Warum wollen Frauen wirklich schwanger werden?

Der Sexualpsychologe und Paartherapeut Christoph J. Ahlers berät Frauen und Paare, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben. In unserem Interview erklärt er, dass bei einem Kinderwunsch die Biologie nur ungefähr ein Drittel ausmacht.

BRIGITTE MOM: In Ihre Praxis kommen auch Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dabei fragen Sie auch Frauen, warum sie schwanger werden wollen. Aber sind es nicht biologische Gründe, die wir mit dem Verstand nicht erklären können?

Christoph J. Ahlers: Ein Kinderwunsch kann sich für eine Frau wie eine Naturgewalt anfühlen. Darum scheint es vielen so, als hätten sie es mit einem reinen, unhinterfragbaren biologischen "Urtrieb" zu tun, mit dem Naturgesetz der Fortpflanzung.

Wir machen es uns aber zu einfach, wenn wir dieses "Bedürfnis" allein auf die Biologie reduzieren; Psychologie und Soziologie spielen eine ebenso große Rolle. Unzweifelhaft ist die Beschränkung der Fertilitätsphase der Frau, also das biologische Faktum, dass ihre Möglichkeit, Kinder zu kriegen, zwischen vierzig und fünfzig zu Ende geht, oft einer der Auslöser, warum ein Kinderwunsch plötzlich mit dieser Vehemenz zutage tritt. Aufgrund der normativen Kraft des Faktischen drängt der Kinderwunsch ins Bewusstsein und zur Verwirklichung. Aber es ist deswegen keine reine Biologie, psychologische und soziale Beweggründe spielen immer eine ebenso große Rolle.

Was steckt noch hinter dem Kinderwunsch?

Die Biologie erklärt bloß ein Drittel des Geschehens. Daneben findet ganz viel im Kopf (das psychologische Drittel) und in den Beziehungen (das soziale Drittel) statt. Nur wenn wir biologische, psychologische und soziale Aspekte gemeinsam betrachten, kommen wir der Frage näher, warum wer wann ein Kind will oder nicht.

Wenn ich eine Frau frage: "Warum wünschen Sie sich gerade jetzt ein Kind?", dann wird diese Frage oft geradezu als Provokation empfunden und stößt auf Abwehr. Ich schaue zunächst in ratlose Augen und gleich darauf in widerständige und empörte: "Das ist eben so! Ich habe den Wunsch. Das ist doch wohl die natürlichste Sache der Welt!" Solchen Aussagen können ein Hinweis darauf sein, dass hier eine Verkapselung, ein kompensatorischer Druck im Inneren besteht.

Aus diesem Grund sollte ein Baby bei der Taufe niemals geküsst werden

46, ist Klinischer Sexualpsychologe und Leiter der Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie in Berlin. Er ist spezialisiert auf die Beratung und Behandlung bei partnerschaftlichen Kommunikations- und Beziehungsstörungen sowie sexuellen Funktionsstörungen. Er hat das Buch "Himmel auf Erden & Hölle im Kopf - Was Sexualität für uns bedeutet" (442 Seiten, 19,99 Euro, Goldmann) geschrieben.

Das müssen Sie erklären ...

Ein Kind bekommen zu wollen, ist die natürlichste Sache der Welt. Okay. Wenn ich dann aber frage, warum die Frauen persönlich und gerade jetzt ein Kind wollen, dann schildern sie nach der ersten Empörung oft drei Formen von Wünschen: den Wunsch nach Schwangerschaft, den Wunsch nach einem Kind, den Wunsch nach Mutterschaft. Und nicht selten sind diese Wünsche zumindest auch dadurch motiviert, dass den Frauen eigentlich etwas anderes fehlt, was durch ein Kind erfüllt oder ersetzt werden werden soll. Und diese Wünsche, bei denen es eigentlich um die Erfüllung anderer Bedürfnisse geht, die nennt man "kompensatorisch" - und sie entfalten gerade deswegen oft eine enorme, mitunter neurotische Kraft.

Die Wünsche klingen aber nicht besonders defizit-motiviert ...

Ich gebe Ihnen einige Beispielantworten, die mir Frauen erzählen: "Ich will schwanger sein, weil ich mich dadurch ganz als Frau fühlen kann und meiner Bestimmung gerecht werde. Ich will ein Kind, weil ich eine innere Leere spüre und meinem Leben einen Sinn geben will. Dann werde ich mich innerlich erfüllt fühlen. Dann werde ich das Gefühl haben, nie mehr allein zu sein. Ich will spüren, dass in mir etwas wächst, dass ich etwas wachsen lassen kann, dass ich es bin, die so etwas bewirken kann. Ich möchte spüren, dass ich etwas in mir austragen kann, das völlig in mir aufgeht. Dass ich letztlich Leben schenken kann."

Merken Sie etwas? Das Kind selbst kommt nicht vor! Es geht allein um die Frau! Allein ihre Bedürfnisse stehen bei diesen Aussagen im Zentrum ihres Kinderwunsches. Das Kind ist nur Mittel zum Zweck.

Aber schwingt nicht im jedem Kinderwunsch etwas Selbstbezogenes mit?

Ja, genau so ist es. Bei jedem Kinderwunsch gibt es eine Mischung aus eigentlichen (Fortpflanzung) und weniger eigentlichen (Selbstverwirklichung) Gründen. Das ist völlig in Ordnung. Problematisch wird es erst, wenn der defizit-kompensatorische Anteil dieser Motive überwiegt. Heißt: Mir fehlt etwas - und das soll das Kind ausgleichen.

Raten Sie Frauen, bei denen Sie vermuten, dass ein Kind allein ihre Bedürfnisse erfüllen sollen, von einem Kind ab?

Es ist nicht meine Aufgabe, Schläge zu erteilen - auch keine Ratschläge! Zumindest ein Blick auf die eigenen Motive lohnt sich aber meistens. Der Gradmesser für die Frage, ob die Ausprägung eines Kinderwunsches unauffällig oder potenziell problematisch ist, ist folgender: Um wen und was geht es bei diesem Kinderwunsch im Kern? Den neurotisch-kompensatorischen Kinderwunsch erkennt man daran, dass es den Frauen (es sind in der Regel die Frauen) dabei zunächst vor allem oder sogar ausschließlich um sich selbst geht und dass sie die Erfüllung ihres Kinderwunsches nicht einmal im Rahmen einer theoretischen Erörterung in der Therapie zur Disposition stellen können.

Sie können nicht sagen: "Ein Kind zu bekommen wäre schön, aber wenn es nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter!" Stattdessen formulieren sie: "Ich will und ich brauche ein Kind! Und wenn ich kein Kind bekomme, dann war mein Leben umsonst, vergebens, sinnlos, zwecklos, dann kann ich genauso gut sofort Schluss machen." Die totale Einengung der Lebensperspektive aber auf das empfundene Defizit sowie die absolute Fixierung auf den kompensatorischen Wunsch bringt Betroffene dazu, in einem Kind sämtliche unerfüllte Lebensanteile realisieren zu wollen. Das kann man keinem Kind wünschen.

Was brauchen Kinder stattdessen?

Je weniger Bedürfnisse und Erwartungen ein Kind erfüllen muss, desto besser und gesünder ist es für seine Entwicklung. Ein Kind sollte nicht zur Welt kommen, um die Defizite der Eltern zu kompensieren oder um deren Identität zu stabilisieren.

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