Überfürsorgliche Mütter: Warum wir den Vätern eine Chance geben sollten

Überfürsorglich sind viele Mütter, denn sie halten die Männer für weniger fähig in puncto Erziehung. Falsch, sagt Prof. Dr. Margrit Stamm.

BRIGITTE: Sie behaupten, dass die "neuen" Väter gern mehr familiäre Verantwortung übernehmen würden. Wer hindert sie?

Prof. Dr. Margrit Stamm: Die Mütter. Viele Frauen sind überzeugt, dass nur ihr Handeln und Denken richtig sind und ihr Partner weniger fähig ist.


Also sind es mal wieder die Mütter, die an allem schuld sind?

Das kann man so nicht sagen. Aber die Gesellschaft hat die Schuld immer eher auf die Männer geschoben, sie lange als faules Geschlecht abgestempelt.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch von "weiblicher Bestimmungshoheit." 

Ich muss betonen, dass all dies auf etwa ein Drittel der Mütter zutrifft. Aber ja, diese Mütter bestimmen, was die richtige Ernährung für das Kind ist, wie der Haushalt gemacht und welche Rituale es geben soll - also wie das Kind aufwachsen soll.

Woher kommt dieser Wunsch zu bestimmen? Frauen sind heute schließlich viel häufiger selbst berufstätig als früher und nicht mehr "nur" Hausfrau.


Das lässt sich unter anderem mit dem gesellschaftlichen Vorurteil der von Natur aus fürsorglicheren Mutter erklären. Viele Frauen sehen im intensiven Muttersein ihre wichtigste Basiskompetenz, an der sie selbst dann noch gemessen werden, wenn sie berufstätig sind. Häufig sind sogar die Frauen, die im Beruf typische Bestimmerrollen übernehmen, diejenigen, die privat besonders auf traditionell weibliche Werte ausgerichtet sind und sich in vielen Fragen rund um die Kindererziehung als alleinige Sachverständige und überhaupt als die zentrale Person in der Familie verstehen.

Und der Partner?


Dessen Engagement kann diese mütterliche Identität bedrohen. Deshalb kontrollieren die Frauen auch so häufig, was der Partner darf und was nicht. Bemerkenswert sind die Folgen: Auf überhöhte mütterliche Anforderungen reagieren viele Männer mit Rückzug - und vielleicht sogar mit intensiverer Berufstätigkeit.

Wer sind denn eigentlich diese sogenannten neuen Mütter und Väter?


Eigentlich all diejenigen, die sich von der Rollenverteilung der eigenen Eltern abgrenzen. Als "neuer" Vater gilt ein Mann schon, wenn er Teilzeit arbeitet. Es ist aber kein Qualitätsmerkmal!

Sondern?

Ein guter Vater darf nicht über seine Präsenz gemessen werden. Auch voll berufstätige Männer können gute Väter sein, wenn sie sich, wenn sie zu Hause sind, stark um ihren Nachwuchs kümmern.

Also Qualität vor Quantität?

Absolut! Ein guter Vater beweist sich zudem auf lange Sicht. Ob er die Kinder begleitet und ihnen ein angemessenes Vorbild ist. Es kommt drauf an, ob ein Vater langfristig die Puste hat, und ob die Mutter ihn lässt.

Wieso sind Väter so wichtig?

Sie sind in der Regel das erkundende, explorierende Element. Die Mutter dagegen eher das zugewandte und emotionale. Wenn der Vater zur Kopie der Mutter wird, kann das für ein Kind ein Verlust sein. Die Polarität ist für ein gesundes Aufwachsen enorm wichtig.

Und was ist mit Alleinerziehenden?

Die sollten sich Bezugspersonen im Umfeld suchen, die dem Kind das jeweils andere Element ermöglichen.


Dies ist Ihr erstes Buch zum Thema Väter - wie kam es dazu?

Durch unsere Studien. Wir haben erkannt, dass Väter viel mehr machen, als die Mütter wahrnehmen. Außerdem war ich früher selbst eine Frau, die ihrem Partner vorgeworfen hat, er sei zu wenig zu Hause und zu wenig engagiert. Ich habe erst später erkannt, dass unser weiblicher Blick zu eng ist.

Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm ist Direktorin des Swiss Institute for Educational Issues in Bern, ihr aktuelles Buch ist bei Piper erschienen (304 S., 24 Euro).

Dieser Satz verletzt dein Kind
Brigitte 22/2018

Wer hier schreibt:

Svenja Hillmann
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Überfürsorgliche Mütter: Warum wir den Väter eine Chance geben sollten: Vater spielt mit Kind
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Überfürsorglich sind viele Mütter, denn sie halten die Männer für weniger fähig in puncto Erziehung. Falsch, sagt Prof. Dr. Margrit Stamm.

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