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Komasaufen Warum trinken zunehmend die Mädchen?

Komatrinken: Mädchen stoßen mit Sektgläsern an
© Pressmaster / Shutterstock
Sie trinken auf Partys, auf Spielplätzen, hinter Büschen. Heimlich - unheimlich viel! Warum ist Alkohol für immer mehr junge Mädchen so verlockend? ELTERN FAMILY-Autorin Dorothee von Walderdorff sprach mit Experten darüber, was wir Eltern zum Alkoholkonsum von Mädchen wissen müssen.

Warum trinken zunehmend die Mädchen?

Laut einer WHO-Studie trinken Jugendliche bereits mit 13,2 Jahren erstmals Alkohol, ihren ersten Rausch erleben sie noch vor ihrem 14. Geburtstag. Früher tranken Jugendliche, um sich erwachsen zu fühlen - heute betrinken sie sich, um die Welt der Erwachsenen hinter sich zu lassen. Sie nennen es "Komasaufen", "Kampftrinken" oder "Binge-Drinking" - wer sich regelmäßig "die Kante gibt", ist "cool".

Und das gilt auch für Mädchen - sie werden sogar öfter mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht als Jungen. Eine Beobachtung von Dr. Edelhard Thoms, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Parkkrankenhaus Leipzig, die auch ein Erklärungsversuch ist: "Das Verhalten unserer Jugend ist 'unisex'. Die Geschlechtertrennung ist aufgeweicht, die Rollenverteilung nicht mehr klar definiert. Mädchen probieren riskantere Verhaltensweisen aus, dringen auch beim Alkohol in bislang klassisch männliche Domänen ein."

Alkoholkonsum junger Mädchen - das sagen die Experten

Frederik Kronthaler und Anne Lubinski, Leiter der Drogenberatungsstelle condrobs in München, unterstützen vor allem Eltern in extremen Fällen. Aber ihr Wissen hilft allen Eltern mit Kindern in der Pubertät. Im Interview erklären sie, warum Jugendliche zum Alkohol greifen - und wie Eltern reagieren sollten:

Was können Eltern tun? Kritik wagen und Grenzen setzen! Heute wird über alles diskutiert, alles ist verhandelbar. Teenager aber brauchen klare Ansagen. Zum Beispiel: "Um 22 Uhr bist du zu Hause, egal, wie lange deine Freunde wegbleiben dürfen!"

Gibt es Jugendliche, die besonders gefährdet sind? Nein. Es ist nicht das Problem einer bestimmten Schicht oder Bildung - eher ein psychologisches.

Inwiefern? Vielen Jugendlichen fehlen Verhaltensmuster, wie sie mit Stress umgehen sollen. Sie sind überfordert mit dem, was sie leisten sollen - aber auch mit dem, was sie entscheiden können beziehungsweise müssen.

Warum? Sie haben keine Vorbilder - und sie sind stärker belastet. Die Trennung zwischen Erwachsenen und Kindern ist in vielen Familien aufgehoben. Kinder werden wie Partner oder Freunde behandelt und mit massiven Problemen wie Arbeitslosigkeit, Geldnot oder Scheidung konfrontiert.

Also trinken sie gegen die Ohnmacht - bis zur Ohnmacht? Nicht alle. Manche Mädchen trinken auch aus purer Lust an der Grenzüberschreitung. Wenn Shopping und Starbucks die einzigen Freizeitbeschäftigungen sind, mangelt es an Herausforderungen. Das Leben ist so langweilig, dass man offen ist für alles und jeden.

Der Rausch als Abenteuer? Ja - und zwar ein sehr gefährliches! Alkohol verändert die Wahrnehmung. Die Kids fühlen sich im Suff wie 'Superstars', wollen vom Balkon springen, tanzen im Bikini im Schnee ... und merken gar nicht, dass sie sich in Lebensgefahr bringen.

Was raten Sie? Aufklären und vorbeugen. Dazu gehört, Kinder - möglichst im Alter zwischen acht und zwölf Jahren - in eine Gemeinschaft zu integrieren und zu beschäftigen. Sei es im Sportverein, bei den Pfadfindern oder dass ein Kind ein Instrument lernt ...

Und dann passiert es doch ... die 13-jährige Tochter kommt betrunken nach Hause. Wie soll ich reagieren? Möglichst beherrscht. Es ist richtig, wenn Eltern dann in wenigen Sätzen ihren Ärger zeigen, aber auch ihre Angst. Dann ab ins Bett! Bleiben Sie bei ihr, wenn Sie den Eindruck haben, es geht ihr schlecht. Sie wissen nie, wie viel und was sie getrunken hat. Jugendliche, die sich im Schlaf erbrechen, können am Erbrochenen ersticken. Sorgen Sie dafür, dass sie am nächsten Morgen rechtzeitig zur Schule kommt. Die Aussprache verschieben Sie besser auf später.

Vielen Eltern graut vor einer Auseinandersetzung mit einem schlecht gelaunten Teenager. Solche Gespräche sind nicht angenehm und erfordern den Mut, sich unbeliebt zu machen. Davor haben viele Eltern heute Angst, aber sie müssen Grenzen aufzeigen, an denen sich ihr Kind orientieren kann, nach denen es vielleicht auch gesucht hat. Ein gewaltiges Donnerwetter ist dafür nicht geeignet, wohl aber ein Gespräch, in dem Eltern ihre Haltung deutlich machen und die Chance nutzen, mehr zu erfahren. Lassen Sie Ihre Tochter erzählen, mit wem sie getrunken hat, wo sie war. Fragen Sie: Wie siehst du das? Verweisen Sie auf das Jugendschutzgesetz (kein Alkohol mit 13!). Erklären Sie Ihrer Tochter, welche Schäden Alkohol am jugendlichen Körper anrichtet und reden Sie offen über Gefahren wie Unfälle und sexuelle Übergriffe.

Wie kann ich außerdem verhindern, dass sie wieder trinkt? Treffen Sie klare Vereinbarungen: kein Alkohol unter 16! Pflegen Sie den guten Draht zu Ihrer Tochter. Als Mutter werden Sie nie alles erfahren. Das gehört zum Ablösungsprozess. Aber in Kontakt bleiben, ist wichtig! Und auch das: Holen Sie Ihr Kind von Partys ab. Das garantiert den sicheren Heimweg und gibt Einblick in den Freundeskreis.

Welche Schäden kann Alkohol bei Jugendlichen verursachen?

Alkohol ist ein für gefährliches Rauschmittel für Jugendliche - das gilt erst Recht für junge Mädchen. Hier lesen Sie, warum:

Teenager sind schnell betrunken

Mädchen haben ein geringeres Blutvolumen als Jungen, das heißt, die Konzentration von Alkohol im Blut steigt schneller. Nach einem Bier (0,5 l) liegt die Blut-Alkohol-Konzentration bei etwa 0,5 Promille. Je zierlicher das Mädchen, desto schneller steigt der Alkoholpegel.

Gehirnzellen sterben ab

Erst mit ungefähr 18 Jahren ist das Gehirn ausgereift. Alkoholgenuss bremst das Hirnwachstum, zerstört Gehirnzellen (bei einem Vollrausch sterben mehrere 1.000 Hirnzellen) und verändert die Verschaltung der Synapsen: Denkprozesse verlangsamen sich, die Konzentration wird schwieriger, Emotionen verändern sich.

Die Leber leidet

Während die Leber mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt ist, setzt sie keine Glukose frei. Es kommt zur Unterzuckerung, die zu Bewusstlosigkeit führen kann. Frauen können Alkohol schlechter abbauen als Männer, da sie weniger der für den Abbau notwendigen Enzyme haben.

Alkohol macht süchtig

Beim Abbau von Alkohol wird Ethanol freigesetzt, das die Ausschüttung von "Glückshormonen" ankurbelt. Je früher und je länger das Belohnungszentrum in Gehirn mit Alkohol stimuliert wird, desto tiefer brennt sich der gelernte Effekt ein. Wer mit 13 schon Alkohol trinkt, tut sich schwer, sich von diesem fest verankerten Verhaltensmuster zu lösen.

Wo finden Eltern weitere Infos zum Thema "Alkoholmissbrauch von Jugendlichen?

  • Kostenlose online-Beratung: www.bke-jugendberatung.dewww.bke-elternberatung.de
  • Verzeichnis der Suchtberatungsstellen: www.bzga.de (Service Suchbegriff "Suchtberatungsstellen")
  • Eltern-Ratgeber: "Alkohol - reden wir darüber", kostenlos über Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 51101 Köln.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Dorothee von Walderdorff<br />

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