Mädchen für Technik begeistern - zur Not auch mit rosa Glitzer

Wie begeistert man Mädchen für Technik und fürs Programmieren? Iris Bockermann, Bildungs- und Digitalexpertin, setzt dafür in der Grundschule auch mal rosa Glitzer ein.

BRIGITTE: Wie früh sollte man Kinder auf die vernetzte Welt vorbereiten? 

Iris Bockermann: Ich würde mich da auf kein Alter festlegen. Wir leben in einer digitalen Kultur. Heute werden die digitalen Medien buchstäblich mit der Muttermilch aufgenommen: Das Baby wird an der Brust gestillt und die Mama liest dabei auf dem Smartphone. Die Kinder kriegen das von klein auf mit. 

Baby mit Tasse

Das prägt von Anfang an? 

Ja. Sätze wie "Im Kindergarten darf mein Kind keinen Medienkontakt haben" verkennen die Tatsache, dass eben schon in der Familie Medien viel und oft genutzt werden. 

Wie macht man es als Eltern denn richtig? 

Eltern sollten offen mit den Kindern reden, wenn die sich für die Technik um sich herum interessieren, und ihnen zeigen, was es da zu beachten gibt. Das geht schon sehr früh - erst in der Grundschule mit Medienerziehung zu beginnen ist spät. Die Kinder sind sehr viel früher an Technik interessiert. Sie brauchen Erwachsene, die sie begleiten, sich interessieren und Fragen beantworten können. 

Dann kommen die Kinder mit großem technischen Interesse in die Schule - und  finden dort gerade mal einen älteren PC im Klassenraum ... 

Ja, Schulen sind schlecht ausgestattet - und Grundschulen sind noch mal besonders das Stiefkind. Der ältere Computer wird oft dann benutzt, wenn die Unterrichtseinheiten durch sind, meist für ein kleines Spiel als Belohnung. Als Lernmedium wird er eher selten eingesetzt. Aber viel wichtiger als die neueste Technik sind gute Lehrkräfte: Menschen, die sich trauen, neue Konzepte umzusetzen, die mit einem Computer-Update oder fehlendem Internet so gelassen umgehen wie mit fehlender Kreide. 

Das ist nicht der Fall, auch nicht bei den Jüngeren? 

Nein, nicht in dem Maß, wie wir es jetzt brauchen. Auch viele junge Lehrkräfte stehen der Digitalisierung in der Schule sehr kritisch gegenüber und sehen sich der Aufgabe nur schwer gewachsen, Kinder hier begleiten zu können. Mit dem alten Modell "Schlagt euer Buch auf und bearbeitet das Arbeitsblatt" kann man da nicht arbeiten - aber genau das ist für viele Lehramtsstudenten noch die Komfortzone, was sie aus ihrer Schulzeit kennen. Das ändert sich erst, wenn es mehr guten Digital-Unterricht gibt. Lehrkräfte brauchen hier Unterstützung und Fortbildungen. 

Aber sind die Vorbehalte gegen eine zu starke Ausrichtung aufs Digitale nicht auch gerechtfertigt? 

Wenn Kinder sagen: Ich muss das nicht lernen, das kann ich googeln? Eine Grundschule vermittelt viele Grundkompetenzen, und die schließen sich nicht gegenseitig aus. Wenn Kinder eine Stunde ihre Handschrift üben, haben sie meist genug Interesse und Energie, sich um das nächste Thema zu kümmern.

Gibt es einen Unterschied, wie Mädchen und Jungen die Digitalbildung aufnehmen?

Unbedingt. Ähnlich wie in Mathe verlieren wir die Mädchen auch in der Informatik früh. Schon in der Grundschule hat sich ein Geschlechterklischee in den Köpfen festgesetzt, das Mädchen ausbremst. 

Was kann man dagegen machen? 

Die Präsentation ist wichtig. Bei einem "Robotic Workshop" melden sich zu 90 Prozent nur Jungen an. Dieselbe Technologie ist aber bei Mädchen ein Riesenhit, wenn sie als "Smart Fashion Workshop" angekündigt wird. 

Roboter für Jungs, Mode für Mädchen - damit werden die Klischees doch verstärkt. 

Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie stehen, bei dem, was sie interessiert. Mädchen sind breiter aufgestellt, sie fühlen sich von Technik-Workshops nicht in der Form angesprochen, wohl aber von Smart Fashion. Und dann kriegen sie eben Smart Fashion und Technologie. So entdecken sie für sich den Spaß an Sensoren und Microcontrollern und was man damit alles machen kann. 

Wieso ist die Vorstellung, dass Technik nichts für Mädchen ist, noch so präsent? 

Kinder sind heute schon durch ihre Spielwelten viel festgelegter. Selbst Überraschungseier gibt es in Rosa mit "Nur für Mädchen"-Aufdruck - da waren wir mal weiter. Jetzt kriegen Jungs beim Spielzeug den Weltraum und Mädchen den Haushalt. Keine gute Entwicklung. 

Und doch schlagen die Workshops, die Sie vorschlagen, in dieselbe Kerbe ... 

Wenn das Ergebnis ist, Mädchen für das angebliche Jungsthema zu begeistern, ist mir egal, ob der Weg dahin mit rosa Glitzer gepflastert ist. Ich will die Mädchen einfach erreichen! Ich will zeigen, dass Technik spannend ist, was die Mädchen in dem Bereich können und wie wichtig sie dort sind. Die Technik wird davon geprägt, wer sie entwickelt. Daher sollte die weibliche Sicht von Anfang an stärker vertreten sein. Wenn es für Mädchen keine Berührungspunkte gibt - wie sollen sie dann entdecken, dass ihnen Programmierung und die Gestaltung von Technologie Spaß machen kann und sie das auch lernen können? Wie können so Begeisterung oder gar ein Berufswunsch entstehen? Es ist doch fatal, so ein wichtiges Feld wie die Gestaltung der digitalen Zukunft den Jungen zu überlassen. Eine gute Lehrkraft kann hier Orientierung geben und Mädchen wie Jungen ermutigen, ihr Potenzial zu entfalten. 

Der Mensch bleibt wichtiger als die Maschine? 

Klar. Schule ist und bleibt der Dialog zwischen Schüler und Lehrer - egal ob mit digitaler Unterstützung oder klassisch an der Tafel.

Brigitte 12/2018

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