Umgang mit Teenagern: "Tränen muss man aushalten können"

Auch wenn Teenager ganz schön nerven können: Eltern sollten es sich nicht zu leicht mit ihnen machen, rät Psychologin Elisabeth Raffauf im Interview.

BRIGITTE: Früher sorgten sich Eltern um Drogen, falsche Freunde, schlechte Noten. Heute scheint ihr größtes Problem zu sein, dass sie sich von ihren Teenager-Kindern nicht respektiert fühlen, schreiben Sie in Ihrem Buch.
 

Elisabeth Raffauf: Eltern sind oft ratlos, wie sie Kinder erziehen sollen. Weil alte Muster nicht mehr funktionieren - Gewalt gegen Kinder ist ja aus gutem Grund seit dem Jahr 2000 gesetzlich verboten -, aber auch aus Überforderung. Weil das Leben mit Job und Familie anstrengend ist und Nachgiebigkeit bequem. Aber Nachgiebigkeit zieht höhere Forderungen nach sich.

Warum widerstrebt es Eltern, die Leitwolfrolle einzunehmen?
Sie verhalten sich oft übertrieben ängstlich, aus Angst, die Kinder zu verlieren. Sie überlegen schon vorher, wie ein Kind reagieren könnte und richten danach ihr Handeln aus. Statt bei sich zu bleiben, zu einer Haltung zu finden und das klar zu sagen. Etwa: Du bekommst mit elf noch kein Smartphone; nicht, weil ich dich ärgern will, sondern weil ich für dich verantwortlich bin und weiß, was für dich richtig ist.

Das gibt aber Tränen und Tobsucht.
Verständlich. Das muss man aushalten können. Und das Selbstbewusstsein haben: Ich bin auch eine gute Mutter, wenn ich meinem Kind etwas abschlage. Haben sich die Gemüter wieder etwas beruhigt, kann ich ja meine Gründe erklären und trösten. Aber es ist wichtig, sich nicht hineinziehen zu lassen in diese Spirale aus Beschimpfungen und Respektlosigkeit. Jugendliche wollen schauen, was geht, und Eltern müssen noch sagen: Da geht’s lang.

Nicht nur beim Smartphone gibt es kein klares Richtig oder Falsch. Oft fragt man sich: Wer spinnt – mein Kind oder ich?
Deshalb ist Rückendeckung und Austausch so wichtig. Manchmal entlastet es schon, wenn man sieht: Andere Familien führen dieselben Diskussionen.

Suchen Eltern, die ängstlich darauf bedacht sind, alles richtig zu machen, über ihre Performance als Mutter oder Vater nicht auch Bestätigung?

Manche Eltern haben - auch wenn es ihnen oft nicht bewusst ist - die Haltung: Kinder sind Projekte, die müssen funktionieren. Das Wort "funktionieren" fällt häufig in der Beratung. Ich antworte dann immer: Nein, müssen die nicht. Die müssen ihren Weg suchen. Kinder sind nicht auf der Welt, um uns glücklich zu machen.

Noch mal zurück zum Alltag: Pubertierende Kinder ziehen sich häufig zurück, werden einsilbig, erzählen nichts mehr. Was kann man da machen?
Neulich beklagte sich eine Mutter: "Egal, was ich frage, mein Sohn antwortet: ,ja‘, ,nein‘, ,wie immer‘." Ich hakte nach: "Wie würden Sie denn reagieren, wenn er etwas anderes sagen würde?" Sie stach mit dem Zeigefinger in die Luft und sagte: "Dann würde ich ein bisschen nachbohren." Wir haben sehr darüber gelacht. Aber klar, deshalb sagt der auch nichts! Die sichersten Methoden, jemanden zum Schweigen zu bringen, sind Verhöre, Vorwürfe und Vorträge. Nicht nur bei Teenagern.

Und stattdessen?
Wenn Jugendliche wissen, sie werden nicht gelöchert und nicht ausgelacht, dann kommen sie von selbst und erzählen. Nur eben nicht auf Knopfdruck. Dann ist es schön, wenn Mutter oder Vater verfügbar sind, sich aber nicht aufdrängen. Häufig gelingt Kontakt auch eher übers Tun: Zusammen etwas kochen oder Fußball spielen schafft Nähe. Auch wenn man dabei nur über das Rezept oder den besten Pass redet.

Elisabeth Raffauf ist seit
 20 Jahren in der Elternberatung tätig. Ihr Buch "Die tun nichts, die liegen da und wachsen - Was in der Pubertät hilft" erscheint bei Patmos (192 S., 18 Euro).

Videotipp: Sex und Vehütung - wie denken Teenager darüber?

Brigitte 15/2018

Wer hier schreibt:

Interview: Verena Carl
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