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Queer Sex Wieso queere Aufklärung in den Schulunterricht gehört

Queer Sex: Mehrere kleine LGBTQIA+-Flaggen werden hochgehalten
© Chinnapong / Adobe Stock
Heterosexualität gehört in der Schule mit in das Sexualkunde-Grundgerüst, das viele Menschen in ihren ersten Erfahrungen anwenden können. Die queere Community hat diesen Luxus allerdings nicht – und das muss sich ändern.

Trigger-Warnung:

In diesem Artikel werden die Themen sexuelle Gewalt, Diskriminierung queerer Menschen, Selbstverletzung und Suizid angesprochen. Diese Inhalte können für manche Menschen belastend und/ oder re-traumatisierend sein.

Eine heterosexuelle cis-Person fühlt sich dem Geschlecht zugehörig, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde, und vom anderen Geschlecht angezogen. Doch es gibt viele Menschen, auf die diese Beschreibung nicht zutrifft. Diejenigen, die sich beispielsweise einem anderen Geschlecht zugehörig oder sich nicht (nur) zu dem anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Unter anderem sind das homosexuelle, bisexuelle oder trans Menschen sowie intergeschlechtliche oder asexuelle Personen.

Doch Kinder lernen in der oft prägenden Schulzeit nichts über die LGBTQIA+-Community. Viele Familien versuchen dieses Defizit bereits aufzufangen. Doch gerade unter Gleichaltrigen hätte die Akzeptanz queerer Identitäten und der eigenen Sexualität für viele Kinder oder Jugendliche sicherlich einen sehr großen Effekt. Denn queere Aufklärung ist für die Identitätsbildung und die eigene Akzeptanz der Sexualität unfassbar wichtig.

Andere Sexualitäten nicht im Unterricht zu thematisieren, zeigt Kindern vor allem eins: Dass nur die heterosexuelle Norm besprochen werden darf und sie ihre eigene Identität besser abseits der Öffentlichkeit angehen. Das kann zu Selbstzweifeln und Unwissenheit in Bezug auf die eigene Sexualität führen und sogar zu gefährlichen Situationen.

Unsere Interviewpartnerinnen Franziska Hörstgen und Nina Raap sind beide asexuell. Sie fühlen keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen und kein Verlangen nach sexuellen Aktivitäten. Die beiden Frauen haben mit uns über das Thema queere Aufklärung gesprochen und erzählen aus eigener Erfahrung, warum die Thematik für Kinder und Jugendliche so wichtig ist.

Das Gefühl, das etwas falsch ist

Bevor Nina und Franziska von ihrer Asexualität erfahren, treffen sie bei Freund:innen oft auf Unverständnis. Diese wundern sich, dass die Frauen die sexuelle Nähe zu ihren Partner:innen nicht so sehr genießen, wie sie es tun. Die oft allosexuellen Partner:innen, eine Bezeichnung für nicht asexuelle Menschen, nötigen Nina und Franziska teilweise dazu mehr zu tun, als sie eigentlich wollen.

"Bei mir war es immer so, dass ich Sex nicht brauchte. Aber ich hatte das Gefühl, mein Partner braucht es", erklärt Nina. "Ich hatte einen Partner, mit dem ich fünf Jahre in einer Beziehung war und der sexuell sehr aktiv sein wollte. Als ich mein Coming-out hatte, bekam ich leider sehr wenig Akzeptanz von ihm."

Er wirft ihr damals eine Sexualstörung vor, sagt, dass Asexualität nicht echt sei und sie deshalb zum Arzt gehen solle. "Als wäre meine Sexualität eine Krankheit", so die 21-Jährige. "Ich denke mir: Es tut mir nicht weh und ich leide nicht darunter. Dass ich nicht an sexuellen Aktivitäten interessiert bin, ist etwas an mir, dass ich nicht ändern kann."

Aufklärung in der Gesellschaft

Franziska findet mit 19 heraus, dass sie asexuell ist. Bevor sie ihre Sexualität entdeckt, geht sie aber bereits erste Beziehungen ein. "Ich war mir lange nicht darüber im Klaren, warum ich das alles gar nicht fühle und warum mein Partner das alles viel mehr will als ich", erklärt die 22-Jährige. Sie lässt sich damals von ihrem Partner zu Dingen überreden, die sie eigentlich nicht möchte. "Das ging tatsächlich bis zur Vergewaltigung", sagt sie. "Vorher hatte ich zu allem immer Ja gesagt und in diesem Moment aber: Nein. Ich habe angefangen zu weinen und er hat nicht aufgehört."

Das Problem: Sex ist diese eine Sache, die laut der gesellschaftlichen Norm alle anderen haben wollen und zur Beziehung dazugehört. Jedenfalls ist es das, was die Gesellschaft ihr vermittelt: Ohne funktioniert es nicht. Nach der Vergewaltigung geht sie in Therapie. Damit ändert sich auch ihre Sicht, die sie vorher auf Beziehungen hatte: "Er ist eben mit diesem Schritt zu weit gegangen und ich dachte: Ich kann es meiner Psyche nicht weiter antun, immer mehr auszuprobieren." Denn immer wieder stellt sie fest, dass es eben nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt hatte oder andere es ihr erzählen.

In der darauffolgenden Beziehung setzt sie die Regeln direkt fest. "Ich bin von Anfang an reingegangen mit: 'Hey, ich bin asexuell. Ich kann dir nicht versprechen, dass viel laufen wird, aber hin und wieder kann es sein, dass ich das für dich mache.'" Auch diese Beziehung scheitert letztendlich, weil ihr Partner zu viel Unverständnis zeigt, ihre fehlende sexuelle Lust falsch interpretiert und eifersüchtig wird. Dieses Mal weiß sie allerdings, dass das Problem nicht bei ihr liegt: "Ich meinte darauf: 'Wenn du damit nicht umgehen kannst, tut mir das Leid für dich. Dann ist es jetzt zu Ende.'" Ihr jetziger Partner ist da anders. Er akzeptiert ihre Asexualität und hat sich viel dazu informiert und angelesen.

Warum das Thema Sex in der Schule nicht nur hetero sein darf

Beide Frauen glauben, dass besserer Aufklärungsunterricht in der Schule vielen Menschen helfen könnte – und ihnen selbst geholfen hätte. Nicht nur das Thema Sex betreffend, sondern auch wegen der allgemeinen Frage nach der eigenen Identität. "Dann wäre es eben nicht zu Situationen gekommen, wo ich das Gefühl hatte, jemandem etwas geben zu müssen, was ich ihm nicht geben will", erklärt Nina.

"Es ist ein bisschen so, als würde man an einem Buffet stehen. Alle bedienen sich, aber man selbst ist nicht hungrig. Dann sieht man alle anderen essen und denkt, dass man das jetzt auch tun muss." Queere Aufklärung müsse deshalb so früh wie möglich thematisiert und vor allem auch normalisiert werden.

Denn gerade gemeingesellschaftlich ist die Akzeptanz Asexueller, aber auch anderer Personen der queeren Community noch immer ein Problem. "Es gibt eben nicht nur Mann und Frau auf dieser Welt, die sich lieben oder intim miteinander werden. Es gibt so viel mehr als das und wer zu diesen Gruppen gehört, muss wissen können, dass das nichts Falsches ist und dass es Leute gibt, die dich akzeptieren und so sind wie du."

Das könnte außerdem vielen Menschen helfen, sich selbst besser zu verstehen und Situationen zu vermeiden, die sie so nicht möchten. "Wenn man die Aufklärung weiter unterdrückt, wird es immer mehr", so Nina – und das könne im schlimmsten Fall auch zu psychischen Problemen, Selbstverletzung oder Suizid führen, so die 21-Jährige. Die Gesellschaft müsse deshalb endlich anfangen, Kinder und Jugendliche über verschiedene Sexualitäten aufzuklären und den Menschen der Community das Gefühl geben, dass ihre Gefühle, ihre Identität und ihre Art zu lieben, gerechtfertigt und akzeptiert sind.

Franziska kann da nur zustimmen: "Man muss über alle Identitäten aufklären. Gerade bei mir hätte das sicherlich viel geholfen." Denn sexuelle Übergriffe passieren regelmäßig in Partnerschaften und das geschlechtsunabhängig. "Faktisch wäre ich gar nicht erst so weit gegangen, wenn ich gewusst hätte, dass es normal ist, dass ich das so nicht will", erklärt die 22-Jährige. "Dass es normal ist, dass ich das so nicht empfinde. Ich glaube, dass es unfassbar wichtig ist, solche Dinge Jugendlichen beizubringen."

A_Sexualität – nicht alle Aces sind gleich

Die menschliche Sexualität ist vielfältig – und zwischen Asexualität und anderen Sexualitäten wie Hetero-, Homo-, Bi-/Pan-Sexualität liegt ein breites Spektrum. A_sexuelle Menschen können daher unterschiedlich sein. Also: Welche Formen von A_Sexualität gibt es?

  • Demisexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung nur verspüren, wenn sie bereits eine tiefe Bindung zu einer anderen Person aufgebaut haben, nennt man demisexuell.
  • Gray- oder Grau-Sexualität: Menschen, die sexuelle Anziehung sehr selten verspüren, oder nur unterschwellig oder den Begriff für die Art und Weise, wie sie fühlen als nicht hilfreich empfinden.
  • Fraysexuell: Menschen, die sich nur zu anderen Personen sexuell hingezogen fühlen, wenn keine emotionale Bindung besteht.

Weitere Infos zum Thema A_Sexualität gibt es beispielsweise auf der Internetseite www.aktivista.net oder der englischen Plattform www.asexuality.org.

Verwendete Quellen: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Aktivista, Asexuality.org, Funk 

Brigitte

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