Iss gefälligst deinen Teller leer!

Auch wenn der Satz heute so nicht mehr gilt: Am Familien-Esstisch gibt’s öfter mal Zoff, gerade an den Festtagen. Was jetzt hilft, erklärt die Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll.

Jetzt locken wieder Plätzchen und Schoki, und schon fliegen die Fetzen: Kinder verstehen nämlich oft nicht, dass sie nicht unbegrenzt naschen dürfen. Wie gehen Eltern damit um?

Prof. Fabienne Becker-Stroll: Weihnachten ist eine Ausnahmezeit, denn die Erwartungen sind auf allen Seiten hoch, das kann sich durchaus mal am Esstisch entladen. Manchen helfen klare Regeln, etwa die Ansage, dass Plätzchen nur gemeinsam gegessen werden, oder auch das Aufdröseln der Erwartungen. Wenn mir ein festliches Essen wichtig ist, kann ich das auch mit meinem Partner genießen, wenn die Kinder schlafen. Oder den Kindern Nudeln und den Großen Braten servieren.

Sonst wird der Familientisch zur Kampfzone?

Unsere Forschung zeigt glücklicherweise, dass die Mehrheit der Eltern die Zeit am Esstisch mit den Kindern als wertvoll empfindet. Aber die Normen haben sich geändert und müssen neu verhandelt werden. In meiner Kindheit galt noch: Fabienne, solange du deinen Teller nicht leer gegessen hat, darfst du nicht aufstehen! Ich saß stundenlang vor meinem kalten Spinat. Als Bindungsforscherin führe ich viele Interviews, heutige Eltern berichten mir von teils grauenhaften Esssituationen in der eigenen Kindheit. Heute dürfen Kinder eher auf ihren Körper hören. Das beugt übrigens auch Essstörungen vor.

Restaurantbesitzer*innen klagen vermehrt, dass Kinder wild zwischen den Tischen rennen. Gibt es heute zu wenig Regeln?

Benehmen sich Kinder am Esstisch schlecht, ist das fast immer ein Ausdruck dafür, dass ihre Bedürfnisse nicht berücksichtigt werden. Kinder wollen und brauchen Aufmerksamkeit. Für Restaurantbesuche bedeutet das, dass Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen müssen, und zwar so, dass es dem Ort angemessen ist; sie könnten vorlesen oder gemeinsam malen. Sein Kind im Restaurant rennen zu lassen, zeugt von Desinteresse – den anderen Gästen, aber auch dem eigenen Kind gegenüber.

Und zu Hause?

Ein kleineres Kind, das am Esstisch randaliert, tut das meist aus gutem Grund, doch es kann diesen Grund noch nicht artikulieren. Meist ist das Kind unterzuckert, es hat also schon ziemlich lange Hunger, es ist müde oder braucht Nähe und Zuwendung. Spielt es mit dem Essen und macht Quatsch, ist es im Regelfall satt. Bis etwa zum Schuleintritt ist ein Kind darauf angewiesen, dass seine Eltern den Grund erkennen und feinfühlig reagieren. Deuten Eltern Signale korrekt und befriedigen sie die dahinter liegenden Bedürfnisse, lassen sich Konflikte oft einfach lösen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Sind am Familientisch alle gestresst, die Kinder überdreht, müssen Eltern überlegen: Woran liegt das? Brauchen die Kinder eine Zwischenmahlzeit? Sollten wir früher essen, weil die Kinder längst ins Bett gehören? Manchmal hilft es auch, das Essen nach dem Heimkommen nicht unmittelbar auf den Tisch zu stellen, sondern zunächst ausgiebig zu kuscheln.

Eine Studie der Universität Harvard zeigt, dass in Familien, in denen gemeinsam gegessen wird, der Zusammenhalt stärker ist, die Kinder mehr Selbstvertrauen, aber seltener Depressionen und Übergewicht haben. Warum haben gemeinsame Mahlzeiten eine so enorme Macht?

Weil der Alltag vieler Familien eng getaktet ist. In dem To-do-Meer aus Kita und Arbeit, Flöten, Handball und Hausaufgaben sind gemeinsame Mahlzeiten Inseln: Momente des Miteinanders, in denen sich Familien austauschen und entspannt genießen. Kinder haben diese Wohlfühlsituationen nötig, um aufzutanken und Sicherheit und Geborgenheit zu erfahren. Und sie sind Resonanzböden. Eine gesunde Esskultur hilft, Probleme aufzuspüren, bevor diese groß werden.

Was meinen Sie mit gesunder Esskultur?

Eltern sind die verantwortlichen Moderatoren. Ihr Verhalten entscheidet darüber, ob Kinder sich wohlfühlen und ansprechen, was sie beschäftigt. Außerdem sollten Eltern niemals am Esstisch von sich aus unangenehme Themen ansprechen, beispielsweise die verhauene Mathearbeit, das verdirbt den Appetit und zerstört das entspannte Miteinander. Und: Eltern müssen wissen, dass Kinder anders essen als Erwachsene.

Nämlich wie?

Unsere Kita-Forschung zeigt, dass Kinder kein gematschtes Essen mögen. Eintöpfe und Aufläufe essen viele Kinder nicht, ja mehr noch: Die breite Mehrheit möchte alle Komponenten getrennt auf dem Teller haben, die Soße nicht auf, sondern neben den Nudeln beispielsweise. Berücksichtigen Eltern das, schneiden sie zudem nicht ungefragt Brote und Nudeln klein und lassen sie die Kinder selbst schöpfen, ist schon viel Sprengstoff raus. 

Kinder haben oft sehr spezielle, manchmal ungesunde Essvorlieben. Was, wenn mein Kind kein Gemüse isst?

Eltern neigen dazu, die Familienmahlzeit isoliert zu betrachten. Hatte ein Kind in der Schule oder im Kindergraten schon Obst und Gemüse, ist doch alles wunderbar, und es soll "nackige" Nudeln essen. Es kommt auf den Gesamttagesumsatz an. Dass Kinder überhaupt kein Gemüse essen, gibt es zwar auch, aber extrem selten. Eltern sollten dann immer wieder Gemüse anbieten, unbedingt ohne Zwang, und das Kind Rohkost und Obst essen lassen. Wer sehr verunsichert ist, spricht den Kinderarzt an.

Darf man seine Kinder "ein bisschen" schlagen?

Was raten Sie Eltern, die die Essvorlieben ihrer Kinder in den Wahnsinn treiben?

Geduld. Im Vorschulalter wollen viele nicht experimentieren. Dass Kinder Süßes mehr mögen als leicht bitteres Gemüse hat ja einen evolutionären Grund: Es schützte unsere Vorfahren vor Vergiftungen. Jede Mahlzeit sollte für jedes Familienmitglied etwas bereithalten, das dieses mag. In der Zeit, als meine Kinder Gemüse eher verschmähten, gab es eben zur Abendbrot-Stulle statt Gurken Erdbeeren oder Bananenstücke, und bis heute gilt bei uns: Niemand muss etwas essen, das ihm nicht schmeckt. Mir macht aber etwas anderes viel mehr Sorgen.

Was denn?

Immer mehr Mütter – es sind vornehmlich die Mütter, die Väter holen aber auf – achten extrem auf gesunde Ernährung, und das schadet den Kindern. Das Gesund-essen-Müssen überlagert dann alles, die Bedürfnisse der Kinder werden nicht mehr gesehen, jeder Bissen beobachtet. Das ist Gift für die Stimmung am Tisch, und es kann Kinder in Essstörungen führen, denn sie lernen von Vorbildern. Das gilt für Tischmanieren – ein Vater, der kauend sein Smartphone checkt oder nicht ordentlich mit Messer und Gabel isst, braucht sich über unmanierliche Kinder nicht zu wundern – ebenso wie für ein krankhaftes Essverhalten. Signalisiert eine Mutter: Wenn du isst, bist du schwach, wird sich das auf die Kinder übertragen. Diese Eltern sollten sich am besten Hilfe von außen holen.

Immer mehr Eltern sind berufstätig. Wie wirkt sich das aus?

Jede Familie braucht gemeinsame Mahlzeiten, mehrmals pro Woche. Entscheidend ist dabei, dass die Mahlzeiten echte Wohlfühl-Situationen sind. Insbesondere die Mütter zerreißen sich mitunter fast zwischen Job und Kindern. Sie machen sich viele Gedanken: Ist es normal, was mein Kind tut, bin ich eine gute Mutter? Das führt zu Belastung und Druck. Sie sollten es sich so einfach wie möglich machen.

Das sagt sich leicht.

Mir hilft, dass wir uns als Familie zusammensetzen, wenn es über einen längeren Zeitraum knirscht, und überlegen: Wie können wir Stress rausnehmen? Wen abendliches Kochen nervt, der bringt ein Abendbrot auf den Tisch. Muss eine Mutter nach dem Heimkommen erst runterkommen, vereinbart sie eine Mini-Auszeit, oft genügen zehn Minuten. Kinder können das ab dem Grundschulalter gut einhalten. Vorausschauendes Einkaufen und Essenspläne nehmen auch Stress raus. Worum es mir geht: Wenn Mama oder Papa gehetzt am Essenstisch sitzen, überträgt sich die miese Laune auf die Kinder. Eltern müssen auch auf sich achtgeben.

BRIGITTE 1/2020

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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