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#GleichesRechtfürEltern "Ich hatte nicht mehr die Kraft zu kämpfen"

#GleichesRechtfuerEltern: Katharina O.
Katharina O., 41, Assistenzärztin aus Hamburg, 2 Kinder von 9 und 3
© Jörg Rothhaar
Elterndiskriminierung ist im Job allgegenwärtig. Hier erzählt Katharina ihre Geschichte. Unterstütze unsere Petition unter www.brigitte.de/petition

Das Jahr 2019 hat mich viel Kraft gekostet. Kurz nach der Rückkehr aus meiner zweiten Elternzeit musste ich mich einer großen Lungen-Operation unterziehen. Ich spürte, dass ich auch nach der Krankschreibung noch nicht wieder voll belastbar war. Deswegen stellte ich einen Antrag, meine Stundenzahl zu reduzieren.

Kurze Zeit später baten mich meine beiden Chefärzte um ein Gespräch. Sie hatten sich hinter einem großen Schreibtisch verschanzt und attackierten mich abwechselnd mit Vorwürfen und Unterstellungen. Ich sei unflexibel, unzuverlässig, unkollegial und unbeliebt. Ob mir klar wäre, dass wegen solcher Teilzeit-Forderungen in vielen Abteilungen schon gar keine Frauen mehr eingestellt würden? Auch sie würden eine teilzeitfreie Station anstreben, da die vielen Schwangerschaften der Ärztinnen die Abteilung zerstört hätten.

Demontage durch private Informationen

Beim Thema Unflexibilität wusste ich sofort, worauf die beiden abzielten, denn wir Mütter wünschten uns planbare Arbeitszeiten. Zuvor waren meine Kolleginnen und ich in einem Gruppengespräch von den beiden dazu gedrängt worden, unsere Elternzeit zu verlängern – mit der Begründung, für die kurze Vertretungszeit könnten sie sonst nur schlecht qualifizierte Ärzte bekommen. Innerlich war ich völlig aufgewühlt. Äußerlich blieb ich ruhig und fragte zu jedem Punkt nach: "Habe ich es richtig verstanden, dass Sie mich als unkollegial bezeichnen, weil ich durch eine Lungen-Operation nicht arbeiten konnte und Kollegen meine Dienste übernehmen mussten?"

Dann drucksten sie herum und wichen aus, weil ihnen deutlich wurde, wie ungeheuerlich ihre Anschuldigungen waren. Ich konnte jeden Vorwurf entkräften, war immer zuverlässig gewesen und hatte nicht einmal meine gesetzlichen Kinderkrankentage voll in Anspruch genommen. Doch sie schossen weiter: Sie hätten trotzdem das Gefühl, ich sei überfordert – genau wegen der Kinder. Die beiden wussten, dass meine kleine Tochter ein Frühchen war. Meinen Antrag auf Reduzierung der Arbeitszeit würden sie nur genehmigen, wenn ich mich nicht aktiv um eine Verlängerung meines befristeten Arbeitsvertrags bemühen würde.

Rückblickend war diese Drohung Quatsch, schließlich hätte die Klinik einfach den Vertrag nicht verlängern müssen. Ich weiß nicht, was sie damit bezweckten. Aber es reichte mir. Ich sagte, dass sei Erpressung, und beendete das Gespräch. Kurze Zeit später kündigte ich. Das Arbeitsklima war auch vorher familien- und frauenfeindlich gewesen, aber private Informationen zu nutzen, um mich persönlich zu demontieren – das war für mich nicht hinnehmbar. Für eine Klage hatte ich keine Kraft mehr. Ich fand schnell eine neue Stelle. Mein neuer Arbeitgeber schätzt mich, auch Teilzeit war kein Problem.

So sieht es rechtlich aus: 

Langwierige, vielfältige und systematische Benachteiligungen sind Rechtsverstöße und belasten viele Frauen auch gesundheitlich – mit der Folge, dass ihnen die Kraft fehlt, gerichtlichen Schutz in Anspruch zu nehmen. In diesem Fall hätten die Chancen nicht schlecht gestanden, Schadensersatz gemäß AGG zu erhalten, aufgrund einer unzulässigen Benachteiligung. Denn eine Schlechterbehandlung und Mobbing wegen der Teilzeit können den Tatbestand einer mittelbaren Geschlechterdiskriminierung erfüllen.

Juristische Einordnung: Rechtsanwältin Sandra Runge  

#GleichesRechtfuerEltern: Logo Petition
© Eltern / Brigitte

#GLEICHESRECHTFÜRELTERN

So unterstützt du unsere Kampagne: Eltern-Diskriminierung ist ein Skandal. Gemeinsam mit dir wollen wir die Politik bewegen, endlich zu handeln. Deshalb haben wir eine Petition gestartet, damit Elternschaft im Antidiskriminierungsgesetz aufgenommen wird. Wir wollen so viele Stimmen wie möglich sammeln und unser Anliegen offiziell beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags einreichen. Unterstütze uns dabei, unterzeichne unsere Petition zur Änderung des AGG auf www.brigitte.de/petition. Die Petition läuft bis zum 31. Mai 2021.

Je mehr Beispiele wir zeigen, desto wirksamer wird unsere Forderung. Deshalb möchten wir wissen, was du selbst als Elternteil im Job erlebt hast. Maile uns deine Geschichte – auch anonym – an elternrechte@brigitte.de und erzähle: Welche Diskriminierungen hast du am Arbeitsplatz erfahren? Wann ist es passiert? Wie hast du reagiert? Diese Geschichten sind wichtige Belege für die Benachteiligung von Eltern. Wir werden sie sammeln und in Berlin übergeben. So erhöhen wir den Druck auf die Politik. Gemeinsam ändern wir das Gesetz!

Alle Infos auf www.brigitte.de/elternrechte und www.proparentsinitiative.de

BRIGITTE 08/2021

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