Wutanfälle und Krawall: Wie kommt man da heil raus?

Hauen gilt nicht. Aber wie bändigt man Kinder, wenn sie Mist bauen? Hier sind unsere Strategien bei Wutanfällen und Rebellion.

Schreck lass nach: Rund 40 Prozent der Eltern in Deutschland rutscht schon mal die Hand aus, wenn sich ihre Kinder daneben benehmen. Das ergab eine neue Studie der Zeitschrift ELTERN. Allerdings: Fast 75 Prozent dieser Eltern haben danach auch ein schlechtes Gewissen oder ärgern sich über sich selbst. Kein Wunder, wissen wir doch eigentlich seit Jahrzehnten, dass Gewalt in der Erziehung nichts zu suchen hat. Doch jeder, der Kinder hat, kennt diese Situationen, in denen alle Sicherungen drohen durchzubrennen, inklusive der eigenen. Wie kommt man da heil wieder raus? Sechs kampferprobte Mütter und Väter aus der Redaktion über ihre Strategien.

Der Überraschungsangriff

Tatort Esstisch: Mutter möchte in Ruhe ihre Mahlzeit einnehmen, begleitet von einem gepflegten Tischgespräch mit ihren Lieben. Kleine Tochter, 3, weiß nicht recht, was sie will, aber ganz sicher will sie EINS nicht: Das, was Mama möchte. In diesem Fall ist der Käse falsch. Was genau nicht stimmt? Kann sie vor lauter Gebrüll schon nicht mehr artikulieren: "Neeeiiiiiin, nicht soooo, neeeeeeiiiiiiiiiiin, faaalsch, du macht alles faaaaaaaaaaaaalsch...." Mutter bemüht sich kurz, ist müde, ist hungrig, ist genervt, eine gewaltige Zornwelle baut sich auf, am liebsten würde sie jetzt - Klatsch!! Mit Schmackes pfeffere ich die Scheibe Käse auf den Küchenfußboden, sie schlägt auf mit der gebutterten Seite nach unten. Für einen Moment erstarren meine Kinder - mit allem haben sie gerechnet, nur damit nicht. Dann - lachen wir alle drei wie die Verrückten. Was mich gelehrt hat: Wenn die Nerven zum Zerreißen gespannt sind, befreit nichts so sehr wie ein gewaltfreier Überraschungsschlag. Die Wut verpufft, alle machen sich locker, und danach gibt's ein Wurstbrot. Und gute Laune.

Stefanie Hentschel

Der geordnete Rückzug

Die Situation war verfahren. Auf der einen Seite ein bockender Sohn, der sich weder bei der getretenen, inzwischen heulenden Schwester entschuldigt, noch das Salamibrot aufhebt. Die Arme verschränkt, das Kinn auf der Brust. Auf der anderen Seite: Ein Vater, der bereits alle Karten gespielt hat. "Du regst mich auf!" Nichts. "In dein Zimmer!" Nichts. Einmal sehr tief durchatmen, dann sagte ich: "Gut, dann geh ich halt." Und ging - weil bei uns nicht so viel Platz ist - geradewegs ins Kinderzimmer. Er kam nach zwei Minuten nach, grummelnd.

Georg Cadeggianini

Das Kitzelmanöver

Mein ältester Sohn ist zwei Jahre alt und hat gerade einen kleinen Bruder bekommen. Daher heißt es mehrmals täglich: schreien, protestieren und mit Dingen werfen. Klar, mir wäre lieber, er würde vorher höflich um Erlaubnis fragen ("Papa? Ich bin erst zwei, und muss noch üben mit Frust und Wut umzugehen. Ist es okay, wenn ich die nächsten zehn Minuten wie ein Feueralarm aufheule, ein paar Fernbedienungen rumwerfe und dich vielleicht auch ein-zweimal haue?"). Hilft ja alles nichts: Einem Zweijährigen den Wutanfall zu verbieten ist ebenso sinnvoll wie ein Quakverbot für Frösche. Aber die Wutanfälle, die ganz offensichtlich Eifersucht auf das neue Baby sind? Die erkenne ich schnell daran, dass mein Kind vor dem Vulkanausbruch ein paar Sekunden melancholisch ins Nichts starrt, als müsste es noch einmal die Gründe durchgehen, warum es so sauer ist. Diese Bombe kann ich mittlerweile gut entschärfen: Einfach Kind packen, zehn Sekunden kräftig durchkitzeln, und anschließend fragen, warum er wütend ist. Meistens hat er das dann vergessen und möchte lieber mit Autos spielen. Mache ich dann natürlich gerne. Hauptsache ich behalte im Blick: Ein Kleinkind kann besser mit Brokkoli werfen als sagen, dass es sich vernachlässigt fühlt.

Henning Hönicke

Die Entwaffnung

Der erste große Ausbruch kindlicher Rebellion traf mich ziemlich unvorbereitet. Mitten in der Fußgängerzone. Ich hatte gerade mit meiner einjährigen Tochter ein Eis gegessen und wollte sie nun zurück in ihren Buggy setzen. In den Augen meiner Tochter eine schwere Kinderrechtsverletzung. Das eben noch blendend gelaunte Kind jaulte auf wie ein angeschossenes Tier, trat wild um sich und tat etwas, womit ich eigentlich erst in einigen Jahren gerechnet hatte: Es warf sich auf den Boden. Ich musste sofort an die vielen Ringkämpfe zwischen Müttern und Kindern denken, die ich in meinem Leben schon mitleidig beobachtet hatte. Nein, darauf hatte ich jetzt gar keine Lust. Ich blieb einfach stehen und analysierte zusammen mit einer Passantin das zappelnde Etwas auf dem Boden. "Haben Sie so etwas schon gesehen?" - "Der Gesichtsfarbe nach könnte es zur Gattung der Paviane gehören." - "Meinen Sie, es beißt?" Und so weiter. Meine Tochter verstummte, blieb noch ein wenig liegen, was aber ohne Geschrei auch albern war, und entschied sich schließlich dafür aufzustehen und über meine Affenimitation zu lachen. Das Ganze haben wir seitdem noch ein, zwei Mal durchgespielt, doch inzwischen hat sie zumindest das Auf-den-Boden-Werfen aus ihrem umfangreichen Wutprogramm gestrichen.

Michèle Rothenberg

Die Windelkonsequenz

Mein zweijähriger Sohn treibt mich in den Wahnsinn, wenn es ums Wickeln geht. Sobald ich ankündige, dass ich ihm die Windeln wechseln möchte, bekomme ich von ihm prinzipiell erst einmal ein "Nein!" zu hören – falls er sich überhaupt zu einer Antwort bequemt. Anfangs habe ich ihn nach mehreren vergeblichen Aufforderungen gepackt und zum Wickeltisch geschleppt. Aber ich musste lernen, dass es nicht möglich ist, ein strampelndes Kleinkind zu wickeln. Ich fragte meine Tagesmutter, eine gelernte Erzieherin, die immer Rat weiß. Ihr Tipp: Macht ihm klar, dass ihr ihn jetzt im Moment wickeln könnt, nachher aber keine Zeit mehr dazu habt, weil ihr! etwas anderes erledigen müsst. Weigert er sich trotzdem, muss er die Folgen spüren. Wenn er dann mit der vollen Windel zum Wickeln kommt, muss er warten, bis ihr Zeit habt. Zumindest fünf bis zehn Minuten. Bei uns wirkte dieser Tipp doppelt gut: Denn da unser Sohn das Gespräch mitbekommen hatte, beschloss er spontan, dass er Windeln eigentlich gar nicht mehr braucht. Wir üben nun das Sitzen auf dem Töpfchen.

Monika Herbst

Die Zermürbungstaktik

Es ist schon einige Jahre her, mein Sohn war damals 1,5 Jahre alt. Ich stand gerade in der Drogerie an der Kasse, als die Kassiererin einen Traubenzuckerlolli über das Fließband reichte. Ich zeigte ihn meinem nebenstehendem Sohn und sagte: "Du bekommst den Lolli, wenn du dich in die Karre setzt." - "Nein, nicht Karre", erwiderte er garstig. Dann begann das typische Nein-doch-Spielchen. Nach der dritten Aufforderung, sich in seine Karre zu setzen, wälzte er sich auf dem Boden und schrie: "Will Lollo, Lollo!" Natürlich warfen mir alle Kunden genervte Blicke zu. Ich blieb aber standhaft und wiederholte meinen Satz wie ein Mantra, "Du bekommst den Lolli, wenn du dich in die Karre setzt" - immer wieder. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte er sich plötzlich in die Karre und war sofort still. Ich reichte ihm tonlos den Lolli. Eine Frau, die die Situation beobachtet hatte, kam auf mich zu und sagte: " Das haben Sie aber toll hinbekommen!" Ich antwortete: "Ich habe gut geschlafen, habe ausreichend gegessen und bin entspannt. Hätten Sie mich an einem anderen Tag getroffen, wäre das Ganze vielleicht anders ausgegangen."

Nicole Fuhrmann

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