24-Stunden-Kita: "Wir reißen Kinder nicht nachts aus den Betten"

Entlastung für die Eltern oder Zumutung für die Kinder? Der Plan der Bundesregierung, 24-Stunden-Kitas zu fördern, wird heiß diskutiert. Wir haben mit einer Kita-Leiterin und einer Kleinkindpädagogin über die Knackpunkte gesprochen.

24-Stunden-Kita. Es ist ein bedrohliches Wort. Klingt nach traurigen Kinderaugen und Abschiebestelle. Entsprechend emotional reagieren viele Menschen auf die Pläne der Bundesregierung, den Ausbau von Kitas mit bis zu 24-stündigen Öffnungszeiten zu fördern.

"Kindertagesbetreuung ist ein teilstationäres Angebot und soll es auch bleiben", ließ die sächsische CDU-Regierung sofort verkünden. "Aus pädagogischen Gründen" würde eine Förderung solcher Kitas abgelehnt, so ein Sprecher gegenüber der "Freien Presse".

Kritik kommt auch von der "Zeit": "Kleine Kinder sind nicht flexibel" schreibt Parvin Sadigh in einem Kommentar. Sie fordert, dass man nicht die Kinder an den Arbeitsmarkt anpassen solle, sondern dass sich die Arbeitgeber bewegen müssten. Das Land brauche endlich familienfreundliche Arbeitszeiten.

Hier wird wohl jeder zustimmen. Aber löst es die aktuellen Probleme der alleinerziehenden Krankenschwester?

Baby

Der Bedarf an Plätzen ist groß

Anke Preuß kann die Aufregung nicht verstehen. Sie ist Geschäftsführerin des Trägers "Kita gGmbH", der in Schwerin zwei 24-Stunden-Kitas betreut. Wobei Preuß den Begriff "24-Stunden-Kita" selbst ungünstig findet. "Er suggeriert, dass hier Kinder rund um die Uhr betreut werden. Das ist ja gar nicht so. Wir bieten einfach nur eine Betreuung zu anderen Zeiten", erklärt sie gegenüber BRIGITTE MOM.

2009 startete ihr Träger mit der Kita Nidulus die erste Kindertagesstätte in Schwerin, die 24 Stunden am Tag geöffnet ist, an 365 Tagen im Jahr. Das Interesse war sofort groß. Rund 70 Kinder werden dort aktuell betreut.

"Wenn man sich mal überlegt, für welche Branchen das nicht nur interessant ist, sondern sogar zwingend notwendig, dann kommen sehr viele zusammen: Nahverkehr, Polizei, Feuerwehr, Medizin oder Pflege - in all diesen Bereichen müssen Leute nachts arbeiten", so Preuß.

Inzwischen hat "Kita gGmbH" eine zweite 24-Stunden-Kita in Schwerin aufgemacht, weil die Nachfrage so groß ist.

"Es funktioniert nur, wenn alle das auch wollen"

Dass die Regierung solche Konzepte fördern will, findet Anke Preuß gut. "Es ist richtig, dass man hier ein Signal setzt und nach dem Ausbau der Betreuungsplätze schaut, was die Eltern eigentlich brauchen."

Die Fördergelder könnten die Kitas brauchen, denn die große Kunst sei es bei solchen Umstellungen, dass sich die Konzepte auch finanziell tragen.

Auch bei der Kita Nidulus hat das gedauert. Inzwischen stünden sie aber gut da. Es gibt Zuschüsse von Land und Kommunen und von den Unternehmen, die Eltern im Schichtdienst beschäftigen. Auch die Eltern selbst zahlen etwas mehr, rund 150 Euro im Monat zusätzlich zu den normalen Gebühren.

"Eltern allein können die Zusatzkosten nicht tragen", sagt Preuß. "Es funktioniert nur, wenn das alle Beteiligten wollen."

Leidet die Qualität in der 24-Stunden-Kita?

Diplom-Pädagogin Susanne Mierau hat Forschungsprojekte zur Kleinkindbetreuung durchgeführt und arbeitet heute als selbständige Familienbegleiterin und Geburtsvorbereiterin. Über Familienthemen bloggt sie auch auf geborgen-wachsen.de.

Dass der Bedarf an flexibler Betreuung da ist, sieht auch die Kleinkindpädagogin Susanne Mierau. "Das gilt vor allem für Familien, in denen im Schichtdienst gearbeitet wird. Das lässt sich nicht wegdiskutieren", so die Berlinerin gegenüber BRIGITTE MOM. Dennoch zweifle sie daran, ob die Einrichtung von 24-Stunden-Kitas die richtige Lösung sei.

"Die Qualität der Kindertagesbetreuung ist sehr wichtig für die kindliche Entwicklung", meint Mierau. Leider aber sei die Qualität in vielen Kitas nach dem Ausbau der Betreuungsplätze immer noch nicht optimal. Da müsse noch nachgebessert werden. "Darum ist es fraglich, ob nun ein weiterer Ausbau der Betreuungszeiten sinnvoll ist, wenn noch andere Baustellen vorhanden sind."

Sobald Kinder über Nacht in der Kita bleiben, entstünden zudem neue Herausforderungen, so Mierau. Das Bedürfnis nach Schutz, Bindung und Vertrautheit sei gerade nachts besonders groß. Dazu kämen nächtliche Ängste, mit denen vor allem Vorschulkinder oft zu kämpfen haben.

"Kitas mit Übernachtungsmöglichkeiten sollten daher den Kindern Personal anbieten, das möglich konstant ist, das die Kinder kennen und auch in einem kleinen Erzieher-Kind-Schlüssel verfügbar ist, so dass wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden kann." Das Personal müsse auch entsprechend geschult werden, so Susanne Mierau.

Im Mittelpunkt steht das Kindeswohl - nicht die Eltern

Tatsächlich legen die 24-Stunden-Kitas in Schwerin genau auf diese Punkte besonderen Wert. "Es gibt in der Kita Nidulus nur wenige Bezugserzieher und alle Erzieher arbeiten 40 Stunden, damit es möglichst kaum Wechsel gibt", so Anke Preuß. "Und nein, wir reißen die Kinder nicht nachts aus dem Bett, und sie werden auch nicht spät abends gebracht."

Stattdessen gebe es feste Hol- und Bring- und Ruhezeiten. Eltern müssen früh Bescheid sagen, wann das Kind nachts oder am Wochenende betreut werden muss. Sie müssten das auch belegen mit einem Arbeitszeitnachweis. Ins Kino gehen, während das Kind in der Kita schläft, ist also nicht drin.

"Bei allem, was wir tun, steht das Kindeswohl im Mittelpunkt - und nicht die Unternehmen und auch nicht die Eltern. Die kommen erst danach", so die Geschäftsführerin.

Sie hält darum auch nicht viel von Kitas, die ganz flexible Öffnungszeiten haben, in denen Eltern die Kinder bringen können, wann sie wollen. "Kinder brauchen feste Strukturen und Rituale, ein Gefühl von Geborgenheit und Angekommensein."

Und das würden sie in ihren Kitas finden. Es gäbe nicht mehr Tränen als in anderen Krippen. "Den Kindern fällt das Ganze leichter als den Eltern."

Entspannte Eltern, zufriedene Kinder?

Preuß sieht auch eher Vorteile darin, dass die Kinder der Schichtarbeiter einen regelmäßigen Schlafplatz in der Kita haben. "Das Kind kennt den Ort, ist vertraut mit den Personen und weiß genau, wie es dort abläuft. Und ist nicht heute bei Oma und morgen bei der Nachbarin. Es nimmt den Eltern Angst und Stress, gerade Alleinerziehenden, die sich ständig Gedanken machen müssen, wo sie ihr Kind lassen."

Dass es ein gutes Modell ist, beweist für Anke Preuß die Tatsache, dass sich ganz viele ihrer Eltern für ein zweites Kind entschieden. "Das würden sie nicht tun, wenn sie mit der Lebensorganisation nicht klarkommen würden."

Ob jede Kita das so gut hinkriegen würde, wie die Schweriner Einrichtungen, ist für die Pädagogin Susanne Mierau die entscheidende Frage. Sie schlägt darum vor, auch über andere sinnvolle Alternativen nachzudenken, zum Beispiel über Fachkräfte, die Kinder im ihrem gewohnten Umfeld zuhause versorgen können. Denn: Schon jetzt hätten viele Kitas Probleme, eine durchweg hohe Qualität zu leisten, auch ohne Nachtbetreuung.

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