Stillen: Milchstreit im Kinderzimmer

Stillen ist gut fürs Baby. Genau so wichtig ist es aber, dass Mütter entspannt bleiben.

Neulich wurde ich Zeuge eines Gesprächs unter Männern: Der eine hatte drei Kinder, der andere nur eines - gerade ein paar Monate alt. Zwei Jahre habe seine Frau jedes der Kinder gestillt, erklärte der Mehrfach-Vater - nachts sowieso und auch tagsüber nach Bedarf.

"Sex nach dem Baby? Ach Jungs, wenn ihr wüsstet ..."

Und dann musste der Mann ein wenig lachen: Das sei für seine Frau schon ganz schön anstrengend gewesen. Immerhin betrage der Altersabstand jeweils nicht mehr als 2,5 Jahre. Aber, fügte er dann wieder ernst hinzu, der Erfolg gebe ihnen recht: Die brust-verwöhnten Sprösslinge seien so gut wie nie krank.

Davon hat wahrscheinlich jeder schon mal gehört: Stillen stärkt das Immunsystem. Deswegen schützt es auch vor Allergien, und darüber hinaus noch vor Übergewicht, Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen. Außerdem macht es Kinder intelligenter und bewahrt die Mutter vor Brustkrebs. All diese Vorteile des Stillens gelten als wissenschaftlich belegt.

Doch beim Thema Stillen geht es auch um Emotionen: "Jede Frau, die ein Baby erwartet und es stillen möchte, entscheidet sich nicht nur für eine bestimmte Form der Ernährung. Sie entscheidet sich zugleich für eine ganz bestimmte Form der gefühlsmäßigen Beziehung zum Kind." So liest man auf der Homepage der Stilberatungs-Organisation La Leche Liga.

Was gleichzeitig bedeutet, dass eine Frau, die nicht stillt, eine "andere" gefühlsmäßige Beziehung zu ihrem Kind hätte. Und zwar wahrscheinlich eher eine schlechtere, sonst würden die "Breast is best"-Vertreter ja nicht so vehement auftreten.

Ärgert sich über unnötige IGeL-Angebote: Brigitte-Autorin Antje Kunstmann

Tatsächlich fühlen sich viele Frauen, denen das Stillen nicht gelingt, als schlechte Mütter. Sie durchleiden Brustentzündungen und Fieberattacken, und erst wenn das Baby nur noch Blut statt Milch trinkt, steigen sie - oft gegen den Rat von Ärzten und Hebammen - auf Flaschennahrung um. Frauen, die ihr Kind schon bald nach der Geburt nicht mehr rund um die Uhr selbst betreuen und nähren können, gelten sowieso als Rabenmütter.

Sicherlich würde es allen nicht-stillenden Müttern gut tun, wenn das Hohelied der Muttermilch etwas weniger lautstark gesungen würde. Und man sich stattdessen auf nüchterne Tatsachen beschränkte. In einer Industrienation wie Deutschland hat das Stillen seinen größten Vorteil sowieso längst verloren: nämlich den einer größeren Überlebenswahrscheinlichkeit des Kindes.

Darüber hinaus sind die Studienergebnisse zum Gesundheitsnutzen des Stillens durchaus widersprüchlich. Erst letzten Herbst wurde die These widerlegt, Muttermilch schütze vor Allergien. In einer anderen Untersuchung senkte Stillen zwar das Risiko des Kindes, später übergewichtig zu sein, allerdings nur bei Jungen und nicht bei Mädchen.

Und ganz allgemein gilt, dass Muttermilch zwar Gesundheitsrisiken statistisch messbar beeinflusst, aber keineswegs vor bestimmten Krankheiten bewahren kann. Auch ein über viele Monate voll gestilltes Kind kann als Erwachsener zu viel wiegen oder herzkrank werden. Denn es gibt einfach sehr viel mehr und auch wichtigere Faktoren, die hierfür oder auch für unsere Intelligenz verantwortlich sind.

Keine Frau sollte also unter Druck gesetzt werden, ihr Kind möglichst lange zu stillen. Denn eins ist der Entwicklung des Nachwuchses mit Sicherheit förderlich: ein entspanntes Verhältnis von Mutter, Vater und Kind.

Text: Antje Kunstmann Foto: Corbis; Silke Goes Illustration: Tim Möller-Kaya

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Antje Kunstmann
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