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#GleichesRechtfürEltern "Ich kann bis heute nicht verstehen, warum man Menschen so behandelt"

#GleichesRechtfuerEltern: Christian F.
Christian F., 34, Finanzbuchhalter aus Berlin, 2 Kinder, 4 Jahre und 6 Monate
© Jens Passoth
Elternzeit als Mann – Christian erzählt, wie er Mobbing und Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebte. Unterstütze unsere Petition unter www.brigitte.de/petition

Drei Jahre habe ich als Finanzbuchhalter in einem inhabergeführten Bauunternehmen gearbeitet. Die Entscheidung für einen Familienbetrieb fiel damals bewusst. Ich fand den Gedanken schön, Teil eines kleinen Teams zu sein, das sich gut kennt.

Doch schnell war klar: Verständnis für familiäre Belange gab es hier nicht. Musste ich mal früher los, um mit meinem Sohn zum Kinderarzt zu gehen, raunte mir meine Kollegin danach zu, dass das nicht so gut angekommen sei. Als ich meinem Chef erzählte, dass meine Frau wieder schwanger ist, nickte er nur desinteressiert. Trotzdem ging ich gern zur Arbeit, weil ich meinen Job mochte und die Kolleg*innen nett waren.

Eltern sind einfach schutzlos 

Pünktlich sieben Wochen vor dem errechneten Geburtstermin beantragte ich bei der Geschäftsführung, dass ich nach der Geburt einen Monat in Elternzeit gehen wollte und später noch einmal sechs Monate. Aber daraus wurde nichts. Noch bevor mein zweiter Sohn da war, bekam ich während eines Urlaubs eine Mail. Darin stand, dass ich ab sofort das Archiv sortieren würde, und zwar von 9 bis 18 Uhr. Meine alten, deutlich familienfreundlicheren Arbeitszeiten wären damit hinfällig. Acht Stunden alte Belege sortieren, die wenig später vernichtet würden! Das war pure Schikane und die Antwort auf meine beantragte Elternzeit, die meine Vorgesetzten nicht akzeptieren wollten. Das war klar zwischen den Zeilen zu lesen.

Ich sollte zum Beispiel plötzlich auch nicht mehr in einer neuen Position arbeiten, wie es geplant war. Ich hatte vorher noch nie Mobbing oder Diskriminierung erlebt und konnte nicht fassen, wie man plötzlich mit mir umging. Dabei wollte ich mich doch nur auf mein zweites Kind freuen und mich nicht mit solchen Streitigkeiten rumplagen. Ich war völlig neben der Spur, fühlte mich auch nicht in der Lage, persönlich mit meinen Chefs zu sprechen, und ging zu meinem Hausarzt. Obwohl ich mich zusammenreißen wollte, liefen bei mir die Tränen, als ich ihm erzählte, was da ablief. Er hat mich direkt krankgeschrieben.

Bis heute schnürt es mir die Brust zu, wenn ich darüber spreche. Einen Tag nach dem offiziellen Ende meiner Elternzeit flatterte schon die Kündigung ins Haus. Vor Gericht der nächste Tiefschlag: Die Richterin erklärte, meine Schutzklage habe keine Aussicht auf Erfolg. Mit nur zehn Angestellten könne der Chef machen, was er will. Das verstärkte mein Gefühl der Hilflosigkeit. Eltern sind einfach schutzlos. Mir fehlte die Energie, mit zwei kleinen Kindern zu prozessieren, also zog ich die Klage zurück. Und wer will schon in so eine Firma zurückkehren, um dort weiterzuarbeiten? Ich habe im Anschluss eine Versicherung für Arbeitsrechtsschutz abgeschlossen und würde mich nie wieder in kleinen Familienunternehmen bewerben.

So sieht es rechtlich aus: 

Benachteiligungen von Vätern, die ihr gutes Recht auf Elternzeit in Anspruch nehmen wollen, finden immer häufiger statt. Eigentlich sollten Väter dabei unterstützt werden, da ein stärkeres Engagement zu einer gerechteren Aufteilung von Sorgearbeit führt. Daher ist es besonders tragisch, dass diese Fälle nicht vom AGG erfasst werden.

Auf Diskriminierung wegen des Geschlechts zu klagen, die das AGG ja abdeckt, scheidet hier aus, da Elternzeit ja sowohl von Müttern als auch von Vätern angemeldet werden kann und somit geschlechtsneutral ist. Hätte der diskriminierende Charakter der Kündigung festgestellt werden können, hätte das helfen können, die Kündigung für unwirksam zu erklären. Der Fall macht deutlich, wie wichtig es ist, die Schutzlücke im AGG zu schließen.

Juristische Einordnung: Rechtsanwältin Sandra Runge  

#GleichesRechtfuerEltern: Logo Petition
© Eltern / Brigitte

#GLEICHESRECHTFÜRELTERN

So unterstützt du unsere Kampagne: Eltern-Diskriminierung ist ein Skandal. Gemeinsam mit dir wollen wir die Politik bewegen, endlich zu handeln. Deshalb haben wir eine Petition gestartet, damit Elternschaft im Antidiskriminierungsgesetz aufgenommen wird. Wir wollen so viele Stimmen wie möglich sammeln und unser Anliegen offiziell beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags einreichen. Unterstütze uns dabei, unterzeichne unsere Petition zur Änderung des AGG auf www.brigitte.de/petition. Die Petition läuft bis zum 14. Juni 2021.

Je mehr Beispiele wir zeigen, desto wirksamer wird unsere Forderung. Deshalb möchten wir wissen, was du selbst als Elternteil im Job erlebt hast. Maile uns deine Geschichte – auch anonym – an elternrechte@brigitte.de und erzähle: Welche Diskriminierungen hast du am Arbeitsplatz erfahren? Wann ist es passiert? Wie hast du reagiert? Diese Geschichten sind wichtige Belege für die Benachteiligung von Eltern. Wir werden sie sammeln und in Berlin übergeben. So erhöhen wir den Druck auf die Politik. Gemeinsam ändern wir das Gesetz!

Alle Infos auf www.brigitte.de/elternrechte und www.proparentsinitiative.de

BRIGITTE 08/2021

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