Du hast ein wildes Kind? DAS ist der wahre Grund dafür!

Einige Eltern haben ein Kind, das laut und wild ist, sensibel und gefühlsstark. Was ist der Grund für die extremen Emotionsausbrüche und Wutanfälle? Und wie geht man als Eltern damit um?

Jedes Kind ist anders. Es kommt einzigartig auf die Welt, die Persönlichkeit bildet sich mit der Zeit aus, beeinflusst von Eltern, Geschwistern, Freunden, dem Umfeld und den Genen.

Nun ist es so, dass einige Eltern ein ruhiges Kind haben, das sich gut alleine beschäftigen kann, lieber beobachtet als kommentiert, sich zurückzieht, statt zu schreien. Andere Eltern sehen sich allerdings mit einem Kind konfrontiert, welches das genaue Gegenteil darstellt: Es ist trotzig, bekommt Wutanfälle, weint aus tiefstem Herzen, lacht aus vollem Halse und ist durchgehend aktiv.

Wer sich jetzt fragt "Was ist besser?", stellt schon mal die völlig falsche Frage. Denn jedes Kind ist perfekt, so wie es ist. Jeder Charakter ist individuell und liebenswert – auf seine Art und Weise.

Ein wildes Kind ist nicht "krank"

Ein wildes Kind ist sicher deshalb nicht gleich krank. Es zeichnet sich lediglich durch etwas ganz Besonderes aus: Gefühlsstärke. Dieser Begriff geht auf die Autorin Nora Imlau (So viel Freude, so viel Wut, Kösel Verlag) zurück. Ihr Buch, erschienen 2018, handelt von eben diesen Kindern, die gefühlsstark sind.

Jede Emotion erleben sie doppelt so stark. Ob Freude, Wut, Trauer, Liebe, Sehnsucht, Verlangen oder Abneigung. "Früher hat man gesagt, das sind schwierige, verhaltensauffällige oder auch schlecht erzogene Kinder. Es war mir wichtig, über diese Kinder zu schreiben und auch einen Begriff für sie zu finden, der wertschätzend ist und der sie nicht sofort in eine Problem-Schublade steckt”, erklärt Nora Imlau in einem Interview mit der Huffington Post.

Viele Eltern geben sich die Schuld dafür, wenn ihr Kind "zu" aktiv ist, lauter als andere Kinder, emotionaler reagiert "als üblich". Sie fragen sich, warum andere Kinder auch mal stillsitzen können, ihres aber nicht. Warum andere Kinder sich an Regeln halten können, ihres aber gerne den Rahmen sprengt.

Eltern fühlen sich schuldig für ihr Kind

Nicht unschuldig an der Schuldsuche bei sich selbst ist auch der Aspekt, dass Außenstehende die Eltern für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich machen. Sie geben ihnen Ratschläge, wie sie den Kindern Grenzen setzen und konsequenter sein sollen. Dabei ist etwa jedes siebte Kind weltweit von dieser Persönlichkeitsstruktur betroffen.

Autorin Nora Imlau, selbst Mutter eines gefühlsstarken Kindes, beruhigt die Mamas und Papas mit einem einzigen Satz: "Niemand hat Schuld daran, dass ein Kind mit extremen Emotionen ausgestattet zur Welt kommt." Laut Imlau ist Gefühlsstärke angeboren. Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal, auf das die Eltern höchstens eingehen, es aber nicht verändern können. Denn gefühlsstarke Kinder nehmen ihre Umwelt grundsätzlich intensiver wahr.

"Gefühlsstarke Kinder nehmen mit allen Sinnen besonders stark wahr. Was sie auf der Haut spüren, was sie riechen, was sie sehen und hören – alles wird als sehr intensiv empfunden", weiß Imlau. Eltern können ihren Kindern dabei helfen, mit dieser Gefühlsstärke umzugehen und an ihr zu wachsen.

Alle Gefühle in der Extremvariante

Oft merken Eltern schon kurz nach der Geburt, ob ihr Kind gefühlsstark ist und besonders ausgeprägte Bedürfnisse hat. "Im Gegensatz zu meinen anderen Kindern hatte mein gefühlsstarkes Kind von Anfang an Schwierigkeiten, sich selbst zu regulieren. Es hat unglaublich viel geschrien und geweint und hatte extreme Emotionssausschläge in alle Richtungen. Die meisten Babys haben zwischendurch Phasen, in denen sie zufrieden vor sich hinbrabbeln. Mein Baby hingegen kannte nur überschäumende Freude, völlige Verzweiflung oder tiefste Wut – und nichts dazwischen", erzählt Imlau.

Die intensive Umweltwahrnehmung kann bei den Kindern zu einem Grundstresspegel führen. Denn sie spüren selten eine Mitte. Stattdessen pendeln sie zwischen den Extremen: extrem fröhlich oder extrem traurig, extrem wütend oder extrem liebesbedürftig. Der Umgang mit diesen Emotionen ist für Eltern dennoch schwierig.

Nora Imlau versucht das Empfinden eines gefühlsstarken Kindes den Eltern wie folgt zu erklären: "Alles, was ihr fühlt, fühlt euer Kind noch hundert Mal so stark. Jedes Geräusch ist wie eine Explosion. Jedes normale Licht ist wie ein Blitz. Ihr müsst euch alles in der Extremvariante vorstellen."

Warum sind die Kinder so?

Doch warum sind einige Kinder so, andere nicht? Der Grund dafür liegt in der Gehirnstruktur gefühlsstarker Kinder. Die sogenannte Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, ist bei ihnen sehr empfindlich und wird bei den Kindern schon im geringsten Stresslevel sehr aktiv. Soll heißen: Sehr schnell sendet es ein Signal an das Stammhirn, auf Notfallmodus umzuschalten. Wenn eine Kleinigkeit schiefgeht, fühlt es  sich für sie schon an wie eine Katastrophe. Wer keine Ahnung davon hat, würde es als "Überreagieren" bezeichnen. Doch für diese Kinder ist es eine normale Reaktion.

Wie können Eltern mit diesen großen Reaktionen umgehen? Die Antwort lautet: geduldig, liebevoll, nah. Statt zu schimpfen, sollte man das Kind umarmen, statt sich stressen zu lassen, geduldig abwarten. Vor allem kleinen Kindern muss beigebracht werden, wie sie mit diesen starken Gefühlen umgehen können. Sie brauchen Zuwendung statt Ablehnung.

Kreativ, neugierig, mutig

"Für mich war es eine ganz wichtige Erkenntnis, zu verstehen: Mein Kind macht das nicht mit Absicht, mein Kind will mich auch nicht ärgern. Aber es kann auch nicht meine Aufgabe sein, dauerhaft die Gefühle meines Kindes zu regulieren. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten und herausfinden, wie mein Kind Strategien entwickeln kann, um mit diesen überbordend starken Gefühlen selbst umzugehen", berichtet Nora Imlau. "Die schwierigste Balance für Eltern von gefühlsstarken Kindern ist, verbunden zu bleiben, aber trotzdem die eigenen Grenzen zu wahren: Ich bin für dich da, aber ich lasse mich von dir nicht in dieses große Gefühl mit hineinreißen." Gefühlsstarke Kinder sind nicht schlecht. Im Gegenteil: Sie haben ausgesprochen schöne Eigenschaften, sind überdurchschnittlich oft kreativ, neugierig, mutig, ausdauernd, leidenschaftlich, empathisch und begeisterungsfähig. Jede extreme Emotion ist gleichzeitig auch eine Chance, an ihr zu wachsen, sie zu nutzen.

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