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Geburtsfotografie Wie alles beginnt: Zwischen Eröffnungswehen und Emotionen

Geburtsfotografie: Hand in Hand
Die Mutter liegt mit ihrem Partner im Geburtspool – es ist das letzte entspannte Foto von ihrem Babybauch. Danach hat Cindy Bilder vom Geburtsgeschehen gemacht – und dann vom Baby!
© Cindy Villmann
Keinen Moment der Geburt vergessen: Immer mehr Frauen buchen Fotografinnen, um dieses wichtige Ereignis zu dokumentieren. Cindy Villmann hat sich auf Geburtsfotografie spezialisiert. Hier zeigt sie einige ihrer liebsten Bilder und erzählt von ihrer Arbeit zwischen Eröffnungswehen und Emotionen.
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BRIGITTE MOM: Wie kam es dazu, dass du dich auf Geburtsfotografie spezialisiert hast?

Cindy Villmann: Mein Lebenspartner und ich machen schon länger Familienreportagen, das heißt, wir begleiten Familien mit der Kamera in ihrem Alltag. Darunter sind oft Paare, die gerade erst ein Baby bekommen haben. Wir dokumentieren die besondere Zeit des Wochenbetts, manche Paare lassen auch vorher Fotos von der Schwangerschaft machen. Ich hatte schon länger den Gedanken, dass das Zwischenstück in unserer Arbeit noch fehlt: die Geburt des Kindes. Bei der Geburt unserer zweiten Tochter haben wir dann selbst eine Fotografin beauftragt, das Ereignis zu dokumentieren. Das hat uns so gut gefallen, dass ich 2018 beschlossen habe, selbst Geburtsfotografie anzubieten.

Kraft tanken: Mutter steht vor Liege
In einer Wehenpause steht diese werdende Mutter allein und nachdenklich an der Liege im Krankenhaus. Da hat sie schon mehrere Stunden Wehen hinter sich, aber auch noch einige vor sich.
© Cindy Villmann

Dein "erstes Mal" – wie war das dann?

Das war eine Hausgeburt bei einer Frau, von der ich schon Babybauch-Fotos gemacht hatte. Sie hat mich beim Shooting gefragt, ob ich auch ihre Geburt begleiten kann. Für mich war das superaufregend. Genau wie die Hebamme bin ich ja um die Zeit des Geburtstermins herum in Rufbereitschaft. Ich hatte also meine Foto-Tasche fertig gepackt zu Hause stehen, als der Anruf der werdenden Mutter kam. Es war ihr zweites Kind, die Geburt ging sehr schnell. Als ich ankam, hatte ich nur noch wenige Minuten, um Fotos zu machen – dann war das Baby schon da.

Mit aller Kraft: Hausgeburt
Die erste Geburt, die Cindy mit der Kamera begleitet hat, war diese Hausgeburt. Wenige Augenblicke nach diesem Foto war das Baby da und wurde von seiner Mama, seinem Papa, der Hebamme und der Oma glücklich begrüßt
© Cindy Villmann

Hast du viele Anfragen für Geburtsfotos?

Es werden langsam mehr, aber allgemein ist die begleitende, dokumentarische Familienfotografie in Deutschland noch nicht so bekannt. Wir machen noch viel Aufklärungsarbeit, auch über soziale Medien. Viele Mütter, die dort die Bilder sehen, geben uns das Feedback, dass sie sich so eine Begleitung auch gewünscht hätten, wenn sie davon gewusst hätten. Das Interesse wird also größer.

Wie erklärst du dir das steigende Interesse?

Da die Geburt unserer Tochter auch fotografiert wurde, kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Eine Geburt ist ein einmaliges Ereignis. Es stecken eine enorme Kraft und intensive Emotionen darin, von Verzweiflung und Wut bis hin zu Liebe und riesigem Glück. Aber ich als Frau sehe und erlebe mich nicht in dieser Situation. Viele Dinge bekomme ich nicht mit oder weiß sie hinterher nicht mehr, weil ich so fokussiert oder manchmal auch überfordert bin. Wenn ich dann hinterher die Fotos habe, helfen sie mir, manche Lücken des Geburtsprozesses zu schließen. Außerdem ist es für mich spannend, mich selbst in dieser Situation zu sehen. Besonders berührend ist dabei der Moment, in dem ich das Baby zum ersten Mal im Arm halte – ein Bild, das man normalerweise, ohne einen Fotografen, nicht hat.

Unterstützung: Pärchen im Geburtspool
Den Geburtspool hat dieses Paar für die Hausgeburt von der Hebamme ausgeliehen. In den Armen ihres Partners sammelt die Mutter bei Kerzenlicht Kraft für das letzte Stück des Weges.
© Cindy Villmann

Helfen die Fotos also dabei, die Geburt seelisch zu verarbeiten?

Ja, das äußern viele Frauen. Sie sagen, dass sie die Bilder gebraucht haben. Normalerweise verarbeiten wir das Erlebte in Gesprächen mit denjenigen, die dabei waren, aber die Zeit nimmt man sich oft nicht. Die Bilder erleichtern es den Frauen, die Geburt noch mal Revue passieren zu lassen. Das ist für viele ein wichtiger Prozess, egal, wie die Geburt verlaufen ist.

Bist du eher bei Hausgeburten dabei als in Krankenhäusern?

Das ist ganz gemischt. Ich fotografiere in Kliniken genauso wie zu Hause oder in Geburtshäusern. Es sind auch in etwa genauso viele Erstgebärende darunter wie Familien, die schon Kinder haben. Nur einen Kaiserschnitt habe ich bisher noch nicht fotografiert.

Wie reagieren Hebammen und Ärzt*innen?

Bislang haben alle positiv und interessiert reagiert. Ich hatte noch keinen Fall, in dem es abgelehnt wurde, dass ich mit der Kamera dabei bin. Bei Hausgeburten sind die Frauen ja in enger Verbindung mit den Hebammen, diese befürworten meine Arbeit. In den Kliniken kündigen die Paare meine Begleitung vorab an, bisher gab es da keine Probleme. In den meisten Kliniken hier in Berlin dürfen zwei Personen mit in den Kreißsaal, und ich bin dann eben eine davon*. Die Ärzte lehnen nur ab, dass man im Fall eines Notkaiserschnitts mit in den OP kommt.

Der erste Kuss: Mutter mit Baby
"Sich das erste Mal in den Armen halten, das erste Mal anschauen, das erste Mal 'Du und Ich'", hat Cindy auf Instagram zu diesem Bild geschrieben.
© Cindy Villmann

Was ist wichtig, damit alle Beteiligten gut zusammenarbeiten?

Am wichtigsten ist eine offene Kommunikation. Mit dem Paar bespreche ich vorher, dass sie mir jederzeit sagen sollen, wenn sie sich nicht wohlfühlen oder sie irgendetwas stört. Ich sage ihnen, dass es für mich völlig okay ist, auf Wunsch rauszugehen oder aufzuhören, Bilder zu machen. Das gilt natürlich auch für die Hebamme oder Ärzte – es kommt durchaus vor, dass ich kurz aus dem Zimmer geschickt werde, z.B. weil eine Untersuchung gemacht wird. Außerdem halte ich mich im Hintergrund und habe ein Gespür dafür entwickelt, wie ich mich verhalten muss, um nicht zu stören.

Wird vorher abgesprochen, was fotografiert werden darf? Gibt es für dich Tabus?

Eigentlich nicht. Gerade die Frauen wünschen sich Bilder von allen Details, sei es die Plazenta oder der Moment, wenn das Köpfchen des Babys erscheint. Was sie davon später anderen Menschen zeigen, entscheiden sie selbst. Natürlich habe ich aber einen sensiblen Blick und achte als Fotografin darauf, dass ich jeden Moment schön rüberbringe.

Fast geschafft: Mutter in Geburtswanne
Bei einer Hausgeburt tastet die Hebamme in der Geburtswanne noch einmal die Kindslage, dann geht es los. Das warme Wasser und die tiefe Hocke machen der Mutter das Gebären leichter. Das Baby kann kommen...
© Cindy Villmann

Wie ist das, in solchen intimen Situationen dabei zu sein?

Für mich ist es etwas ganz Besonderes. Es ist das Emotionalste, was ich fotografieren kann. Und es ist unglaublich aufregend, weil ich überhaupt nichts planen kann. Ich kenne allenfalls den Ort des Geschehens, aber weder den genauen Zeitpunkt noch den Ablauf oder die Lichtverhältnisse. Das ist herausfordernd und spannend. Und ich empfinde es als Geschenk, dass ich das Vertrauen von den Paaren bekomme und eine der wenigen Personen sein darf, die mit ihnen dieses Ereignis erleben.

Hast du nicht manchmal Sorge, dass das Fotografieren beim Gebären ablenkt?

Nein, denn ich weiß inzwischen, dass ich die Situationen gut einschätzen kann. Es ist interessanterweise eher eine Sorge der Väter, dass sie das Fotografieren stören könnte. Bisher konnte ich ihnen diese Sorge in den Vorgesprächen immer nehmen.

Gibt es Momente, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?

Am meisten beeindruckt mich immer wieder die Stärke der Frauen unter der Geburt.

Früher war die Geburt etwas sehr Intimes. Ist es eine positive Entwicklung, dass wir über Fotografien mehr Einblicke bekommen?

Definitiv. Je mehr wir Frauen uns mit Geburten beschäftigen, desto besser sind wir in der Lage, herauszufinden, was wir bei der Geburt brauchen und uns wünschen – und diese Wünsche auch zu äußern. Geburtsbilder können eine gute Unterstützung sein.

Cindy Villmann, 38, und ihr Partner Kay Hallfahrth bieten als "Cindy u. Kay" dokumentarische Fotografie an. Cindy fotografiert außerdem Geburten. Das Paar lebt in Berlin und hat zwei Kinder.

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INTERVIEW Michèle Rothenberg, BRIGITTE MOM 02/2020

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