gelernt haben. Dafür brauchen sie jetzt, gerade am Anfang, ihre Eltern: Struktur geben, den gewaltigen Berg an Aufgaben in machbare Häppchen unterteilen.

Ist das geschafft, haben Kinder die Chance Lernen zu lernen. Eine Fähigkeit, die meiner Meinung nach in einer Gesellschaft, in der lebenslanges Lernen schon jetzt unabdingbar ist, nur von Vorteil sein kann. Ein paar Tricks dazu, wie das gelingen kann, verrate ich später in diesem Interview." 

Viele Eltern machen sich bestimmt große Sorgen. Wochen- oder vielleicht sogar monatelang keine Schule, stattdessen Unterricht von den Eltern zu Hause. Wie kann ich verhindern, dass mein Kind in der Schule den Anschluss verpasst?

"Was muss? Was kann? Bis wann? Das sind die drei wichtigsten Fragen, die Eltern jetzt ihren Sprösslingen stellen dürfen, um den Überblick nicht zu verlieren. Von dem Berg an Aufgaben sind viele Kinder geradezu gelähmt und beginnen erst gar nicht. Mit jeder Woche im Homeschooling wird dieser Berg jedoch größer – das darf nicht passieren.

Wenn dein Kind sein Bestes gibt, die wichtigsten Aufgaben erledigt und an die Lehrkräfte zurückschickt, sodass diese Rückmeldungen geben können, die dein Kind weiterbringen, kann es den Anschluss gar nicht verpassen.

Im Gegenteil: Kinder können diese Zeit sogar nutzen, um alte Lücken zu schließen oder Themen, die sie besonders interessieren zu vertiefen, dabei helfen zum Beispiel Lern-Apps wie 'SimpleClub'.

Macht es Sinn, sich parallel zu den Aufgaben aus der Schule mehr auf Inhalte aus dem realen Leben zu konzentrieren, etwa "Wie schütze ich mich vor Viren?", "Was bedeutet Solidarität?", "Wie mache ich eine Steuererklärung?" oder "Wie backe ich Brot?". Die Corona-Zeit könnte ja auch eine Zeit der Neu-Entdeckung dessen sein, was wir unseren Kindern beibringen möchten und müssen. 

"Auf jeden Fall! Kinder und Jugendliche sind diejenigen, die am wenigsten von dem Virus gefährdet sind. Sie können jetzt wahre Heldinnen und Helden werden: Im Haushalt helfen, im Garten arbeiten und an allem teilhaben, was die Eltern gerade beschäftigt – zum Beispiel die Steuererklärung.

Große und kleine Kinder können Rechnungen nach Datum sortieren und so unterstützen. Sie können ihren Großeltern, die sie ja gerade nicht sehen dürfen, eine Freude machen, indem sie ihnen Geschichten oder aktuelle Nachrichten vorlesen, aufnehmen und schicken. Briefe und Postkarten schreiben, freut die oder den Empfänger/in und fördert die Schreibkompetenz der Kids. 

Teenager fallen schnell in den "Netflix & Chill-Modus" und konsumieren aktuelle Nachrichten über Plattformen wie TikTok. Dort sind komplexe Informationen sehr verkürzt und dramatisch dargestellt. Je krasser, desto mehr Klicks.

Jugendliche können die Corona-Situation nutzen, um ihre Medienverhalten kritisch zu hinterfragen und das Virus ganz bewusst auf anderen Seiten recherchieren. Eltern können ihren Jugendlichen ganz bewusst 'Recherche-Aufträge' geben über alles, was die Familie gerade interessiert: Was passiert noch gerade in der Welt? Wie funktioniert eigentlich ein Motor? Was auch immer!

Die Antworten teilen die Jugendlichen dann ganz ungezwungen beim gemeinsamen Abendessen mit - und entdecken nebenbei vielleicht etwas, wofür sie brennen."

Coronavirus: Angst bei Gemüse

Auch für die Eltern bedeutet diese Zeit eine große Belastung. Viele müssen Homeoffice und die Betreuung ihrer Kinder vereinbaren, dazu kommen oft Ängste vor dem Virus und zunehmend auch finanzielle Sorgen, denn bei vielen Menschen sind inzwischen die Jobs bedroht. Wie kann ich mit dieser nervlichen Belastung umgehen?

"Mit Optimismus! 'Am Ende wird alles gut.' Das ist ein Ankersatz, den ich mir immer und immer wieder sage, wenn ich merke, dass ich mich in Sorgen reinsteigere. 'Am Ende wird alles gut. Am Ende wird alles gut. …'.

Wenn die Stimmung dennoch ganz im Keller ist, stelle ich mich vor einen Spiegel und lächle mich an. Die Laune steigt und das funktioniert nachgewiesen bei jedem. Dem einen hilft Meditation, der anderen ausgelassenes Tanzen und Singen. 

Diese Situation ist mit Sicherheit eine großartige Chance, dass sich alle Familienmitglieder in Dankbarkeit üben. Um emotional ausgeglichen zu sein oder um festzustellen, was mir gerade fehlt, kann man sich als Familie jeden Abend folgende Fragen stellen: 

  • Was habe ich heute getan, auf das ich stolz bin?
  • Wo habe ich mich heute sicher und geborgen gefühlt?
  • Was habe ich heute Neues gelernt? Oder: Was hat mich inspiriert?
  • Wofür bin ich heute dankbar?
  •  Womit habe ich heute anderen eine Freude gemacht?"

Tricks aus dem Lerncoaching

Am Ende möchte ich Eltern unbedingt noch den Druck nehmen, dass alles, was ihre Kinder im Homeschooling bearbeiten, perfekt sein muss. Viele Erwachsene haben Angst vor Fehlern und korrigieren deswegen alle Abgaben ihrer Kinder, bevor sie sie an die Lehrkräfte schicken. Fehler sind Freude. Fehler sind Lerngelegenheiten und gehören zum Lernprozess unbedingt dazu.

Zwei Tipps, wie das Lernen zu Hause leichter fallen kann:

1. Manche Kinder lernen nur, wenn die Mama oder der Papa dabei sind. Das kann daran liegen, dass sie einfach nicht gerne alleine in ihrem Zimmer sind.

Da helfen zwei Tricks: eine Arbeitsunterlage auf dem Esstisch, die signalisiert "Jetzt wird gelernt!" und "Baustellenkopfhörer". Diese halten ablenkende Geräusche fern und können ganz wunderbar von den Kids mit Glitzer oder Stickern individualisiert werden. So können die Kinder mitten im Geschehen sein und dennoch ungestört lernen.

2. Wenn Kinder alle paar Minuten neben den Eltern stehen und sagen "Mamaaaa, ich verstehe die Aufgabe nicht!", kann das für den eigenen Homeoffice-Tag ziemlich unproduktiv werden.

Mit dem Kind kann man folgende Regel einführen:

  • Aufgaben, die es gar nicht versteht, markiert es mit einem orangenen Post-it-Zettel.
  • Aufgaben, bei denen es sich unsicher ist, bekommen einen gelben Zettel.
  • Und Aufgaben, die es super fand und wofür es sich später ein Lob abholen mag, werden mit einem grünen Zettel markiert.

Immer zum Mittagessen oder immer am Abend kommt es dann mit dem ganzen Stapel zu den Eltern.

Der Effekt: Das Kind sieht, dass es neben den orangenen und gelben Zettel auch ganz viele grüne Markierungen hat und auch alleine schon ganz viel schafft.

Das stärkt langfristig das Selbstvertrauen der Kinder -  das Vertrauen in sich und in das, was man kann. Und das ist meiner Meinung nach die wichtigste Fähigkeit, die wir unseren Kindern mitgeben dürfen, um glücklich und erfolgreich durch die Schule aber auch durch das Leben zu kommen.

Mehr Tipps von Lisa Reinheimer und ihren Podcast "Klassenheld" findet ihr auf Instagram und Facebook und YouTube.

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