Embryonenspende: "Endlich habe ich mein Mutterglück gefunden"

Sie war Anfang 40 und frisch getrennt, als das Verlangen nach einem Leben mit Kind übermächtig wurde. Es folgten Inseminationen, Reagenzglas-Versuche, Trauer und Verzweiflung und schließlich: eine Embryonenspende. Das Protokoll einer unstillbaren Sehnsucht.

Aus Spaß sage ich zu meiner zweijährigen Tochter, wenn sie weint: Da habe ich aber kein Kreuzchen gemacht. Und wenn sie irgendwas besonders toll macht: Das kann nur die super Epi-Genetik sein. Späße, die ich mir bloß erlaube, wenn wir zu zweit sind, weil niemand weiß, dass die Kleine das Ergebnis einer Art Labor-Zauberei ist.

Baby mit Brokkoli

Samen und Eizelle wurden bei meiner Tochter willkürlich zusammengemischt

Extremer noch: Dieses Bündel, das mich jeden Tag glücklich macht, ist nicht nur in einer Petrischale entstanden, sondern auch noch in einem fremden Land mit den genetischen Zutaten zweier mir vollkommen unbekannter Wesen: zweier Spender, die sich vermutlich nicht mal gegenseitig kennen. Deren Samen und Eizelle von einem Embryologen oder einer Embryologin willkürlich "zusammengemischt" und nach erfolgreicher Teilung eingefroren wurden. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien genau dieser Zellhaufen für mich ausgewählt wurde. Nur dass ich Fotos von mir und dem Freund, der mir seine Unterschrift für den Papierkram geliehen hat, schicken musste.

"Das ist ja Frankenstein!", empörte sich eine Freundin, als ich erstmals mit dem Gedanken an eine Eizellspende spielte.

Wenn dagegen völlig Fremde angesichts meines Alters von 47 Jahren bei der Geburt meiner Tochter spekulieren, dass es vielleicht nicht mit rechten Dingen zuging, ist mir das egal. Ich spreche trotzdem mit fast niemandem über ihre genetische Herkunft. Ich schweige, staune und bin glücklich, dass alles so ist, wie es ist. Darüber, dass ich nach einem unfassbar langen und harten Weg wie die sprichwörtliche Jungfrau zu diesem absoluten Wunschkind gekommen bin. Und freue mich, dass mein Kind, wie bei "normalen" Eltern in meinem Alter, noch nicht pubertiert, auszieht oder bereits Abi macht.

Ich fühlte mich mit meiner Sehnsucht allein

Ich habe alles, was die Fortpflanzungsmedizin zu bieten hat, hinter mir. Mit Anfang 40 merkte ich unter Adrenalinschüben, dass ich keine Zeit mehr zu verlieren habe, wenn ich ein Baby möchte. Ich war schon ein paar Jahre Single, hatte meinen Freund sogar verlassen, weil er sich nicht für ein Kind bereit fühlte. Er war sieben Jahre jünger als ich und wollte alle Kraft für die Karriere.

Aber ich wollte weiter Richtung Familie. Doch ein neuer Partner lässt sich nicht stricken, noch schlechter, wenn einem auf der Stirn geschrieben steht, dass man nur das eine möchte: Sex! Aber bitte ausschließlich mit Option auf Nachwuchs. Ich fand ein Onlineforum für Singles mit Kinderwunsch und fühlte mich zumindest weniger allein mit meinem alles überstrahlenden oder eher überschattenden Gefühl, Mutter sein zu wollen. Dort fand ich viele wertvolle Tipps.

Mit der Becher-Methode klappte es nicht

Als erstes begann ich mit der Suche nach einem privaten Spender. Den hatte ich auch relativ schnell gefunden. Ein hübscher, schlauer Schauspieler Anfang 30, aus guter Familie, der zuerst den lukrativen Nebenverdienst und nach einiger Zeit seine Aufgabe darin sah, Akademikerfrauen zum Kind zu verhelfen. Er verschenkte sein Sperma an "Bedürftige".

Nach einigen Kennenlern-Runden im Park besuchte er mich nun einmal im Monat in meiner Wohnung, wenn ich meinen Eisprung hatte, verschwand in meinem Bad, überreichte mir anschließend einen Becher mit seinem Sperma und ging. Das, was dann folgte, nennt sich "Becher-Methode". Es gibt Frauen, die die Becher-Methode auf Autobahnraststätten mit anonymen Spendern angewendet haben und so schwanger geworden sind. Für Außenstehende ist die Vorstellung, sich mit dem Sperma eines relativ fremden Mannes in eigener Regie zu befruchten, sicher schwer nachvollziehbar.

Für mich war es ein Befreiungsschlag. Ich habe mich selbstbestimmt und stark gefühlt und nicht mehr wie eine läufige Hündin. Nicht mehr dieser Druck, um die Zeit meines Eisprungs herum in Bars oder Clubs abzuhängen in der Hoffnung, alte oder neue Lover abzuschleppen. Obschon einem in der Not selbst dieser Gedanke kommt; und einem auch Fälle von Frauen zugetragen werden, die sich heimlich den auf Bauch oder anderen Körperteilen gelandeten kostbaren Samen heimlich im Bad mit Löffel und Spritze einverleiben.

Der nächste Versuch: Ein Sperma-Depot in Dänemark

Das habe ich ungefähr ein halbes Jahr lang probiert. Ohne Erfolg. Ich musste härtere Geschütze auffahren. Und machte mich auf den Weg nach Kopenhagen, wo Hebammen in seriösen Kliniken "inseminieren". Manche haben ein Sperma-Depot in der Schweiz, ich hatte eins in Dänemark. Dafür habe ich abendelang Datenbanken durchforstet. Preisgegeben werden nur die Kinderfotos der Spender plus Interviews zur Motivation. Ich habe mir also die allersüßesten Babys ausgesucht und dazu Männerstimmen angehört. Und nach diesen beiden Kriterien sogenannte Straws bei einer internationalen Spermabank bestellt. Ein Straw ist ein Gefäß – ein Halm –, in dem der Samen verschweißt und in einem Stickstofftank bei minus 196 Grad eingefroren und aufbewahrt werden kann. Deutsche Samenbanken sollen übrigens hinterherhinken, was die Qualität von Spendersamen angeht.

Parallel dazu besuchte ich Treffen von Mitgliedern aus dem Forum. Normale, kluge Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Manchmal waren bis zu drei Babys vom selben Spender mit ihnen im Café. Manchmal, nachdem eine der Frauen erfolgreich Mutter geworden war, hing plötzlich ein Angebot für einen Straw mit Sperma von "Woodey" am virtuellen schwarzen Brett.

Zig Versuche später: Immer noch kein Erfolg

Über das Forum erfuhr ich von einem Arzt in Berlin, der Single-Frauen mit Kinderwunsch hilft – ich musste endlich nicht mehr nach Kopenhagen reisen. Ein Versuch, per Monitor überwacht, endete mit gleich sieben oder acht voreilig gesprungenen Eiern, die mit dem teuer erstandenen Samen per Insemination zusammengebracht wurden. Auch wenn die Erfolgschancen gering waren, allein wegen der Menge der Eizellen unverantwortlich. Die private Rechnung, die mir ins Haus flatterte, lag bei über 4000 Euro. Autsch.

Der nächste, ebenso teure Versuch, brachte zwei "brauchbare" Embryonen hervor, die mir beide eingesetzt wurden. Ich war so im Hormonrausch, dass ich mir 100-prozentig sicher war, schwanger zu sein. Meine Brüste schwollen, mein Unterleib pochte. Was sollte das bewirken, wenn nicht mein sehnsüchtig gewünschtes Baby? Alle Frauen in dieser Phase horchen nonstop in sich hinein. Fast alle fühlen sich schwanger.

Dann der Anruf in der Praxis nach dem Bluttest. Negativ. Das ist brutal und kaum auszuhalten. Mir wurde zugetragen, dass es für Mediziner schwer ist, allzu lange in der Kinderwunsch-Branche zu arbeiten, weil sie es mit so einem hochemotional aufgeladenen Thema zu tun haben. Ich kann das von meiner Seite aus bestätigen.

Ohne Kind konnte ich mir kein Leben vorstellen. Auch eine Therapie konnte mich nicht von diesem Wunsch abbringen.

Mein mühsam erarbeitetes Geld schmolz dahin. Der seelische Druck: ohne Worte. Die Sehnsucht nach einem Baby: ungestillt. Der Tunnelblick: offensichtlich. Dazu Freundinnen, die mir rieten: Wenn du nicht aufhörst damit, dann nimmst du Schaden. An Körper und Seele.

Man riet mir zur Eizellspende, aber ich wollte eine Embryonenspende

In der teuren Praxis, die durchaus vielen Frauen zum Wunschkind verhilft, wurde mir ans Herz gelegt, doch zur Eizellspende überzugehen. "Ihre Eier können nichts mehr. Wenn Sie Erfolg haben möchten, dann freunden Sie sich mit dem Thema an. Das können wir hier leider nicht anbieten. Aber im Ausland haben Sie gute Chancen. Zum Beispiel in Spanien, Polen oder Tschechien."

Als Frau ohne Mann habe ich mich lieber gleich für die Embryonenspende entschieden. In England oder Finnland sind offene Spenden möglich – man kann sogar mitbestimmen, wer mit wem gemischt wird. Aber dafür reichte in meinem Fall das Geld nicht mehr, und ich entschied mich für die anonyme Embryonenspende.

Ich reiste diverse Male nach Spanien, hatte mehrere Eileiterschwangerschaften, und mir wurde ein Eileiter mit dem Embryo, der sich dort verirrt hatte, entfernt. Ich war seelisch am Ende. Mit meinen Freundinnen habe ich schon lange nicht mehr über meine "Irrwege" gesprochen. Ich fühlte mich traurig, verloren und hoffnungslos. Ich versuchte, einen Schlussstrich unter das alles zu ziehen, es irgendwie loszulassen und mich neuen Dingen im Leben zuzuwenden. Auch wenn mir keine einfielen.

Ich machte eine lange Pause. Eine Frau aus dem Forum, mit der mich eine ähnliche Leidensgeschichte verband, sagte zu mir: "Du kannst doch schwanger werden, also gib nicht auf." Sie war inzwischen Mutter dank einer Klinik in Tschechien. So bin ich, tieftraurig, zu dieser Klinik gereist und ließ mir unter Tränen einen Embryo transferieren.

Um mich abzulenken, fuhr ich danach in die Berge. Es fühlte sich alles genauso an wie bei den anderen Scheinschwangerschaften. Als ich den Pipi-Test machte, war er positiv. Kein Grund zur Freude. Ich hatte zig positive Tests davor. Dann der Bluttest bei der Frauenärztin. Sie rief mich um zehn Uhr abends auf dem Handy an, um mir von einem bilderbuchmäßigen hCG-Wert zu berichten. Dann der Ultraschall. Ein wunderschönes kleines Gummibärchen an der richtigen Stelle. Es ging immer so weiter. Ich musste bis zum Schluss spucken. Schwanger zu sein, fand ich blöd.

Und war doch so erleichtert. Ich fühlte mich nicht mehr zur Kinderlosigkeit verdammt. Ich konnte wieder mit Freunden zusammen sein, die Kinder haben, konnte an Spielplätzen vorbeigehen ohne einen Kloß im Hals. Konnte Eltern, die Babys in Tragen vor ihren Bäuchen trugen, anlächeln.

Ich staune jeden Tag über mein Mädchen - was für ein Wunder!

Auch wenn ich es fast bis zu Schluss kaum jemandem sagen konnte und es mir bis zum Tag ihrer Geburt unwirklich erschien. Vorstellen konnte ich mir nichts. Bis sie auf die Welt kam. Seitdem ist nichts mehr, wie es war. Ich staune jeden Tag über mein Mädchen. Was für ein Wunder, dass sie existiert. Jede ihrer Zellen genährt von meinen. Nur die Zutaten nicht aus meiner Sippe. Wie bei einem Kochrezept. Ein tolles Rezept.

Natürlich frage ich mich, woher ihre Zutaten kommen. Wer sind die Spender? Wissen ihre Eltern von ihr? Erfahren sie, ob ein Kind aus ihrer Eizellspende oder ihrer Samenzelle gewachsen ist? Sind Geschwister oder Halbgeschwister daraus entstanden, wie in unserer Frauengruppe? Wo leben beide? Über Kontinente verstreut?

Gleichzeitig denke ich: Dass dieses Kind zu mir gefunden hat, ist so unfassbar einmalig. Genauso einmalig wie das Wunder, dass ein Kind aus einem Spermium und einer Eizelle entsteht. Auch das das Produkt eines unendlichen Zufalls. Die beiden Spender kennen sich wahrscheinlich nicht, hätten im normalen Leben nicht zusammengefunden. Und meine Tochter wäre nicht da ohne diese Klinik, die es nicht geben würde, wenn sich nicht Menschen wie ich nach solchen "Gen-Bausätzen" sehnen würden.

Was Außenstehende vermutlich nicht verstehen: Es geht nicht um Designer-Kinder, IQ, Aussehen. Es geht um die tiefe Sehnsucht nach dem Mutter- oder Vatersein. Es ist ein egoistisches Motiv. Aber ist es das bei anderen Eltern weniger?

Manchmal treibt mich auch die Frage um: Was, wenn das energische Persönchen ganz wild darauf wird, alles zu erfahren, und hartnäckig nachforscht? Aber immer denke ich, ohne mich wäre sie vielleicht nicht in dieser Welt. Sie läge noch in einem Kühlschrank, wäre sonst wohin "exportiert" worden. Oder eine Austragung wäre fehlgeschlagen, wie so viele bei mir selbst. Dann wäre sie nicht da.

Sie söhnt mich mit meinem Schicksal aus. Seit sie auf der Welt ist, bin ich froh, dass bis zu ihr jeder Versuch gescheitert ist. Sonst wäre ich nicht so weit gegangen, und sie wäre nicht in mein Leben gekommen. Für mich fühlt es sich an wie eine ganz frühe Adoption, die mir als Single offiziell nicht möglich gewesen wäre. Und es ist auch ein bisschen aufregend und besonders, dass sie nicht von meinem unmusikalischen, unsportlichen Clan abstammt. Viel exotischer.

Zum Glück habe ich nie aufgegeben!

Es ist das größte Geschenk meines Lebens, dass wir zusammengefunden haben. Ich stille sie, ich gebe ihr alles, was ich habe und was ich kann. Jeden Tag. Jeder, der uns sieht, sagt, wie ähnlich wir uns sehen. Und wenn ich sie einen Moment lang auf dem Spielplatz aus den Augen verliere, spüre ich die pochende Angst, ich könnte verrückt sein und die letzten zwei Jahre nur geträumt haben.

Meine Gefühle für diesen wilden, kleinen Menschen sind größer, schöner und stärker als alles, was ich mir je ausgemalt habe. Und ich bin unglaublich erleichtert, dass ich nie aufgegeben habe. Und wenn sie mal wieder weint und tobt, flüstere ich ihr einfach noch mal zu: "Da habe ich aber kein Kreuzchen gemacht, mein lieber Schatz."

Ein Artikel aus BRIGITTE Woman 06/2019

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