Was ist die Ferber-Methode und warum ist sie so umstritten?

Die Ferber-Methode, auch Ferbern genannt, soll Kindern dabei helfen, allein einzuschlafen. Die Methode ist umstritten, aber eine neue Studie zeigt, dass sie keine negativen Folgen hat.

Eine neue Studie aus Australien hat untersucht, ob es bei kleinen Kindern Stress auslöst, wenn man sie nach der Ferber-Methode zum Einschlafen bringt. Wir erklären, was diese Methode überhaupt ist und was bei der Studie herauskam.

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Woher kommt das Ferbern eigentlich?

Der Name der Methode geht zurück auf den amerikanischen Kinderarzt und Neurologen Richard Ferber. Er ist Professor an der Universität Harvard und leitet das Zentrum für Schlafstörungen im Kinderkrankenhaus von Boston.

1985 erschien sein Buch "Solve Your Child's Sleep Problems" (auf Deutsch unter dem Titel "Schlaf, Kindlein, schlaf. Schlafprobleme bei Kindern"), das weltweit bekannt wurde. Viele andere Autoren und Schlaflernprogramme haben sich an seiner Methode orientiert. Auch der deutsche Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Annette Kast Zahn und Hartmut Morgenroth basiert auf der Ferber-Methode.

Wie soll die Ferber-Methode funktionieren?

Die Methode geht von der Annahme aus, dass man Kindern abtrainieren kann, sich aufzuregen, wenn sie allein im Bettchen liegen und dass sie dann lernen, sich selbst zu beruhigen, auch wenn sie nachts aufwachen.

Dafür sollen die Eltern zunächst mit einem liebevollen Einschlafritual - zum Beispiel Vorlesen, Singen, Kuscheln - das Kind auf das Schlafen vorbereiten. Dann soll das Kind wach ins Bett gelegt werden und die Eltern sollen den Raum verlassen. Fängt das Kind an zu weinen, sollen sie kurz in den Raum gehen, es mit Worten beruhigen und wieder aus dem Zimmer gehen. Das sollen sie so lange wiederholen, in festgelegten Minutenabständen, bis das Kind irgendwann eingeschlafen ist. Eltern können das Kind streicheln, sollen es aber laut Ferber nicht auf den Arm und aus dem Bett nehmen.

Eltern sollen auch NICHT das Kind dauerhaft schreien lassen, ohne in das Zimmer zu gehen. Regelmäßig zu zeigen, dass man da ist, sei wichtig.

Laut Ferbers Ratgeber sollte sich das Kind schon nach drei Tagen, spätestens aber nach zwei Wochen, schneller beruhigen und sich ans Alleinschlafen gewöhnt haben. Er gibt aber auch zu, dass es nicht bei allen Kindern klappt.

Was sagen die Kritiker?

Das Problem an der Ferber-Methode liegt auf der Hand: Ein Kind, das jämmerlich weint, allein in seinem Zimmer lassen? Das geht gar nicht! Diese instinktive Reaktion haben die meisten Eltern - und tatsächlich müssen sie ja während des Trainings ihrem ganz natürlichen Drang widersetzen, sofort dem Kind zur Hilfe zu eilen und es zu trösten.

Kritiker glauben, dass die Ferber-Methode so dem Kind schade - oft mit langfristigen Folgen. Das Vertrauen in die Eltern werde gestört, das Baby müsse oft Todesangst durchleiden, weil es noch nicht abschätzen kann, ob die Mama wirklich wieder zurückkommt. Zudem würde die Methode das Bauchgefühl der Eltern stören und das Schreien als einziges Kommunikationsmittel, das Babys haben, missachten.

Auch Kinderärzte wie zum Beispiel Dr. Herbert Renz-Polster warnen davor, Babys lange schreien zu lassen. Sie hätten ein angeborenes Schutzbedürfnis, das noch auf die Zeit unserer Vorfahren zurückgeht, als es für Babys lebensgefährlich war, allein ohne ihre Eltern zu sein.

Sehr kritisiert wird auch, dass Ferber sagt, man solle das Programm auch dann noch durchziehen, wenn sich das Kind vor lauter Aufregung übergibt. Der Professor ist der Ansicht, dass das einem Kind nicht nachhaltig schade. Dem würden natürlich viele Menschen widersprechen.

Erbitterter Streit

Die Debatte wird mitunter sehr emotional geführt - was bei dem Thema auch kein Wunder ist. Als der Verlag Gräfer und Unzer im August 2013 eine Neuauflage von "Jedes Kind kann Schlafen lernen" herausbrachte, startete eine Mutter sogar eine Petition. Sie forderte den Verlag darin auf, "Jedes Kind kann schlafen lernen" vom Markt zu nehmen. Das Schlaflernprogramm habe "nachweislich schlimme Folgen für die Kinderseele". Mehr als 5.000 Menschen haben die Petition unterzeichnet. Auf dem Markt ist das Buch aber trotzdem noch.

Der Blog Nestling.org hat die Kritikpunkte zum Ferbern in einem Video anschaulich dagestellt:

Laut Ferber handelt es sich um ein Notfallprogramm

Was oft bei der Diskussion um das Buch nicht beachtet wird: Ferber hat die Methode als Notfallprogramm entwickelt. Also für Kinder, die große Probleme haben, sich zu beruhigen. Und auch für Eltern, die an ihre Grenzen geraten, weil ihr Kind kaum schläft und viel schreit. Dieser Punkt sei wichtig, meint die Hebamme Jana Friedrich vom Hebammenblog. So lehne auch sie das Ferbern grundsätzlich ab, doch habe sie schon Eltern erlebt, die durch das Dauerschreien des Kindes so fertig mit den Nerven waren, dass sie in Gefahr waren, dem Kind etwas anzutun. Diesen Eltern habe sie auch schon empfohlen, in solchen Moment rauszugehen und das Kind schreien zu lassen. "Lieber ferbern als schütteln", sagt die Berlinerin.

Ist es erwiesen, dass Ferbern den Kindern schadet?

Nein, bislang gibt es keine gesicherten Studienergebnisse. Eine neue Studie vom Mai 2016 kommt sogar zu dem Ergebnis, dass es keine negativen Auswirkungen auf das Kind hat, wenn es sich in den Schlaf weint. Die australischen Forscher beobachteten dafür zwei verschiedene Gruppen von Babys. Die einen wurden nach der Ferber-Methode zum Schlafen gebracht, die anderen nach einer anderen Technik, bei der man die Schlafenszeit immer weiter nach hinten verschiebt. Dazu gab es eine Kontrollgruppe, die keine besondere Methode anwandte.

Danach prüften sie den Level an Stresshormonen im Blut der Babys. Das Ergebnis: Bei keinem der Babys konnte auch über einen längeren Zeitraum erhöhter Stress festgestellt werden. Und tatsächlich schliefen die Babys, die nach einer der Methoden ans Einschlafen gewöhnt wurden, etwas leichter ein als die anderen.

Und nun?

Am Ende müssen die Eltern auf ihr eigenes Gefühl und ihre Überzeugungen hören. Fast jeder kennt Eltern, die mit der Ferber-Methode gute Erfahrungen gemacht haben - oder solche, für die das Schlaflernprogramm der blanke Horror war (wie etwa für unsere MOM-Kollegin Stefanie Hentschel, die hier über ihre Erfahrung mit "Jedes Kind kann schlafen lernen" geschrieben hat).

Fakt ist aber: Wenn man solche Schlaflernprogramme ausprobiert, sollte man immer darauf achten, dass man das Kind die ganze Zeit über liebevoll behandelt, ihm trotzdem Geborgenheit schenkt und es aufmerksam beobachtet. Ein Baby stundenlang schreien zu lassen, ohne es zu trösten, ist ein No-Go.

Und wenn es sich alles grundsätzlich falsch anfühlt - auf jeden Fall abbrechen! Es ist natürlich auch möglich, die Methode abzuwandeln und seine eigene Einschlafroutine einzuführen.

Artikel aktualisiert im Juni 2016

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