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Natürliche Geburt: Zwischen Traum und Trauma

Natürliche Geburt: Neugeborenes auf Brust der Mutter
© GagliardiPhotography / Shutterstock
Der Körper weiß, wie es geht. Trotzdem bekommt kaum eine Frau ihr Kind, ohne dass die Medizin nachhilft. Gleichzeitig wächst der Hype um die perfekte Entbindung. Chefarzt Wolf Lütje über Geburten zwischen Traum und Traumatisierung.

BRIGITTE: Methoden, die eine sanfte Geburt versprechen, boomen. Viele Frauen setzen auf Atem- und Meditationstechniken wie Hypnobirthing. Funktioniert die Geburt auch ohne Schmerz?

Dr. Wolf Lütje: Es ist sicher gut, wenn die Frau weiß, wie sie mit ihrem Atem die Wehen begleiten kann. Das gibt Sicherheit. Aber machen wir uns nichts vor: Eine Geburt ist kein Spaziergang, sondern etwas verdammt Anstrengendes.

"Da musst du durch" klingt angesichts des Fortschritts an medizinischen Möglichkeiten aber ziemlich archaisch ...

Niemand würde behaupten, dass es einfach ist, den Kilimandscharo zu bezwingen, aber wenn man oben ist, wird man für seine Mühen belohnt. Der Schmerz gehört zur Geburt, er bringt den Frauen ihre Babys. Sie können für ihr Leben gestärkt aus der Geburt gehen, gerade weil sie diesen Sturm gemeistert haben. Es ist eine Ermächtigung, die es einem erlaubt, das Leben anders zu betrachten.

In Zeiten von Instagram, Facebook und WhatsApp kann die Geburt quasi in Echtzeit in die Welt gesendet werden. Wird das im Kreißsaal zum Problem?

Überraschenderweise erlebe ich das kaum. Als wir in den 80er-Jahren die Männer in die Kreißsäle holten, waren die meist so überfordert, dass wir froh waren, wenn die eine Videokamera dabeihatten. Die haben die ganze Zeit gefilmt. Heute wird kaum noch während und unmittelbar nach der Geburt fotografiert. Das macht Sinn. Manche Bilder hat man nur im Herzen.

Trotzdem setzen schwangere Influencerinnen Trends, indem sie allen präsentieren, wie akribisch sie ihre Geburt vorbereiten: die passende Musik, Kerzen, Kissen, Energieriegel, der Fotograf steht bereit und vor der Kreißsaaltür warten Freunde und Familie. Wird die Geburt zum inszenierten Happening?

Das gibt es vielleicht im amerikanischen oder südamerikanischen Raum. Da kommt es häufiger vor, dass der Mann mit Kopfkamera in den OP geschickt wird und dann der wartenden Familie das Baby präsentiert. Frauen, die auf ein kontrolliertes Erlebnis spekulieren, tendieren eher zum Kaiserschnitt. Viele von denen, die sich auf eine physiologische Geburt einlassen, bereiten sich bewusst vor. Sie wollen die Geburt nach ihren Vorlieben ausrichten, um dann ihre ganze Kraft mobilisieren zu können.

Setzen Frauen sich auf diese Weise nicht zu sehr selbst unter Druck?

Dass Frauen sich überlegen, mit welcher Haltung sie in den Kreißsaal gehen, ist die Voraussetzung für eine selbstbestimmte Geburt. Es ist wichtig, sich Fragen zu stellen: Wie möchte ich mein Kind bekommen? Welche Bedeutung hat die Geburt für mich? Und wie verlief meine eigene Geburt? Auch verdeckte Traumata, etwa aus früheren Geburten, können hochkommen und hemmend wirken. Wenn es ein Gefühl der Sicherheit gibt, sein Lieblingskissen dabeizuhaben oder beruhigende Musik, kann ich daran nichts Schlechtes finden.

Ist die Enttäuschung nicht riesengroß, wenn es dann anders läuft als gedacht?

Eine Frau mit einer klaren Haltung kann diese zu 70 bis 80 Prozent auch wirksam werden lassen. Aber es gibt eben auch viel Unvorhersehbares. Versagensgefühle sind also fehl am Platz.

Was ist für Sie die ideale Geburt?

Wenn die Frau sich fallen lassen kann und ganz auf ihrem Geburtsplaneten ist. Dann können die Hormone ihre Arbeit machen. Der Körper schafft Unglaubliches. Er weiß, wie es geht.

Was Sie da schildern, ist inzwischen ziemlich selten: Schätzungen zufolge gebären weniger als fünf Prozent komplett interventionslos. Warum?

In unserer Gesellschaft ist der Hang zur Kontrolle und Optimierung groß. Das passt nicht zur Geburt, die kaum beherrschbar ist. Vielen Frauen fällt es schwer, sich diesem gewaltigen Prozess hinzugeben und dem zu folgen, was der Körper ihnen sagt. Und wenn man ehrlich ist: Wir machen es den Frauen nicht leicht.

Was meinen Sie damit?

Das Bezahlsystem honoriert die Intervention, nicht das Abwarten. Mit einer normalen, aber zeitaufwendigen Geburt verdient eine Klinik kaum Geld. Chefärzte werden von Klinikleitungen häufig unter Druck gesetzt, auch weil sie Haftpflichtfälle abwenden sollen. In Kreißsälen herrscht zunehmend ein Klima der Angst.

Gerade wird viel über das Mittel Cytotec, das zur Geburtseinleitung eingesetzt wird, und mögliche Risiken diskutiert.

Aber Cytotec ist nicht das Problem – niemand wird bei richtiger Anwendung traumatisiert, schwere Schäden gibt es schon gar nicht. Das Problem ist wiederum die schlecht betreute, interventionsreiche Geburtshilfe. Es wird zu viel und falsch eingeleitet.

Und immer mehr Frauen berichten über Gewalt unter der Geburt ...

Da muss man differenzieren. Frauen gehen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen in die Geburt. Manche Frauen wünschen sich eine Hausgeburt, andere einen Kaiserschnitt. In diesem Spannungsfeld spielt sich das Erleben von Gewalt ab. Frauen, die eine natürliche Geburt wollen und sie nicht bekommen, fühlen sich von der geburtshilflichen Kultur überwältigt. Und die, die einen Kaiserschnitt wollen und dann doch natürlich gebären, fühlen sich womöglich durch die Gewalt der Natur fremdbestimmt.

Frauen werden festgehalten, ihnen werden die Beine auseinandergerissen, man drückt ihnen die Kinder aus dem Leib. Ist das nicht objektiv Gewalt?

Es gibt diese Fälle, ja. Die echte grausame Tätergewalt ist zum Glück selten. Meistens passieren Übergriffe im Kontext von Überlastung und Überforderung. So kommt es zu schlechter Betreuung oder Vernachlässigung, weil zu wenige Hebammen sich um zu viele Frauen kümmern.

Geht es wirklich nur um fehlende Mittel?

Es gibt definitiv auch ein Haltungsproblem: Viele Gynäkolog*innen und Hebammen glauben, dass sie die Kinder holen. Ein guter Geburtshelfer ist aber ein stiller Begleiter, der die Frau und ihre Bedürfnisse liest. Es ist wichtig, sich während der Geburt immer wieder die Erlaubnis der Frau einzuholen und zu versuchen, Alternativen aufzuzeigen. Es macht einen Riesenunterschied, ob ich einer Frau erkläre, dass ich einen Dammschnitt machen muss und ob sie einverstanden ist oder ob ich einfach schneide.

Was ist für Sie Gewalt unter der Geburt?

Jede Intervention, die nicht begründet ist. Wenn ich eine Geburt einleite, Hormone oder Schmerzmittel verabreiche, wenn ich einen Dammschnitt mache, einen Kaiserschnitt oder den Kristellergriff (Druck auf den Oberbauch, um die Geburt zu beschleunigen, Anm. der Red.) anwende, ohne dass es nötig oder gewünscht ist, dann ist das Gewalt. Es muss auch eine echte Wahlfreiheit geben: Häufig verkauft man den Frauen den Kaiserschnitt als lebensrettende Maßnahme, weil sich die Herztöne des Babys verändert hätten. Aber diesen Veränderungen wird oft nicht ordentlich auf den Grund gegangen und so unnötig ein Kaiserschnitt durchgeführt.

Und wann besteht eine Traumatisierung?

Wenn das Ereignis die Frau Tag und Nacht verfolgt. Wenn sie unruhig ist, der Schlaf gestört ist, sich Panik mit körperlichen Symptomen und schwere Schuldgefühle einstellen. Die Enttäuschung über die Geburt kann sich auch an Dritte richten, wenn man etwa der Freundin die natürliche Geburt nicht gönnt. Manche beenden nach so einem Erlebnis die Kinderplanung, Beziehungen zerbrechen. Frauen können sich nicht auf ihre Kinder einlassen, es kommt zu Bindungsstörungen und Depressionen. Dann sollte man sich nach therapeutischer Hilfe umsehen.

Was raten Sie Frauen, die unter der Geburt Gewalt erfahren haben?

Viele fühlen sich nach der Geburt überwältigt. In das Glück über das Baby mischen sich Trauer, Enttäuschung und auch Wut. Das sollte man ernst nehmen. Es ist oft sinnvoll, an den Ort des Geschehens zurückzugehen, die Geburtsakte anzufordern und gemeinsam mit Hebamme oder Gynäkologin das Geschehene Revue passieren zu lassen. Auch Gespräche mit dem Mann als vertrautem Beteiligtem sind mitunter sehr hilfreich. Oft hilft das schon und es kommt nach ein paar Wochen zu einer Verbesserung oder Heilung. Ich würde sagen, dass 90 Prozent der Frauen einen guten Umgang mit dem Erlebten hinbekommen.

Was war Ihre schlimmste Geburt?

Das ist 20 Jahre her. Die Frau lag entspannt mit dem dritten Kind in den Wehen und wollte eine PDA (Periduralanästhesie, Anm. der Red.). Da ging die Hebamme kurz raus. Wenig später brüllte der Mann: Meiner Frau geht es schlecht. Wir bereiteten sofort den OP für den Notkaiserschnitt vor. Das Kind überlebte, doch die Frau starb. Nach allem, was ich weiß, hatte sie eine Fruchtwasserembolie.

Hat der Vorfall Ihr Vertrauen in die natürliche Geburt ins Wanken gebracht?

Zu keinem Zeitpunkt. Wie wir geboren werden, wird in unserem Gehirn gespeichert. Eine Mutter gibt dieses Wissen an ihre Kinder weiter. Deswegen ähneln sich die Geburtsverläufe von Mutter und Tochter auch häufig. Wenn Frauen gar nicht mehr versuchen, ihre Kinder vaginal zu bekommen, verlernen wir quasi zu gebären. Es wird nicht mehr im Erbgut gespeichert. Eine natürliche Geburt ist aber der beste Garant für eine erfolgreiche Bindung zur Mutter, die das Fundament für unsere spätere Beziehungs- und Liebesfähigkeit bildet. Ohne die natürliche Geburt steht letztlich unsere Menschlichkeit auf dem Spiel.

Dr. Wolf Lütje ist Chefarzt am Amalie Sieveking-Krankenhaus in Hamburg. Dort hat er die Kaiserschnittrate um ein Drittel auf 20 Prozent gesenkt. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe und hat sieben Kinder.

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BRIGITTE 08/2020

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