Kinder allein unterwegs? In den USA droht dafür eine Anzeige

In Maryland wurden zwei Kinder stundenlang von Behörden festgehalten. Grund: Sie waren allein auf der Straße unterwegs. Der Fall sorgt nun für eine hitzige Debatte um übertriebene Fürsorge.

Während in Deutschland um übervorsichtige "Helikopter-Eltern" diskutiert wird, hat das Thema in den USA schon eine neue Stufe erreicht. Denn dort gibt es nicht nur Eltern, die ihre Kinder am liebsten in einer Glasglocke aufziehen wollen - hier übernimmt zunehmend auch der Staat die Rolle des übertriebenen Beschützers.

Das zeigt dieser Fall, der gerade heiß diskutiert wird:

Der zehnjährige Rafi Meitiv und seine Schwester, 6 Jahre alt, wohnen in einer friedlichen Gegend in Silver Spring im US-Bundesstaat Maryland. Einfamilienhäuser, Parks, wenig Verkehr. Aus Sicht der Eltern gibt es keinen Grund, die Kinder nicht allein nach draußen zu lassen.

So wie an diesem Sonntagnachmittag. Die Geschwister durften in einem Park in der Nähe spielen und sollten um 18 Uhr nach Hause kommen. Allerdings kamen sie nicht nach Hause. Die Eltern machten sich Sorgen.

"Wir haben stundenlang nach ihnen gesucht", so Mutter Daniella laut Washington Post. Um 20 Uhr erfuhren sie endlich, wo ihre Kinder waren: auf der Station des örtlichen "Child Protection Service" (CPS), der sich um Kinder in Not kümmert.

Hebamme Kareen Dannhauer

Kinder durften die Eltern nicht kontaktieren

Was war passiert? Die Kinder waren gerade auf dem Weg nach Hause gewesen und nur ca. 500 Meter vom Haus der Eltern entfernt, als Polizisten sie anhielten und mit dem Auto mitnahmen. Passanten hatten sie gerufen, weil die Kinder ohne Aufsicht unterwegs waren.

Doch statt sie nach Hause zu fahren, brachten die Polizisten sie zum CPS-Büro. Dort wurde es den Kindern zudem nicht erlaubt, ihre Eltern zu kontaktieren. "Sie hatten Angst, dass sie uns nie wieder sehen würden", sagt Danielle Meitiv der Washington Post.

Erst um 22.30 Uhr durften die Eltern die verängstigten Kinder mitnehmen. Ihnen droht nun ein Verfahren wegen Vernachlässigung.

Die Eltern sind "Wiederholungstäter"

Solche Fälle sind nicht selten in den USA. Die Angst vor Missbrauch oder Vernachlässigung ist groß, nicht nur bei Eltern, sondern auch bei den Behörden, die in solchen Fällen unter öffentlichen Druck geraten. Die Polizei hat den Auftrag, schon bei kleinsten Hinweisen auf Vernachlässigung den Kindernotdienst zu kontaktieren. Eltern, die ihre Kinder nicht beaufsichtigen, müssen mit Anklagen rechnen - je nach Bundesstaat variiert dabei die Altersgrenze.

Danielle und Alexander Meitif sind nicht zum ersten Mal ins Visier der Kinderschützer geraten. Sie gehören einer neuen Eltern-Bewegung an, die sich "Free Range Kids" nennt. Sie setzen sich dafür ein, dass Kinder nicht ständig beaufsichtigt und stattdessen zu Selbständigkeit erzogen werden.

Also erlauben die Meitivs ihren Kindern das, was in unserer eigenen Kindheit ganz normal war: allein draußen zu spielen. Dafür hatten sie aber schon früher von der Polizei eine Verwarnung bekommen.

Nach diesem neuen Vorfall haben die Meitivs genug von der Gängelung. Sie wollen gegen das Vorgehen des CPS klagen. Der beruft sich auf ein Bundesgesetz in Maryland, nach dem Kinder unter 8 Jahren nur mit einer Person alleingelassen werden dürfen, die mindestens 13 ist. Allerdings bezieht sich das Gesetz nur auf geschlossene Gebäude oder Autos, nicht auf Parks oder Gehwege.

"Nicht verantwortungsbewusst"

Der Fall hat in den USA eine Debatte darüber in Gang gesetzt, wie sehr sich der Staat in die Verantwortung der Eltern einmischen darf. Während viele das Verhalten der Behörden für übertrieben halten, bekommen Eltern wie die Meitivs auch viel Kritik zu hören.

"Was sie getan haben, war schrecklich", zitiert die Washington Post eine Hausfrau aus Alexandria. "Sie haben schon eine Verwarnung bekommen. Das bedeutet: Tut das nicht nochmal. Aber genau das haben sie getan. Es ist unglaublich."

Auch der Politiker Hans Riemer, Mitglied des Montgomery County Councils, zweifelte öffentlich an der Vernunft der Eltern. "Ich habe von Eltern aus der Nachbarschaft gehört, dass das schon so läuft, seit das Mädchen ein Kleinkind ist", schrieb Riemers in einem Facebook-Post, den er mittlerweile gelöscht hat. "Ein zehnjähriges und ein sechsjähriges Kind allein draußen ist eine Sache, aber ein siebenjähriges und ein dreijähriges Kind sind eine andere Sache. Also glaubt nicht, dass diese Eltern verantwortungsbewusst sind."

Erziehungsexpertin Patti Cancellier vom Eltern-Unterstützungs-Programm in Maryland sieht das anders. Für sie handelten die Behörden "zu extrem" in diesem Fall. "Vielleicht wollen sie ein Exempel an dieser Familie statuieren. Aber ich denke, sie bekämen bessere Ergebnisse, wenn sie die Eltern und Kinder nicht halb zu Tode erschrecken würden."

10 Jahre Haft, weil das Kind im Park spielte

Der Fall erinnert an die alleinerziehende Mutter Debra Harrell, die 2014 verhaftet worden war, weil ihre neunjährige Tochter im Park spielen ließ, während sie in einem Fast-Food-Restaurant arbeiten musste. Das Kind war mit Schlüssel und Handy ausgestattet, trotzdem sahen die Behörden hier einen schweren Fall von Vernachlässigung.

Die Mutter muss nun im Sommer vor Gericht. Ihr drohen bis zu 10 Jahre Gefängnis.

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