Depressionen bei Kindern: Woher sie kommen und wie ihr sie erkennt

Depressionen kommen auch bei Kindern vor - doch oft bleiben sie unerkannt. Ein Gespräch mit Dr. Eva Busch über kindliche Bedürfnisse und Warnzeichen.

Frau Busch, bei zwei bis vier Prozent der Grundschulkinder stellen Fachärzte eine depressive Episode fest, die mehrere Wochen bis Monate andauern kann. Wie äußert sich eine depressive Erkrankung bei Kindern?

Kinder zeigen ganz unterschiedliche Symptome. Das macht die Diagnose so schwierig und deswegen bleiben Depressionen in jungen Jahren oft unerkannt. Kinder mit einer depressiven Erkrankung kommen häufig nicht zur Ruhe. Sie fallen auf, weil sie ständig Lärm machen oder Streit anfangen. Andere ziehen sich zurück, finden keine Freunde und können nicht lustvoll spielen. Die Welt hat für sie keinen Aufforderungscharakter mehr, ist kein bunter Abenteuerspielplatz. Sie fangen alles Mögliche an, aber machen nichts weiter und geben bei der kleinsten Schwierigkeit auf.

Ein Spiel nicht zu Ende bringen, beleidigt aufgeben - das kommt doch bei jedem Kind mal vor. Wo verläuft da die Grenze?

Eine Beispielsituation: Denken Sie an ein kleines Kind, das gerade Fahrradfahren lernt und es nicht über einen kleinen Hügel schafft. Das gesunde Kind hat viel Energie und versucht es immer wieder. Auch wenn es dabei meckert und schreit - kommt es dann doch rüber, ist es voller Glück. Das depressive Kind merkt, dass es schwer wird, hat aber keine Energie, es weiter zu versuchen. Das führt dazu, dass solche Kinder leicht wütend werden. Oft fühlen sie sich auch ausgeschlossen und versuchen, durch aggressives Verhalten Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das klingt ein bisschen nach einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung.

Verschiedene psychische Erkrankungen können zu ähnlichen Symptomen führen. Gerade bei Kindern zeigen sich nicht immer klare Symptome für eine depressive Erkrankung, wie wir sie bei Jugendlichen und Erwachsenen kennen - Rückzug, gedrückte Stimmung oder Lustlosigkeit zum Beispiel. Auch hyperaktives oder aufbrausendes Verhalten, Unkonzentriertheit, Sprunghaftigkeit und motorische Unruhe können Anzeichen für eine Depression sein.

Zur Person

Prof. Dr. Eva Busch ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie leitet das Winnicott-Institut in Hannover.

Sind mehr Jungs oder mehr Mädchen von einer Depression betroffen?

Bis zum Beginn der Pubertät erkranken Jungen insgesamt häufiger als Mädchen an Depressionen. Im Verlauf der Pubertät kehrt sich das Verhältnis um.

Wo liegen die Ursachen für eine depressive Erkrankung?

In den ersten beiden Lebensjahren werden die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung des Kindes gelegt. Um sich gut entwickeln zu können, brauchen Kinder einerseits Sicherheit und Halt - also das, was wir eine "sichere Bindung" nennen. Zudem muss ein Kind in der Mehrheit der Fälle das bekommen, was es in dem Moment, wo es unruhig wird, braucht. Wenn es Durst hat, muss es trinken, wenn es müde ist, muss es hingelegt werden, wenn es wach ist, braucht es Aufmerksamkeit ... Andererseits werden Kinder aber auch mit der Bereitschaft geboren, sich auf die Welt einzustellen und sie zu erobern. Wird diese Vitalität nicht angemessen unterstützt, kann sich eine depressive Erkrankung entwickeln.

Gibt es in allen Gesellschaftsschichten depressive Kinder?

Leider ja. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es wenig zuverlässige Netzwerke gibt. Kinder werden nur noch selten in eine lebendige Gemeinschaft mit Großeltern, Geschwistern, Cousins und Cousinen hineingeboren. Es gibt zu wenig Spielräume und freie Flächen, wo Kinder sich treffen können. Welches Kind kann heute noch einfach loslaufen und toben? Die meisten verbringen, weil es sonst zu gefährlich wäre, fast ihre ganze Zeit unter Aufsicht von Erwachsenen. Dabei brauchen Kinder auch Zeiten, in denen sie sich ihrem Alter entsprechend organisieren und erproben können.

Stehen Kinder heute unter einem größeren Druck als früher?

Das kennen wir ja von uns selber: Der Druck, immer mehr leisten zu müssen, ist ungeheuer hoch. Es wird nie dunkel, es wird nie still, alles ist sehr verdichtet. Wir sind früher mittags aus der Schule gekommen und haben nachmittags draußen gespielt. Jetzt sind die Kinder den ganzen Tag in der Schule. Das ist kein Argument gegen eine Ganztagsschule, aber es ist ein Argument dagegen, dass Kinder so wenig Möglichkeiten haben, sich ohne Erwachsene auszuprobieren.

Viele Kinder sind Scheidungskinder. Sind sie besonders gefährdet?

Bis zu seinem zehnten Lebensjahr sieht das Kind die Welt durch die Augen seiner Eltern. Trennen sie sich, verliert das Kind die Welt, in die es hineingeboren wurde. Es braucht viel Zeit, bis es sich wieder sicher und aufgehoben fühlen kann. Die meisten Kinder finden da zwar mit der Unterstützung ihrer Eltern raus. Trotzdem bleibt die Trennung ein Bruch in ihrer Biografie, der meiner Ansicht nach zu wenig beachtet wird. Es ist nicht leicht, damit klarzukommen, dass es nun zwei Zuhause gibt und dass die Welt nicht sicher ist.

Was kann ich als Elternteil tun, um mein Kind gut durch eine Trennung zu bringen?

Eine Familie zu gründen, ist eine große Veränderung. Natürlich müssen Eltern sich trennen, wenn sie sich gar nicht mehr leiden können. Aber dann müssen sie auch die Konsequenzen tragen. Die Kinder weiterhin gut zu betreuen und gemeinsam die Verantwortung zu tragen, wird sehr viel anstrengender. Wie schafft man es, dass das Kind nicht jeden Morgen überlegen muss, wo es abends hin muss? Was mache ich, wenn der Turnbeutel beim Vater vergessen wurde? Es ist gut, wenn das Kind die Erfahrung macht: "Auch wenn meine Eltern getrennt sind, bringt mir jemand den Turnbeutel."

Wann sollten bei Eltern die Alarmglocken läuten?

Wenn sich das Kind auffällig verhält - es sich zurückzieht, traurig oder unaufmerksam ist, wenn es wenig altersgemäße Interessen hat. Geht das über mehrere Wochen, rate ich, zu einer Beratungsstelle zu gehen oder eine Kinderpsychotherapeutin aufzusuchen. Eine hartnäckige Erkältung lässt man schließlich auch vom Arzt abklären.

Wie kann eine Behandlung helfen?

In einer psychotherapeutischen Behandlung, einzeln oder in Gruppen, haben Kinder ein bis zwei Termine pro Woche, in denen sich der Therapeut oder die Therapeutin ganz auf ihre innere Erlebenswelt einstellt. Sie bekommen dort die Möglichkeit, in einem geschützten Raum - meist über das Spielen - die zugrundeliegenden Konflikte und Hemmungen zu bearbeiten und neue Lösungswege zu finden. Je früher man damit beginnt, desto besser. Denn hat sich eine depressive Erkrankung erst mal in der Persönlichkeit gefestigt, kann die Therapie mehrere Jahre dauern.

Nicole Wehr

Wer hier schreibt:

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