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So verändern Kaiserschnitte die Evolution des Menschen

Baby wird per Kaiserschnitt geboren
© Shutterstock / Martin Valigurksy
Studie zeigt: Die hohe Zahl an Kaiserschnitten in unserer Gesellschaft beeinflusst langfristig die Entwicklung des menschlichen Körpers – und kann sogar zu mehr Geburtsproblemen führen.

Keine Frage: Der Kaiserschnitt ist eine der tollsten Errungenschaften moderner Medizin. Sehr viele Menschen hätten ohne ihn ihr Leben verloren. Für bis zu sechs Prozent der Frauen und Kinder endete eine Geburt in Europa noch bis in die 50er-Jahre hinein tödlich. Vor allem Frauen mit einem sehr schmalen Becken liefen Gefahr, bei der Geburt des Kindes zu sterben, weil der Kopf des Babys nicht durch den Geburtskanal passte.

Zahl der Kaiserschnitte nimmt stetig zu

Der Kaiserschnitt ist also eine Möglichkeit, das gesundheitliche Risiko für Schwangere und Kind so gering wie möglich zu halten. Auch deshalb steigt sicherlich die Zahl der Eingriffe seit Jahren an – in Ländern wie Brasilien kommt schon jedes zweite Baby per Kaiserschnitt zur Welt.

Und was hat das mit der Evolution zu tun?

Philipp Mitteröcker ist Experte für Theoretische Biologie an der Uni Wien und hat sich angesehen, welchen Effekt das Eingreifen in die Geburtsprozesse langfristig auf die Evolution des Menschen hat.

Wie wir aus dem Bio-Unterricht wissen, funktioniert Evolution durch "natürliche Auslese". Merkmale des Körpers, die gut fürs Überleben sind, werden weitervererbt. Ungünstige Eigenschaften hingegen haben sich meist von selbst erledigt, weil ihre Träger gar nicht lange überleben – und diese nicht an die kommenden Generationen weitergeben können.

Keine Chance für schmale Becken - eigentlich

Es klingt herzlos, aber das gilt eben auch für die Eigenschaften "schmales Becken" und "dicker Kopf". Ohne die moderne Medizin würden viel mehr Frauen mit schmalem Becken sterben – ebenso wie Babys, die sehr groß sind. Für die Evolution bedeutet das, dass sich die Eigenschaft "breites Becken" mehr durchsetzen würde.

Mitteröcker und sein Team haben nun berechnet, dass heute die Zahl der Frauen mit zu schmalem Becken relativ zur Größe des Fötus zunimmt. Und das wiederum sorgt dafür, dass es mehr Geburtsprobleme gibt.

"Eine Frau mit einem schmalen Becken, und damit auch erhöhter Wahrscheinlichkeit von Geburtsproblemen, vererbt diese Merkmale an ihre Töchter weiter", erklärt der Studienautor laut der Agentur APA. Und das liegt eben auch an den Kaiserschnitten.

Natürliche Geburten bald unmöglich?

Kann das in ferner Zukunft dazu führen, dass Frauen ihre Kinder gar nicht mehr vaginal gebären können? Nein, beruhigt Philipp Mitteröcker. Denn die Medizin begünstige ja auch noch andere Eigenschaften. Zum Beispiel hätten auch sehr kleine und zu früh geborene Kinder heute sehr gute Überlebenschancen, und an einer Gebärmuttersenkung (bei besonders breiten Becken) sterbe man auch nicht mehr. So wird der Kaiserschnitt-Effekt also vermutlich wieder ausgeglichen.

Keine Kritik an Kaiserschnitten

Die Studienautoren betonen, dass sie auf keinen Fall den Kaiserschnitt bewerten oder infrage stellen wollen. Es sei ja nicht zuletzt auch eine ethische Frage, ob man hier in die Natur eingreife oder nicht.

Und wenn es darum geht, Leben zu retten, ist die Antwort natürlich klar.

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miro

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