Sollten Kinder in den Ferien lernen? Das rät der Experte

Die Mehrheit der Schüler in Deutschland lernt auch in den Ferien. Ist das wirklich sinnvoll? Oder übertriebener Ehrgeiz? 

Wie viel Lernen ist gut für unsere Kinder? Darüber haben wir dem Lernexperten Daniel Bialecki vom Onlineportal scoyo gesprochen.

BRIGITTE.de: Ferien sind zum Faulenzen da – dieser Meinung sind offenbar nicht mehr viele Familien. Ist das jetzt eine gute oder schlechte Entwicklung?

Daniel Bialecki, scoyo: Gut oder schlecht ist schwierig zu sagen. Am Ende ist es eine individuelle Entscheidung, ob mein Kind in den Ferien lernt oder nicht. Wichtig ist, dass Lernen nicht das Hauptthema in der Familie ist und den Alltag belastet - auch während des Schuljahres. Gerade in den sechs Ferienwochen tun alle erst einmal gut daran, sich vom anstrengenden Schulalltag zu erholen und Batterien aufzuladen.

Daniel Bialecki ist Geschäftsführer der Online-Lernplattform scoyo, die er gemeinsam mit Pädagogen und Geschichtenentwicklern seit 2007 aufgebaut hat. Er ist Vater von drei Kindern.

Entsprechend finde ich es eine schwierige Entwicklung, wenn scheinbar immer mehr Kinder in den Ferien sogar regelmäßig für die Schule lernen.

Also doch lieber faulenzen?

Nein, das heißt nicht, dass alle faul herumliegen oder sinnbefreite Inhalte konsumieren sollen - nach dem Motto "Ranzen in die Ecke und Hirn aus".

Warum nicht den angeborenen Wissensdrang von Kindern herausfordern und Waldkunde-Spaziergänge unternehmen, Gummibärchen-Erhitzen-Experimente wagen oder interaktive Museen besuchen?

Wissen und lebenswichtige Kompetenzen eignen sich Kinder bei den unterschiedlichsten Aktivitäten an, nicht nur durch das Schulbuch. Und gerade in den Ferien ist Zeit, Dinge zu lernen, die nicht 1:1 im Lehrplan stehen.

Trotzdem lernen laut Ihrer forsa-Umfrage 59 Prozent der Kinder Schulstoff in den Ferien. Woran liegt das? 

Die Gründe sind vielfältig. Bei scoyo beschäftigen wir uns ja tagtäglich damit, welche Probleme Eltern und Kinder im Schulalltag haben. Dadurch bestätigt sich, was ich auch häufig im privaten Umfeld erlebe: Eltern verspüren einen immensen Druck in Bezug auf die Ausbildung und Erziehung ihrer Kinder. Viele meinen, ohne Abitur und Studium hat das Kind keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Welche Folgen hat dieser Druck?

Der Druck entlädt sich bei Kindern immer öfter in einem "Gap Year" nach dem Abi und einer steigenden Quote an Studienabbrechern. Auch wenn sie es gut meinen, viele Eltern übersehen: Am Wichtigsten bleibt doch, unsere Kinder dazu zu motivieren, Lernen und Wissen entdecken zu wollen und sich zu eigenständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Sie sollen vor allem zu kompetenten Menschen werden. 

In welchen Fällen ist es sinnvoll, in den Ferien zu lernen? In welchen nicht?

In jedem Fall sinnvoll ist es, wie gesagt, den Wissensdurst von Kindern zu stillen. Museen, Experimentierkurse, multimediale Welten oder Lernfilme können Kindern Lust auf Neues machen und die kindliche Neugierde, die in der Schule leider oft gedämpft wird, wieder hervorzukitzeln. 

Ganz klar lässt sich auch sagen: Wer ein komplettes Schuljahr nachholen muss, schafft das nicht in sechs Wochen. Sind es hingegen einige wenige, konkrete Lehrstoffe, die beim Kind aufgrund einer Krankheit oder anderen Gründen nicht so gut sitzen – und die eine wichtige Grundlage für kommende Klassen sind – dann macht es durchaus Sinn, das nachzuholen. 

Welche Rolle spielt das Alter der Kinder? Sollten schon Grundschüler Stoff wiederholen?

Lernen im weiten Sinne sollte für uns ein Leben lang natürlich sein. Die kindliche Neugierde gerade in den Ferien zu befriedigen, kann deshalb aus meiner Sicht nie zu früh ansetzen – kaum ein Zeitraum eignet sich da besser.

Wenn mit Lernen Schulstoff wiederholen gemeint ist, bin ich der Meinung, dass auch Grundschüler auf spielerische Art Lehrinhalte wiederholen können. Eben so, dass es ihnen Spaß macht und nicht in Druck oder Stress ausartet.

Sollten die Eltern selbst mit den Kindern lernen oder lieber auf Nachhilfe-Lehrer oder spezielle Ferienkurse zurückgreifen?

Eine Umfrage von scoyo hat ganz deutlich gezeigt, dass Kinder neben neuen Medien am liebsten mit Vertrauenspersonen lernen. Eltern, Großeltern, Geschwister. Nachhilfelehrer sind bei den Kindern relativ unbeliebt.

Aber auch hier kommt es darauf an, was genau gefragt ist. Geht es darum, bestimmte Schulinhalte zu wiederholen, oder müssen klare Defizite aufgeholt werden? Dann kann auch klassische Nachhilfe sinnvoll sein. Für das Wiederholen und Üben ist dem Kind gut geholfen, wenn es eine geeignete Fachlernhilfe, wie das klassische Schulbuch oder etwas aus dem Bereich "Neue Medien", an die Hand bekommt, und Mama oder Papa für Rückfragen zur Verfügung zu stehen.

Die Kinder selbst haben vermutlich wenig Lust aufs Lernen. Wie kann ich sie motivieren?

Die Erfahrung zeigt, dass Lernen in den Ferien am wenigsten Stress erzeugt, wenn Eltern und Kinder klare Abmachungen zu Inhalt, Umfang und Art festlegen. Ein kurzer Lernvertrag ist zum Beispiel hilfreich.

Gerade fürs Wiederholen von Schulstoff gibt es tolle Angebote, die Kindern auf spielerische Art Lerninhalte näher bringen. Das reicht von Büchern oder CDs, über Karten-Lernspiele und Experimentierkästen bis hin zu digitalen Angeboten, auch im Onlinebereich. Für Kinder interessant ist dabei vor allem die Einbettung in spannende Geschichten und die Möglichkeit zur Interaktion. 

Videotipp:

Langeweile in den Ferien

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