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Stress-Bewältigung Warum unsere Kinder nicht stressresistent sein müssen

Warum unsere Kinder nicht stressresistent sein müssen: Trauriges Mädchen
© polya_olya / Shutterstock
Homeschooling, wenig Bewegung, kaum soziale Kontakte: Unsere Kinder leiden auf ihre eigene Weise unter der Pandemie. Wie wir sie unterstützen können und warum das ständige Pochen auf Stressresistenz nicht der richtige Weg sein muss, erklärt eine Psychotherapeutin. 

Die Pandemie strapaziert unsere Nerven, wo sie nur kann: Kaum soziale Kontakte, Arbeit und Schule von zuhause managen, die Angst vor der Krankheit – was uns Erwachsene belastet, trifft auch unsere Kinder. Und das mit teilweise gefährlichen Spätfolgen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Katie Hurley ist Psychotherapeutin und Autorin, arbeitet vor allem mit Kindern und Jugendlichen und erklärt für "Psychology Today", warum unsere Kinder alles sein dürfen – aber nicht unbedingt stressresistent. 

Stressresistenz macht zwar standhaft, schützt aber nicht

Gegen hohen Druck resistent zu sein, standhaft zu bleiben, auch in schwierigen Situationen – das klingt erst einmal nicht schlecht. "Augen zu und durch" war eine Standard-Phrase in den Generationen vor uns, dicht gefolgt von "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" oder "Jetzt reiß' dich mal zusammen". Sie alle implizieren einen starken Charakter, Willensstärke, komme, was wolle. Hurley betont, dass Stressresistenz bedeutet, sich von schwierigen Situationen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, dass man sich gut an die Gegebenheiten anpassen kann. Laut der Psychotherapeutin würde es zwar nicht helfen, uns vor Stress oder Druck zu schützen, aber: "es hilft Menschen, Widrigkeiten standzuhalten." 

"Ein langfristiges Ziel"

Das passiert aber nicht von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, ein starkes soziales Netzwerk, Selbstbewusstsein und -liebe. Hurley vergleicht diesen Prozess mit einem Muskelaufbau: Man arbeite in kleinen Schritten, lerne, wachse und übe neue Strategien, schreibt sie: "Es ist ein sehr langfristiges Ziel." Das bedeutet für uns aber auch: Unsere Kinder können nicht von jetzt auf gleich stressresistent sein. Und: Im Moment ist nicht die beste Zeit, sich diese Fähigkeit anzueignen. Denn soziale Kontakte fehlen, "self care" zu praktizieren ist oft einfacher gesagt, als getan, wenn uns hunderte Gedanken im Kopf herumschwirren. Was können wir also tun, um unseren Kindern besser durch diese Zeiten zu helfen? 

Triff sie dort, wo sie gerade stehen und empfinde nach, was sie fühlen.

Laut Hurley können Eltern ihren Kindern dabei helfen, Toleranz gegenüber Bedrängnis und Stress zu schaffen und Bewältigungs-Fähigkeiten auszubauen. Und das, indem wir unsere Kinder dort treffen, wo sie gerade stehen. Und versuchen, uns in das einzufühlen, was gerade in ihnen vorgeht.

"Es ist okay, sich nicht okay zu fühlen." 

Wenn unsere Kinder also nicht stressresistent sein müssen – oder können – wie sollen sie dann mit Homeschooling, Alleinsein oder Langeweile umgehen? Wenn wir bemerken, dass unser Kind ein Problem hat, ist unser erster Reflex oft, es so schnell wie möglich zu lösen. Wir möchten sie schützen, vor schlechten Erfahrungen, negativen Gedanken oder Unwohlsein. Unser Beschützerinstinkt ist natürlich und auch gut so. Und trotzdem müssen wir, gerade in diesen schweren Monaten, lernen, unseren Schützlingen auf eine andere Weise zu helfen. Hurley schreibt, dass es wichtig sei, dass Kinder und Teenager alle Gefühle empfinden und ausleben dürfen – auch die vermeintlich schlechten: "Es ist eine bessere Taktik, unsere Kinder darin zu bestärken, an ihren Gefühlen und ihrem Leiden zu arbeiten, indem sie sie als solche benennen." 

Empathie und Verständnis zeigen

Negative Gedanken finden in unseren Köpfen schnell Platz – um positiv zu denken, brauche es Übung, so Hurley. Und auch unsere Kinder bräuchten erst Anstoß und eine Art Baugerüst, um auch in schwierigen Situationen tendenziell eher optimistisch zu bleiben, erklärt sie. Dafür reicht ein "Denk positiv" bei weitem nicht aus. Stattdessen können wir unseren Kindern zeigen, dass wir sie verstehen und ihre Probleme ernst nehmen – und sie so dazu ermutigen, Stress selbst zu bewältigen. 

Rückkehr zu den "Basics"

Hurley betont auch, dass die Tage, die wir im Moment als "Alltag" empfinden, wenig mit dem Leben vor der Pandemie zu tun hätten: "Es ist schwer, sich auf Selbstfürsorge zu konzentrieren, wenn man den ganzen Tag auf dem Stuhl sitzen und an Unterrichtsstunden per Video teilnehmen soll." Es helfe, so die Psychotherapeutin, zusammen mit den Kindern eine Einschlaf-Routine zu finden, die sie beruhigt. Oder mit ihnen zu kochen, kleine Workouts zu integrieren, um Bewegung zu schaffen. Es gäbe zwar keinen keinen einfachen Plan, um durch diese harten Zeiten zu kommen, so Hurley. Aber: Wenn wir uns mit unseren Kindern und Teenagern zusammen gegen Stress und Probleme stellen, haben wir alle etwas davon. 

Verwendete Medien: psychologytoday.com


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