Wir haben nachgefragt: Sollten engagierte Väter wirklich weniger Unterhalt zahlen?

Väter, die sich um ihr Kind kümmern, sollen weniger Unterhalt zahlen müssen, fordert Familienministerin Franziska Giffey. Eine gute Idee? Wir haben getrennte Mütter und Väter gefragt, was sie davon halten.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will unterhaltspflichtige Väter besserstellen. Verbringen sie viel Zeit mit ihren Kindern – die Rede ist von mindestens zehn Tagen im Monat -, solle sich das auf die Unterhaltszahlungen auswirken. Giffey sagte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung":

Es geht nicht an, dass der Vater weiterhin den vollen Unterhalt zahlen muss, auch wenn das Kind viel Zeit bei ihm verbringt und sogar ein eigenes Zimmer bei ihm hat.

Das Recht müsse den gesellschaftlichen Realitäten angepasst werden, so die Familienministerin.

Die aktuelle Rechtsprechung orientiert sich immer noch am "Residenzmodell", bei dem das Kind bei einem Elternteil lebt (meist bei der Mutter) und der andere Elternteil (meist der Vater) Umgangsrecht erhält und Unterhalt zahlt. Es gibt aber immer mehr Väter, die ihren Erziehungsauftrag ernst nehmen und einen großen Teil der Betreuung übernehmen – jenseits der noch in einigen Familien gängigen Regelung, bei dem das Kind lediglich jedes zweite Wochenende beim Vater ist.  

Ist der Vorstoß der Familienministerin überfällig, oder erschwert er die Situation alleinerziehender Elternteile zusätzlich? Wir haben getrennte Mütter und Väter nach ihrer Meinung gefragt:

Alfred (eine Tochter, 11, Wechselmodell)

"Bei uns geht es nie ums Geld. Die Mutter meiner Tochter und ich versuchen, gute Eltern zu sein und teilen alles. Von Unterhalt halten wir beide nichts. Bei einem gemeinsamen Kind sollte sich alles darum drehen, dass es ihm gut geht. Ich wünschte, dass man solche Diskussionen um den Unterhalt gar nicht erst führen muss."

Maria (zwei Töchter, 6 und 10, Wechselmodell)

"Ich finde den Vorschlag gut und richtig, weil die Männer ja bereits automatisch für das Kind etwas zahlen, wenn es bei ihnen ist. Ich halte die Ausführung nur für schwierig. Wie soll ein Mann das im Streitfall nachweisen können, wie viele Tage er sich gekümmert hat? Oder auch andersherum: Wie soll eine Frau nachweisen, dass er sich nicht genug gekümmert hat? Die Kontrolle halte ich da für sehr schwierig."

Susanne (ein Sohn, 14, Residenzmodell)

"Natürlich sollte berücksichtigt werden, wenn ein Elternteil nennenswert Zeit und Geld in sein Kind "investiert". Wieso sollte ein Vater, der für sein Kind da ist, genauso viel Kindesunterhalt zahlen, wie einer, der abgetaucht ist? ABER: Realität ist auch, dass die vielen Frauen, die die Kindererziehung quasi alleine bewältigen, fast immer auf einen Teil ihres Einkommens verzichten, was spätestens im Alter in die Armut führen kann. Dieses Problem sollte jedoch nicht via Kindesunterhalt gelöst werden, sondern durch eine Reform des Betreuungsunterhalts: Wenn ein Elternteil ein Kind maßgeblich betreut, sollte er vom anderen möglichst einen finanziellen Ausgleich bekommen. In einer Zeit, in der Frauen wie Männer ihr Einkommen selbst erwirtschaften, darf Familienarbeit nicht länger unentgeltlich bleiben. Insgesamt sollten wir als Gesellschaft aber dahin kommen, dass Kinder nicht länger "Frauensache" sind – beide Eltern sollten sich gleichberechtigt um den Nachwuchs kümmern."

Niels (ein Sohn, 16, wird zu gleichen Teilen von drei Eltern betreut)

"Wir haben das große Glück, dass Geld bei uns nur selten ein Thema ist. Das sieht bei vielen natürlich anders aus. Letztlich aber soll unser Sohn gut versorgt sein. Und da, finde ich, greift der Vorschlag der Familienministerin zu kurz. Die Gesamtsituation beider Eltern - Finanzen, Wohnen, Lebensumstände - wird immer noch zu wenig berücksichtigt. Aber immerhin: Dass Väter nicht mehr länger nur Zahlmeister sein sollen, ist ein Anfang."

Katrin (zum ersten Mal schwanger)

„Ich halte Giffeys Vorschlag für falsch! Der Gedanke, Väter dafür zu belohnen, wenn sie sich mehr um ihre Kinder kümmern, ist zwar nachvollziehbar. Doch der Weg dahin führt nicht über Unterhaltskürzungen. Ich befürchte, dass die meisten alleinerziehenden Mütter durch diese Gesetzesänderung im Nachteil wären. Viele Mütter arbeiten in Teilzeit und werden ohnehin schlechter bezahlt als die meisten Väter. Weitere Gefahren hinter Giffeys Vorschlag: Entweder werden Mütter, die unter den finanziellen Kürzungen leiden, ihre Kinder vom Vater bewusst fernhalten, um den vollen Unterhalt beziehen zu können. Darunter würden vor allem jene Väter leiden, die ihre Kinder gerne öfter sehen würden. Die zweite Gefahr: Väter, die sich bislang kaum oder gar nicht um die Kinder gekümmert haben, werden nur des Geldes wegen mehr Zeit mit den Kindern erstreiten wollen. Beides wäre fatal – vor allem für die Kinder. Gegenvorschlag: Die Höhe der Unterhaltszahlung sollte nicht an die mit dem Kind verbrachte Zeit gekoppelt, sondern an der finanziellen Situation von Mutter und Vater individuell bemessen werden. So könnte man sicher sein, dass jedes Elternteil Zeit mit dem Kind verbringt, weil es das von Herzen möchte – und nicht, weil es sich finanziell rentiert."

Michael (vier Kinder, zwei leben bei ihm, zwei im Wechselmodell)

"Diese Gesetzesänderung ist dringend notwendig. Die alte Regelung ist wirklich veraltet und benachteiligt Väter. Ich hoffe, die Familienministerin ist mit einer gerechteren Lösung erfolgreich."

Christin (ein Sohn, 6, Wechselmodell)

"Prinzipiell finde ich die Idee gut, weil es gerecht ist. Aber es könnte die Gefahr mit sich bringen, dass Frauen auf die Idee kommen, den Männern ihre Kinder vorzuenthalten, weil sie auf das Geld nicht verzichten möchten."

Katharina (zwei Söhne 14 und 17, alleinerziehend)

"Ich finde es gut, wenn die Väter bei der Erziehung mehr Berücksichtigung finden, eventuell auch finanziell. Aber oft sind es doch leider die Frauen, denen die Verantwortung obliegt, dass gut für die Kinder gesorgt wird."

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