Warum Eltern führen müssen - 7 Botschaften von Jesper Juul

Zu viel Angst, zu wenig Selbstvertrauen: Familientherapeut Jesper Juul ermutigt Eltern, wieder mehr die Führungsrolle in der Familie zu übernehmen. Die wichtigsten Thesen aus seinem neuen Buch.

"Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie" heißt das neue Buch des dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautors Jesper Juul. Wir haben mal die wichtigsten Punkte aus dem Ratgeber für euch zusammengefasst.

Finnische Vornamen: Zeitlos schön und markant: Junge und Mädchen stehen sich gegenüber

Kinder brauchen Erwachsene, die die Führung übernehmen

Familien sind heute anders als vor 60 Jahren. Die Rollen von Vätern und Müttern haben sich verändert - und das ist in den meisten Fällen auch gut so! Doch viele Eltern gehen laut Jesper Juul zu weit, indem sie Kinder wie kleine Erwachsene behandeln. Denn das überfordere diese in ihren Kompetenzen.

"Wir sehen heute viele Familien, in denen die Eltern große Angst haben, ihren Kindern zu schaden oder sie zu verletzen, so dass die Kinder zu Leitwölfen werden. Und die Eltern streifen orientierungslos durch den Wald", schreibt Juul in seinem Buch.

Um Kinder gut auf unsere Gesellschaft und das Leben vorzubereiten, bräuchten sie aber Führung. Und essentiell dafür sei die persönliche Autorität der Eltern. Dazu gehöre ein gutes Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, aber auch, andere Menschen ernst zu nehmen und ihnen mit Empathie und Respekt zu begegnen.

Eltern heute fehlt es oft an Selbstvertrauen

Juul beobachtet bei jungen Eltern eine große Verunsicherung, besonders bei den Müttern. "Vor zwei Generationen war der Beginn der Mutterschaft für viele Frauen mit relativ viel Selbstvertrauen verbunden, da sie unter Anleitung ihrer eigenen Mütter schon viel Zeit mit jüngeren Geschwistern verbracht und sich in anderen Familien als Babysitter erprobt haben."

Das sei bei den jungen Frauen heute eher selten der Fall, weshalb sie sich unsicherer fühlten und ihren Kompetenzen nicht vertrauten.

Juul ermutigt Frauen, mehr auf ihr eigenes Gefühl zu hören, statt auf Menschen von außen oder ja, auch auf "Erziehungsexperten" (Juul selbst mag diesen Begriff überhaupt nicht). Es sei enorm wichtig für die Beziehung zum Kind, die schon genannte persönliche Autorität und ein eigenes Wertesystem zu entwickeln - auch wenn das oft ein längerer Prozess sei.

Sagt auch mal "Nein"!

Klingt selbstverständlich, aber Jesper Juul erlebt in seiner Arbeit als Familientherapeut immer wieder, dass Eltern damit große Probleme haben. So wie die Mutter, die abends Zeit für sich haben möchte, diese aber nicht bekommt, weil ihre Vierjährige nicht ins Bett gehen will. Statt ihren eigenen Wunsch durchzusetzen, gibt die Mutter dem Kind nach - und sitzt am Ende unzufrieden mit einem nörgeligen Kind auf dem Sofa.

"Kinder haben keine Vorstellung davon, dass ihre Eltern ganz bestimmte persönliche Grenzen haben, die sich von ihren eigenen unterscheiden", sagt Juul. Das zu lernen, sei aber wichtig für die Entwicklung.

Juul beobachtet immer wieder, dass besonders Frauen Angst davor hätten, als egozentrisch zu gelten - nur weil sie mal eigene Wünsche äußern. Schuld daran sei auch das historische Bild von der aufopfernden Mutter.

Diese Sorge sei aber völlig unbegründet. "Ich bin davon überzeugt, dass 90 Prozent aller Frauen sich selbst im Spiegel anschauen und feststellen können, dass sie nicht egozentrisch sind."

Führen bedeutet nicht Dauerbelehrung und Rund-um-die-Uhr-Programm

Jesper Juul kritisiert, dass Eltern sich heute oft wie Lehrer aufführten und zu sehr damit beschäftigt seien, ihre Kinder zu belehren, zu fördern und zu unterhalten. Dabei würden sie die Persönlichkeit des Kindes oft aus dem Blick verlieren.

Sein Tipp: Verbringt regelmäßig Zeit mit dem Kind, ohne etwas Besonderes zu machen. Sitzt zusammen, und schaut, was passiert. Und wenn sich das Kind langweile, sei das sogar ein Erfolg.

"Langeweile hält kaum länger an als 20 Minuten. Das ist die Zeit, die ein Mensch braucht, um sich von den äußeren Anregungen zu lösen, sich mit sich selbst und seiner eigenen Kreativität zu verbinden." Dabei würden oft tolle Ideen entstehen.

Interessiert euch für eure Kinder!

Die Kinder zu führen soll nicht bedeuten, dass wir sie verbiegen. "Viele Eltern sind nicht daran interessiert, wie ihre Kinder wirklich denken und fühlen. Sie interessieren sich mehr dafür, wie Kinder zu denken und zu fühlen haben."

Doch wenn wir ständig versuchten, Kinder zu unseren Werkzeugen zu machen - nicht zuletzt auch, um unser Image aufzubessern - seien Stress und Rebellion vorprogrammiert.

Führung bedeutet hier also, eine gesunde Beziehung zum Kind aufzubauen. Mit ihm zu sprechen, ihm zuzuhören, es auch mal die Initiative beim Spiel übernehmen zu lassen - und so sein Selbstwertgefühl zu stärken.

Denn laut Jesper Juul wappnen Eltern ihre Kinder nur dann gut für die Zukunft, wenn diese ein gesundes Gefühl zu ihrem Selbst entwickeln und sich als wertvoll erleben. "Sie sollten das Gefühl haben, dass sie okay sind. Dass sie es wert sind, geliebt zu werden genauso, wie sie sind."

Warum wir uns mit unserer eigenen Biografie auseinandersetzen sollten

Selbstvertrauen ist der Schlüssel. Aber was, wenn es uns selbst als Eltern fehlt, weil es uns in unserer Kindheit nicht gegeben wurde? Die Art, wie wir unsere Kinder führen und erziehen, hat viel damit zu tun, wie wir selbst aufgewachsen sind.

Von der Frau, die nur Harmonie akzeptieren kann, weil ihre Eltern so viel stritten, bis zum Mann, der nicht weiß, was er mit Kindern anfangen soll, weil der eigene Vater nie mit ihm sprach oder spielte. Juul empfiehlt Eltern, ihre Verhaltensmuster zu hinterfragen und zu schauen, ob sie diese unbewusst auch auf die eigenen Kinder übertragen.

"Wenn wir unsere eigene Familie gründen, werden wir damit konfrontiert, dass die Überlebensstrategie, die in unserer Ursprungsfamilie gut funktioniert hat, in unserer neuen Familie nicht mehr so wirksam ist." Die Herausforderung nun sei es, eine neue Lebensstrategie zu finden, eine Strategie, die im besten Fall uns und unsere Kinder glücklich macht.

Zeigt eure Liebe!

Führen heißt natürlich nicht, dass ständig im Kasernenton Befehle abgefeuert werden sollen. Ein liebevoller Umgang ist für Jesper Juul das A&O für gesunde Familien. Und diese Liebe solle man versuchen, den Kindern immer zu zeigen, bei jeder Begrüßung - auch wenn man gerade noch so gestresst und genervt vom Alltag sei.

Mehr lest ihr Jesper Juuls Buch "Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie", Beltz-Verlag, 16,95 Euro.

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