Nils Pickert: Jungs verdienen eine Rosa-Option!

Mädchen dürfen heute (fast) alles, Jungen wird ihre fürsorgliche und verletzliche Seite oft abtrainiert. Dabei sind "Prinzessinnenjungs" für unsere Gesellschaft immens wichtig, findet der Autor Nils Pickert.

Mädchen in Hosen, die Fußball spielen, sind Alltag. Ein Junge hingegen, der gern Röcke trägt und rosa mag, wird ausgelacht oder beschimpft. Warum klemmen Jungen so viel stärker als Mädchen in tradierten Geschlechterrollen fest?

NILS PICKERT: Weil die Männer die Emanzipation ziemlich verpasst haben. Auf der Männerseite gibt es kein Pendant zur Frauenbewegung, und damit auch keine Neudeutung von Männlichkeit.

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Na ja, Männer tragen heute Dutt, schminken sich, nehmen Elternzeit…

Väter, die mehr als zwei "Papa-Monate" nehmen, sind selten. Und auf Männer-Make-up steht meist extra drauf, dass der, der es nutzt, trotzdem "strong" und "selbstbewusst" ist. Männlichkeit wird so in Abgrenzung und durch Abwertung des Weiblichen konstruiert. Und die Jungen sitzen in der Falle. Zeigen sie sich weich und fürsorglich, wird ihnen ihre Männlichkeit abgesprochen. Töten sie diese Aspekte in sich ab, fehlen ihnen aber zentrale Kompetenzen, die sie brauchen, um sich im Leben und in der Gesellschaft zurechtzufinden.

Können Sie das genauer erklären?

Der Überstundeneinzelkämpfer ist allmählich Geschichte; gefordert sind Kommunikation, Konsens- und Kooperationsfähigkeit. Anders als Mädchen trainieren Jungen diese Eigenschaften aber kaum, sie werden ihnen mitunter sogar abtrainiert. Ein Kindergarten-Junge darf seine Puppe noch umarmen. Doch spätestens beim Eintritt in die Pubertät erleben unsere Söhne, dass sie eine "Pussy" sind, wenn sie zum Beispiel einen Freund trösten oder selbst getröstet werden wollen.

Ist das nicht ein bisschen schwarz-weiß gezeichnet? Es gibt doch durchaus Männer, die Gefühle zeigen, oder die sich – wie Sie selbst ja auch – ganz selbstverständlich um ihre Kinder kümmern.

Klar. Aber sie sind so selten, dass sie entweder als Superväter gefeiert oder als Idioten ausgelacht werden. Wenn wir Gleichberechtigung wirklich leben statt nur behaupten wollen, müssen wir Männer uns viel mehr bewegen. Also nicht nur "im Haushalt helfen" oder mal "die Kinder abnehmen", sondern selbstverständlich seinen Teil beitragen. Das heißt: nicht nur mit Freunden in der Kneipe über Vaterschaft quatschen, sondern nachts die Kinderkotze aufwischen und auf nervigen Elternabenden rumsitzen. So ein Umdenken wäre viel leichter zu erreichen, wenn schon Jungen lernen würden, dass Kümmern und Pflegen gute und wichtige Qualitäten sind. Und auch sonst verhindert unser verengtes Männlichkeitsbild viel Gutes.

Was zum Beispiel?

Etwa dass der "Gender Die Gap" schrumpft. Männer sterben in Deutschland im Schnitt sieben Jahre früher als Frauen. Im geschlechtergerechteren Schweden sind es hingegen weniger als vier. Vorsorgeuntersuchungen widersprechen dem deutschen Männlichkeitsideal. Außerdem gilt es bei uns als ultramännlich, seine eigenen Grenzen zu überschreiten, etwa bei der Arbeit. Aber irgendwann ist Mann kaputt. Die Kette, an die Jungen und Männer gelegt werden, hat also direkte Folgen für unsere Volkswirtschaft. Dazu kommt: Jobs in der Pflege oder Kleinkind-Betreuung sind mit dem momentanen Männlichkeitskonstrukt schwer vereinbar. Männer gehören aber auch in diese Jobs.

Wer eine andere Gesellschaft will, muss den weicheren Jungs also den Rücken stärken?

Ganz genau. Das hat nichts mit angeblicher "Verweiblichung" zu tun. Wenn Jungen Fußball spielen, ist das super. Tanzen sie Ballett, muss das aber auch super sein dürfen. Sie verdienen eine Rosa-Option. Das ist etwas anderes, als sie dazu zu verpflichten. Jeder sollte er selbst sein dürfen.

Sie haben selbst erlebt, dass das nicht immer einfach ist. Einer Ihrer Söhne trug mit fünf Jahren Röcke. Er wurde angestarrt, ausgegrenzt, beschimpft. Verstehen Sie Eltern, die ihre Söhne davor schützen möchten und ihnen zum Beispiel das Tragen von Röcken in der Öffentlichkeit verbieten?

Selbstverständlich wollen Eltern ihre Kinder beschützen. Doch mit einem Verbot hätte ich meinem Sohn vermittelt: Du bist das Problem. Aber ein Junge im Rock ist niemals ein Problem. Es ist vielmehr die Gesellschaft, wir alle, die ihm Probleme deswegen machen.

Anstatt zu verbieten, zogen Sie deshalb selbst einen Rock an und brachten ihn so zur Kita.

Er hat mich darum gebeten und ich habe es gemacht. Mir ist klar, dass das nicht für jeden eine Option ist. Als freier Autor muss ich mich nicht bei Vorgesetzten für meine Kleidung rechtfertigen. Was aber alle Eltern tun können, ist, ihren Kindern zu vermitteln, dass sie so, wie sie sind, völlig in Ordnung sind und geliebt werden. Nicht trotzdem, sondern gerade weil sie so sind, wie sie sind.

Der Junge ist aber noch nicht vor Gewalt geschützt.

Stimmt, Schutz konnte ich nur bedingt bieten. Einen vollständigen Schutz vor Gewalt gibt es nicht. Ich habe meinen Sohn getröstet und ihm erklärt, wieso manche sich an Stereotype klammern. Wurde er beschimpft, griff ich ein.

Es gibt sicher Leute, die sagen: Da macht der Pickert doch aus einer Mücke einen Elefanten. Solche Prinzessinnenjungs gibt es ja kaum…

In jedem Jungen steckt etwas, das als "weiblich" bezeichnet wird. Und selbst wenn er "nur" eine Ausnahme wäre: Wäre es dann nicht unsere Aufgabe, ihn zu unterstützen? Wir sollten unsere Stereotype nicht auf unsere Kinder stülpen, sondern besser unser Männerbild ändern: Haut ein Junge, ist das männlich. Streichelt ein Junge, ist das männlich. Denn beides tut: ein Junge. Ganz simpel.

Nils Pickert, 40, hat vier Kinder zwischen drei und 14 und lebt in Münster. 2012 zog er sich aus Solidarität mit seinem damals fünfjährigen Sohn einen Rock an und sorgte damit für viel Aufsehen. In seinem Buch "Prinzessinnenjungs" (Beltz, 18,95 Euro) schreibt er gegen Geschlech­-ter­klischees in der Erziehung an.

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BRIGITTE 07/2020

Wer hier schreibt:

Madlen Ottenschläger
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