Kinder überwachen: Ist eine Ortungs-App eigentlich okay?

Lily* überwacht ihre Kinder mit einer Ortungs-App. Manchmal fragt sie sich, ob das noch normal ist.

Die Erlösung kommt per Ortungs-App

Der Wecker zeigt 3:10 Uhr, und ich wälze mich im Bett hin und her, weil meine Tochter nicht zur vereinbarten Zeit zu Hause ist. Und schon geht das Kopfkino los: Hat sie vielleicht zu viel getrunken und weiß nicht, wie sie vom Kiez nach Hause kommt? Wurde sie von miesen Typen aufgehalten? Oder hat ihr womöglich jemand K.-o.-Tropfen ins Glas gemischt? Oh mein Gott! Zum Glück kommt die Erlösung per Smartphone: Ich schalte die Ortungs-App an, ah, da ist meine Tochter ja, auf dem Weg nach Hause.

Bevor mir hier alle gleich mit dem Helikopter kommen: Ich habe zwei Töchter im Teenageralter und lebe in einer Großstadt. Und um dafür zu sorgen, dass sie, während sie heranwachsen und ihren Radius immer weiter vergrößern, so wenig fiese Erfahrungen wie möglich machen, bin ich bereit, weit zu gehen.

Außerdem: Ihr Vater und ich verfolgen unsere Kinder nicht heimlich, sondern mit ihrem Einverständnis. Wir wollen sie ja nicht stalken, und unsere App muss schließlich auch von ihren Smartphones aus freigeschaltet werden.

Tracking ist in dieser Generation total normal

Zudem weiß ich, dass viele meiner Freundinnen es genauso machen. Und natürlich haben wir die Mädchen vorher gefragt, ob sie das als propellermuttimäßige Kontrolle empfinden. "Nein, völlig okay", sagten beide, und sie sind ja auch nicht die einzigen.

Überhaupt ist Tracking in ihrer Generation total normal, die Kids schauen ja selbst ständig auf Snapchat, wo ihre Freunde gerade sind. Die Große sagt sogar, es gebe ihr mehr Sicherheit.

Ob ich mir meinen Kontrollwahn nur schönrede? Auf keinen Fall! Ich benutze die App ja nur im Notfall. Also wenn die Kinder sich sehr verspäten. Ist doch nur menschlich. Menschlich ist auch, dass man auch mal der Versuchung erliegt, aus purer Neugier zu schauen, ob sie wirklich da sind, wo sie gesagt haben. Ist mir bisher aber nur ein einziges Mal passiert. Meine Tochter wollte Partyhopping machen und von einer Freundin zur nächsten ziehen, da habe ich mal kurz geschaut, wo sie gerade steckt.

Zu wissen, wo meine Töchter sind, macht mich zu einer gelasseneren Mutter

Und ja, genau da liegt die Krux. Natürlich weiß ich, dass Kinder Geheimnisse haben müssen und auch ihre eigenen (schlechten) Erfahrungen machen sollen, um sich aufs Leben vorzubereiten. Ich will ihnen auch nicht meine Ängste aufbürden, aber Fakt ist nun mal, dass die Welt da draußen für zwei hübsche, unbedarfte Mädels nicht ganz ungefährlich ist. Deshalb habe ich kein schlechtes Gewissen, dass wir so ein Kontrollding haben - so lange wir es verantwortungsbewusst einsetzen.

Zu wissen, wo meine Töchter sind, ist beruhigend und macht mich zu einer gelasseneren Mutter. Und manchmal habe ich ihnen dank der Ortung auch einen peinlichen Anruf bei ihnen oder ihren Freunden erspart. Als die Große neulich mal wieder über den Zapfenstreich hinaus nicht zu Hause war und ich ohne App wahrscheinlich schon leicht panisch in Erwägung gezogen hätte, Richtung Kiez zu ziehen, rettete mich die Technik vor einer peinlichen Begegnung: Das Smartphone zeigte mir nämlich, dass sie längst da war. Unten im Hausflur, mit einem Jungen.

Mir ist schon klar, dass die Ortung uns im schlimmsten Fall auch nichts nützt. Wenn die Kinder einen Unfall haben, haben sie den mit oder ohne App. Und wenn sie verschleppt werden, dann sicher ohne Handy. Aber auch dann weiß ich schneller Bescheid und kenne wenigstens ihren letzten Standort. Das gibt mir zumindest die Illusion einer Kontrolle.

*Name geändert


Brigitte 23/2018
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Lily* überwacht ihre Kinder mit einer Ortungs-App. Manchmal fragt sie sich, ob das noch normal ist.

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