Darf ich fremde Kinder ungefragt erziehen?

Ein fremdes Kind benimmt sich im Café daneben. Eingreifen oder den Mund halten? Drei Erziehungsexperten sagen, was ihrer Ansicht nach das Richtige ist.

Familientherapeut Jesper Juul, die Schriftstellerin Kirsten Boie und die Pädagogin Katharina Saalfrank sind die Autoren der beliebten Kolumne "Familientrio" der Süddeutschen Zeitung. Jetzt kann man die gesammelten Fragen und Antworten zur Kindererziehung endlich nachlesen: in dem unterhaltsamen Ratgeber "Was tun, wenn der Hamster den Löffel abgibt?" (Beltz Verlag).

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Wir zeigen hier einen Auszug zu einer Frage, die ihr euch vielleicht auch schon gestellt habt:

Darf man fremde Kinder ungefragt erziehen?

"Neulich war ich in einem Café, in dem eine Familie mit zwei Jungs im Grundschulalter am Nebentisch saß. Der eine beschimpfte den anderen laut als 'Schwuchtel', die Eltern haben kaum reagiert. Ich hätte am liebsten etwas gesagt, habe dann aber nur böse hinübergeguckt. Jetzt ärgere ich mich über mich selbst. Was meinen Sie: Darf man fremde Kinder ungefragt erziehen?"
Marc T.

Das sagen die Experten:

Jesper Juul, Familientherapeut und Autor

Jesper Juul:

"Nein, Sie dürfen nicht miterziehen, aber Sie dürfen etwas zu der Bildung dieser Kinder beitragen, indem Sie Ihre Meinung mit dem gleichen Respekt und der gleichen Empfindsamkeit äußern, wie Sie sich den Umgang der beiden untereinander vorstellen."

Kirsten Boie, Lehrerin und Autorin

Kirsten Boie:

"Ein afrikanisches Sprichwort sagt: 'Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.' Auch wenn wir da in unserer Gesellschaft alle sicherlich Barrieren spüren, finde ich, dass wir uns schon 'einmischen' dürfen. Da gibt es viele Situationen, zum Beispiel wenn wir beobachten, dass ein Kind ein anderes Kind quält, etwas im Supermarkt mitgehen lässt oder Ähnliches. So etwas gehört nicht nur in den Verantwortungsbereich der Eltern, sondern in den aller Mitglieder der Gesellschaft.

Wenn die Eltern wie bei Ihrem Beispiel mit dabei sind, richtet sich Ihre Kritik ja eigentlich an diese, weil sie nicht auf die Beschimpfungen reagiert haben. Und da wird es schwierig und, wie ich finde, sehr situationsabhängig. Vielleicht kann man das Kind trotzdem behutsam ansprechen. Sobald noch andere Zuhörer dabei sind (wie im Caféoder einem anderen öffentlichen Ort), fühlt sich eventuell die ganze Familie bloßgestellt.

Wie könnte dann das Ergebnis Ihres Einsatzes aussehen? Begreift das Kind in dieser Situation tatsächlich, dass und warum es Wörter wie 'Schwuchtel' nicht als Schimpfwörter verwenden sollte?"

Katharina Saalfrank, Pädagogin, bekannt aus der TV-Sendung "Die Supernanny"

Katharina Saalfrank:

"Wie hätten Sie reagiert, wenn eine Gruppe Erwachsener so lauthals mit diesen Beschimpfungen in der Öffentlichkeit umgegangen wäre? Würden Sie sich auch so positionieren und ungefragt 'erziehen' wollen? Ging es Ihnen um die Kinder, die sich 'nicht benehmen', oder um die Beschimpfung mit dem Wort 'Schwuchtel'? Wenn Sie etwas zu diesem Umgang und der Art der Streiterei sagen wollen, sollten Sie weniger mit den Kindern als mit den Eltern ins Gespräch kommen. Denn wie Sie schon haben durchblicken lassen: Die Eltern sind hier verantwortlich, auch wenn diese anders reagiert haben, als Sie sich das gewünscht hätten. Zudem bekommen die Kinder über das Gespräch, das Sie mit den Eltern führen, sehr wohl mit, dass Sie mit der Beschimpfung nicht einverstanden sind – und darum geht es Ihnen doch, oder?"

Das Buch: Dreifachrat gegen Elternstress

Noch mehr spannende Fragen zu Kindererziehung und Familienalltag beantworten die drei Experten in dem Ratgeber "Was tun, wenn der Hamster den Löffel abgibt?" (Beltz Verlag, 224 S., 12,95 Euro) Infos dazu und eine Leseprobe findet ihr auf www.beltz.de.

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