"Eigentlich müssten alle Frauen streiken": Eine Hebamme erzählt, warum sie ihren Beruf aufgegeben hat

Martina Meyer (59) brannte für ihren Beruf als Hebamme. Sie liebte es, den werdenden Müttern und ihren Babys zu helfen. Doch eines Tages konnte sie nicht mehr. Hier erzählt sie, warum sie nicht länger als Hebamme arbeiten wollte.

Immer mehr Hebammen in Deutschland ziehen sich aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen aus der Geburtshilfe oder dem ganzen Beruf zurück oder reduzieren auf Teilzeit. Sie leiden unter zu hoher Arbeitsbelastung, schlechter Bezahlung, mangelnder Wertschätzung, hohen Haftpflichtbeiträgen und überbordender Bürokratie.

Das Resultat: Immer mehr Kreißsäle schließen ganz oder zeitweise, die Wege zur nächsten Geburtsstation werden für die Frauen weiter und immer mehr schwangere Frauen müssen ohne den Beistand einer Hebamme ihr Kind zur Welt bringen und versorgen. Die Landkarte der Unterversorgung und die Landkarte der Kreißsaalschließungen des Deutschen Hebammenverbandes dokumentieren den Mangel.

Hebamme Martina Meyer: Warum ich meinen Beruf aufgegeben habe

Eine von den Hebammen, die ihren Beruf aufgegeben haben, ist Martina Meyer aus dem kleinen Ort Tangstedt bei Hamburg. Wenn Martina sich an ihre Zeit als Hebamme erinnert, ist deutlich zu spüren, wie sehr sie diesen Beruf liebt: "Für mich ist es ein ganz heiliger Moment, wenn ein Baby zur Welt kommt. Es ist ein Moment, in dem kurz die Zeit stoppt, wo das Universum stillsteht und sich der Himmel öffnet, und diese kleine Seele hier auf diese Erde kommt."

Ganz wichtig ist für sie als Hebamme auch das Begleiten der Frau in ihr neues Leben als Mutter. "Da passiert eine Wandlung, in der ich als Hebamme die Frau unterstützen darf und muss. Auf der einen Seite ist da diese große Freude auf das neue Leben mit dem Kind, auf der anderen Seite auch Trauer um das Leben zuvor, in dem die Frau noch ganz für sich war. Die Anstrengungen des Mutterseins können Frauen vorher nicht erahnen. In gewisser Weise ist das auch eine Geburt und das Begleiten der Frau in diesen besonderen Momenten eine Aufgabe mit viel Verantwortung."  

22 Jahre lang 24/7 Rufbereitschaft

Mehr als 2000 Babys hat Martina Meyer als Hebamme auf die Welt geholfen. Ihr Berufsleben begann mit zwei Jahren als Beleghebamme in Niedersachsen, dann arbeitete sie 13 Jahre festangestellt im Schichtdienst in zwei verschiedenen Kliniken, erst in Niedersachsen, dann in Hamburg. Danach begleitete sie 22 Jahre lang als freiberufliche Hebamme Hausgeburten mit Rufbereitschaft rund um die Uhr. Etwa 1500 der Babys kamen in der Klinik zur Welt, rund 500 Geburten betreute Martina als freie Hebamme. 1994 gründete sie die Hebammen Praxis Norderstedt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte Martina Meyer bis zu ihrer Rente als Hebamme gearbeitet. Doch ihre Gesundheit macht das unmöglich. 

Martina erkrankt an einer Schlafapnoe, leidet nachts unter Atemaussetzern. Als sie 52 Jahre alt ist, erleidet sie einen Herzinfarkt. Zwar weiß sie nicht, was genau ihr den Atem geraubt hat. Doch feststeht: Die vielen Jahre der ständigen Rufbereitschaft und Nachtarbeit fordern ihren Tribut. Für Martina ist klar: "Ich liebe diesen Beruf, ich weiß, wie er wertvoll er ist, aber ich kann und möchte trotzdem nicht mehr als Hebamme arbeiten. Ich muss einfach akzeptieren, dass es nicht mehr geht. Ich habe zu viel gearbeitet, zu viel nicht auf mich gehört und durch diese Schlafapnoe so viele Federn gelassen, dass ich es mir verwehren muss, diesen Beruf noch weiter zu machen. Das Adrenalin, das dich für die Geburten wachhält, schadet langfristig dem Körper. Ich bin nicht mehr bereit, diesen Preis von Dauerrufbereitschaft und Nachtarbeit zu zahlen." 

Ich war nicht mehr die Hebamme, die ich sein wollte

Zwar erholt sich Martina Meyer nach dem Herzinfarkt und versucht noch einmal, als Hebamme zu arbeiten. Doch schnell muss sie feststellen, dass ihr das nicht mehr möglich ist. Im Gespräch mit BRIGITTE.de erzählt Martina: "Ich habe alles dafür getan, wieder als Hebamme arbeiten zu können, habe 2013 wieder durchgestartet, dann aber festgestellt, dass ich nachts, wenn das Telefon klingelte, nicht mehr die tolle Hebamme Martina war, die ich sein wollte." 2015 betreute sie noch einige Geburten, doch eines Nachts merkte sie bei der Geburt einer Erstgebärenden: "Das ist nicht so toll, was du da machst. Ich habe viel gedöst, während die Frau ihre Wehen hatte. Mein Anspruch an meine Arbeit war höher. Da habe ich gedacht: Ich kann nicht tagsüber eine gute Hebamme sein und nachts nicht. Im Oktober 2015 habe ich die letzte Geburt begleitet."

Heute ist Martina Mayer zufriedene Inhaberin einer Babyschwimmschule und gibt nur noch ausgewählte Hebammenkurse, etwa zur Rückbildung nach der Geburt. Die Arbeit mit den Kindern in der Schwimmschule empfindet sie als wertvoll. Es macht sie glücklich, zu sehen, wie die Kinder lernen und sich schließlich freischwimmen, ein bisschen wie bei einer Geburt.

"Es hat mich in ein tiefes Loch gestürzt, das nicht mehr zu haben"

Wenn Martina an ihre Zeit als Hebamme denkt, stehen ihr dennoch die Tränen in den Augen: "Das Schöne am Hebammenberuf sind diese menschlichen Begegnungen. Das vertraut werden mit Menschen, sie in eine neue Lebenssituation begleiten und dann langsam wieder Abschied nehmen, das hat so etwas von Vollständigkeit. Es gibt Geburten, da sitzt du als Hebamme dabei und heulst mit vor Freude. Dieses Begleiten der Ungeborenen ins Geborenwerden, das ist etwas ganz Besonders und es ist schön, dass ich das so lange erleben durfte. Was auch nicht unterschätzt werden darf, ist die Arbeit mit der werdenden Mutter, gerade beim ersten Kind ist es eine Transformation ... Natürlich ist da eine Trauer, aber da ist auch eine Freude. Ich weiß um diese Energie, die es hat, und es hat mich erstmal in ein tiefes Loch gestürzt, das nicht mehr zu haben. Es ist schön, so gebraucht zu werden. Aber es ist auch gefährlich, denn dabei kannst du ausbrennen." 

Hebamme Martina Meyer bei der Arbeit: Sie liebte es, den Frauen und ihren Babys zu helfen.

"Ich habe viele Geburtstage meiner Tochter verpasst"

Nicht nur Martinas Gesundheit leidet in ihren Jahren als Hebamme. Auch ihre Ehe hält der Belastung nicht stand. Ihr Familienleben unterliegt ständig den Zwängen der Rufbereitschaft. Jeden Moment kann das Telefon klingeln. Mehr als einmal wird sie am Geburtstag ihrer Tochter zu einer Geburt gerufen: "Ich erinnere mich an einen Geburtstag, da war es besonders schlimm. An diesem Morgen sollte sie ihr Fahrrad bekommen. Nachts kam ein Anruf, ich musste los zu einer Geburt und mir war klar: Wenn meine Tochter ihr erstes Fahrrad bekommt, werde ich nicht dabei sein. Auf der Fahrt zur Geburt habe ich im Auto geweint." Auch ihre Tochter liebt die Arbeit mit Kindern. Hebamme wollte sie allerdings nicht werden, nachdem sie ihre Mutter in dem Beruf erlebt hat. Sie ist stattdessen Erzieherin geworden.

Als Hauptverdienerin der Familie steht Martina Meyer auch permanent unter finanziellem Druck: "Ich war immer die Alleinverdienerin, habe Mann und Tochter mitversichert. Wenn ich mal Urlaub gemacht habe, habe ich in dieser Zeit nichts verdient, aber die Fixkosten liefen weiter. Und die steigen für Hebammen seit Jahren stark an, Stichwort Haftpflichtversicherung. Als ich als Hebamme angefangen habe, lag die Haftpflichtprämie bei 400 D-Mark pro Jahr. Mittlerweile sind wir bei über 8000 Euro angekommen. Ich habe das Gefühl, als Hebamme ist man in einem Hamsterrad. Du arbeitest und arbeitest und wenn du dann mal mehr verdienst, und das nicht clever anstellst, ist Vater Staat gleich da und kassiert die Steuern davon ein."

"Jetzt bin ich wirklich frei"

Martina will nicht nur auf die Schattenseiten ihres Berufes schauen – allerdings unterliegen selbst die guten Seiten gewissen Einschränkungen: "Ich glaube, im Hebammenberuf tummeln sich viele Menschen, die selbstbestimmt leben und arbeiten wollen. Ich bin ja jetzt in einer anderen Situation und habe mit meiner Babyschwimmschule feste Arbeitszeiten. Das finde ich toll. Aber manchmal vermisse ich diese Spontanität, die ich als selbstständige Hebamme haben konnte. Das ist schon toll, in der Woche mal ein paar Tage frei haben, dann an die See fahren und nicht so volle Strände haben ... Das jubele ich jetzt ein bisschen hoch – denn eigentlich war es so, dass ich immer Rufbereitschaft hatte. Und dann war das an die See fahren tatsächlich nur unter der Woche möglich, weil du dann schnell zurückkommst. Wenn du am Wochenende im Stau stehst und zur Geburt gerufen wirst, das geht nicht. Man kann sich nur in einem bestimmten Radius entfernen, frau ist ja bereit."

Zwei Jahre hat Martina gebraucht, um gedanklich aus dieser Situation der ständigen Rufbereitschaft herauszukommen: "Jetzt bin ich wirklich frei. Es ist egal, das Telefon kann klingeln, ich muss da nicht rangehen."

Geburtshilfe im Krankenhaus: "Wo brennt es gerade am meisten?"

Auch die Arbeit als Hebamme in einer Klinik empfand Martina oft als sehr anstrengend. Sie erfuhr Ablehnung gegenüber dem Ausprobieren von alternativen Geburtsmethoden, wie etwa dem Wehensingen, und erlebte Situationen, die sie an der Sicherheit von Geburten in einem Krankenhaus zweifeln lassen: "Der Klinikalltag war so, dass du immer gucken musstest: Wo brennt es am meisten? Wo Menschen arbeiten, die zu viel zu tun haben, passieren zu viele Fehler. Wenn keiner nach dir guckt, obwohl du im Krankenhaus bist, kann das sehr gefährlich werden." Auch ihre Leistung litt manchmal unter der Last: "Ich war sicherlich nicht immer eine gute Hebamme, es gab Phasen, in denen ich überfordert war, und da möchte ich mich auch bei denjenigen entschuldigen, die ich vielleicht nicht so gut betreut habe. Ich habe in der Klinik auch gemerkt – ich muss rausgehen, damit ich die Hebamme werden kann, die ich sein möchte."

Für die Geburt ihrer eigenen Tochter plante Martina Meyer eine Hausgeburt. Doch daraus wurde leider nichts, da ihre Hebammen zum Zeitpunkt der Geburt alle verhindert waren. "Ich bin dann nachts in eine Klinik gefahren und habe dort aufrecht meine Tochter geboren. Bis dahin war ich mit Kliniken nicht im Reinen, dachte, da ist alles nur schlecht, aber das war eine gute Erfahrung. So konnte ich mit der Geburtshilfe in Kliniken meinen Frieden schließen. Auch in Kliniken gibt es Hebammen, die gute Arbeit machen."

Wie soll man so noch "guter Hoffnung" sein?

Skeptisch betrachtet Martina Meyer weiterhin die Begleitung von schwangeren Frauen in Arztpraxen und übermäßige Untersuchungen des Babys während der Schwangerschaft: "Natürlich sind einige Untersuchungen hilfreich zur Einschätzung der Gesundheit des Babys und der Mutter, aber es hat überhandgenommen. In einer Praxis, in der ich mal gearbeitet habe, bekamen die schwangeren Frauen direkt ein Heft mit den teuren Zusatzleistungen in die Hand gedrückt. Schwupps, hatte die Frau ein paar hundert Euro ausgegeben, aber kaum mal die Hebamme gesehen, die dafür da ist, den werdenden Müttern ihre Ängste zu nehmen. Früher hieß es, die Frau ist guter Hoffnung oder in froher Erwartung, das kannst du heute gar nicht mehr sein, mit dieser Geburtsmedizin."

Eigentlich müssten alle Frauen streiken

Doch trotz allem würde Martina Meyer auch heute noch jungen Menschen empfehlen, Hebamme zu werden. "Wenn ich das nicht empfehlen würde, würde ich den Beruf der Hebamme sozusagen ad acta legen und das kann nicht sein. Dieser Beruf ist so schön und so wichtig. Ich würde ihn wieder wählen. Und ich würde auf alle Fälle jungen Menschen mit dem Wunsch, Hebamme zu werden, empfehlen, diesen Beruf zu erlernen und Frauen und Kinder in dieses Leben zu begleiten. Wir brauchen Frauen und Männer, die das machen und für die Rechte der Frauen kämpfen. Mir blutet das Herz, wenn ich von Frauen höre, die schlechte Geburten erlebt haben, weil sie schlecht oder gar nicht betreut wurden. Eigentlich müsste es Bündnisse der Frauen für eine bessere Geburtsversorgung geben. Eigentlich müssten alle Frauen streiken, und sagen: Wir kriegen keine Kinder mehr, bis ihr das System verändert. Wir wollen eine gute Hebammenbetreuung."

"Maximale Gewinnabschöpfung in Kliniken sollte verboten werden"

Aus Sicht von Martina Meyer ist zur Sicherung einer zuverlässigen Geburtshilfe in Deutschland klar die Regierung gefragt: "Der ganze soziale Bereich um Gesundheit herum, der krankt an diesem Wirtschaftssystem: größer, schneller, mehr Geld verdienen. Das betrifft nicht nur Hebammen, sondern auch alle anderen pflegerischen Berufe. Ich finde wirtschaftliches Arbeiten nicht schlecht, auch die Bundesregierung muss wirtschaftlich arbeiten. Aber man muss die Gesundheit seiner Bevölkerung im Blick haben. Gute medizinische Versorgung darf nicht unter wirtschaftlichen Zwängen leiden. Das System der maximalen Gewinnabschöpfung in Kliniken sollte verboten werden. Hebammen brauchen eine angemessene Vergütung und vernünftige Arbeitsbedingungen mit ausreichendem Freizeitausgleich. In Sachen Geburtshilfe ist der Punkt: Frauen, die Kinder auf die Welt bringen, und ihre Kinder haben noch immer nicht den Wert, der ihnen eigentlich zukommt – dabei sind sie unsere Zukunft." 

Hebamme Kareen Dannhauer

Was wir gegen den Hebammenmangel tun können

Die Hebamme Kareen Dannhauer empfiehlt allen, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Hebammen und somit für eine gute Versorgung der Mütter und ihrer Babys in Deutschland einsetzen möchten, sich mit dem Verein Mother Hood e.V. vertraut zu machen – einer Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr. 

Auch der Deutsche Hebammenverband und der Bund freiberuflicher Hebammen informieren fortlaufend zu den Entwicklungen der Geburtshilfe in Deutschland und bieten viele Möglichkeiten zum Engagement. 

Eine weitere Option ist die Aktion "Lieber Jens", die sich an Gesundheitsminister Jens Spahn richtet. Unter www.lieberjens.deweisen Hebammen und Aktivist*innen auf die Probleme in der Hebammenbranche hin und bieten den Versand von digitalen Postkarten an Jens Spahn an. Eine der möglichen Kategorien: "Frau ohne Hebamme". 

In der Brigitte Community kannst du dich mit anderen rund um die Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft und Erziehung austauschen – schau doch mal rein!

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!