Attraktive Menschen haben's leichter - was heißt das für die anderen?

So schön unsere inneren Werte auch sind - im Alltag beeinflusst oft unser Aussehen, wie andere uns behandeln. Menschen, die eine krasse Verwandlung durchgemacht haben, können davon ein Lied singen. Nur: Wie gehen wir damit um?  

Dicke sind faul, Dünne nicht belastbar, wer Pickel hat, ernährt sich von Fast Food, und wenn deine Haare zu wild sind, bist du ein Wirrkopf oder hast dein Leben nicht im Griff.

Wir alle wissen, dass das Vorurteile sind – nützt aber nichts: wie wir miteinander umgehen, prägen sie trotzdem.

Wie aus Vorurteilen Selbstzweifel werden können

Bestimmt könnte jeder von uns eine Reihe von Erfahrungen zu diesem Thema beitragen. Mir hat zum Beispiel in einem Vorstellungsgespräch mal jemand gesagt, ich sähe nicht so aus, als ob ich besonders belastbar wäre.

Cool, dass er mir das so offen gesagt hat. Denn immerhin hatte ich dadurch die Chance, darauf einzugehen und mich zu behaupten. Hätte er nichts gesagt und mir – möglicherweise aufgrund dieser Annahme – eine Absage geschickt, hätte ich an meiner Qualifikation gezweifelt oder mir andere Fehler und Schwächen eingeredet.

Doch da Menschen in den seltensten Fällen derart ehrlich sind, kommt es wahrscheinlich viel öfter vor, als uns klar ist, dass wir an UNS zweifeln, obwohl eigentlich nur unser AUSSEHEN irgendeine blöde Assoziation und Reaktion verursacht hat.

Ex-hässliche Entlein erzählen

Gerade Menschen, die in ihrem Leben eine krasse äußerliche Veränderung durchgemacht haben, können ein Lied davon singen, wie viel Einfluss unser Aussehen darauf hat, wie uns andere Menschen behandeln. So berichtet beispielsweise Jud Nichols gegenüber Vice, dass er mehr Komplimente bekomme, seit er abgenommen habe, und dass die Leute freundlicher zu ihm seien und mehr Interesse an ihm zeigten.

Kameron Rytlewski hat im Zuge seiner optischen Verwandlung zudem beobachtet, dass andere häufiger über seine Witze lachen. Vice sagte er: "Ich habe einen ziemlich trockenen, sarkastischen Humor. Als ich noch ungesünder aussah, haben die Leute vielleicht nicht verstanden, dass ich scherze. Heute begreifen sie das scheinbar besser." Oder sie sind einfach freundlicher und geben sich mehr Mühe, weil sie von Kameron gemocht werden wollen ...

 

Der Halo-Effekt - Vorurteile wissenschaftlich untersucht

Oder: Sie unterstellen dem Kameron, den sie hübsch finden, eher Humor als dem Kameron, den sie als unattraktiv wahrnehmen - womit wir wieder bei den Vorurteilen wären. Sozialpsychologen nennen diese Vorurteile übrigens Halo-Effekt, also "Heiligenschein"-Effekt: Von einer uns bekannten Eigenschaft eines Menschen schließen wir unwillkürlich auf andere Eigenschaften, über die wir eigentlich noch gar nichts wissen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Äußere automatisch an Bedeutung. Denn wenn wir nicht gerade anonym im Internet unterwegs sind, ist das Aussehen in der Regel die erste Eigenschaft, die wir an einem Menschen wahrnehmen, die uns sozusagen "bekannt" wird, und so strahlt das Aussehen oft wohl besonders stark auf unsere Wahrnehmung anderer Eigenschaften aus.

Haben unattraktive Menschen dann etwa die Arschkarte?

Nur: Was machen wir jetzt aus dieser Erkenntnis? Was bedeuten Halo-Effekt und Erfahrungen von uns oder Leuten wie Jud und Kameron? Wir sind nun mal nicht alle gleich "attraktiv". Müssen wir etwa akzeptieren, dass Menschen mit bestimmten äußeren Merkmalen bessere Chancen in unserer Gesellschaft haben als andere? Das wäre gerade für Frauen fatal, denn für uns galten in der jüngeren Vergangenheit ja bekanntlich Schönheitsideale, die nur eine winzig kleine Minderheit von Natur aus erfüllen kann ...

Womit wir aber auch schon einen Anhaltspunkt hätten, an dem wir anknüpfen können:

1. Wir brauchen dringend einen breiteren Begriff von Schönheit 

Und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch! Dass der Playboy eine Frau mit Kleidergröße 44 featured, darf keine Ausnahme bleiben. Denn dass unsere Sehgewohnheiten unsere Auffassung von Schönheit beziehungsweise Normalität beeinflussen, ist erwiesen (wie stark dünne Models unser Selbstbild beeinflussen, liest du hier). 

Wenn wir beim Online-Shopping, bei Instagram, in Zeitschriften, Serien und Filmen immer nur einen Typ Frau sehen, bleiben nun mal sehr viele andere Typen übrig, die auf uns fremd und tendenziell unattraktiv wirken. Wenn immer nur durchtrainierte Männer Helden verkörpern, glauben wir nicht an die Stärke des Schlaksigen. Nur wenn Medien mehr Vielfalt zulassen und zeigen, kann sich auch das gesellschaftliche Empfinden von gutem Aussehen so entwickeln, dass nicht so viele Menschen von vornherein ausgeschlossen sind.

2. Wir sollten uns bemühen, allen Menschen gleichermaßen offen zu begegnen

Dass der Halo-Effekt bekannt ist, gibt uns ja nicht die Legitimation, dünnen Menschen Zerbrechlichkeit zu unterstellen. Im Gegenteil: Wenn wir schon so gut über unser Unterbewusstsein Bescheid wissen, sind wir quasi in der Pflicht, mit unserem Bewusstsein gegenzusteuern. Dafür sind wir schließlich Menschen – so etwas können wir.

3. Wir sollten unseren Selbstwert nicht von unserem Körper abhängig machen!

Mit 15 bekommen wir Pickel, mit 30 vielleicht die ersten Falten, mit 40 graue Haare und mit 70 einen Buckel – irgendwas ist immer. Allein, wie unterschiedlich wir selbst im Laufe unseres Leben aussehen, beweist doch: Wer wir sind, zeigt nicht unser Körper.

Klar, wenn andere Menschen uns mit Ekel begegnen, weil wir Pickel haben, kann es sehr schwer sein, Selbstwert aufzubauen. Schließlich sind wir soziale Wesen und brauchen ein gewisses Maß an Anerkennung und Bestätigung. Deshalb ist es natürlich okay, wenn wir das Beste aus uns rausholen und lieber das schöne Selfie posten als das hässliche.

Trotzdem sollten wir uns klar darüber sein: Unser Körper ist ein Teil von uns. Nicht mehr und nicht weniger. Er ist keine Knete, die wir beliebig formen können. Statt zu versuchen, aus unserem Körper etwas rauszuholen, das einfach nicht drin ist, sollten wir schnellstmöglich lernen, ihn zu schätzen und gut zu behandeln.  

Nur wenn wir okay mit uns sind, können wir den Mut entwickeln, anderen ALLE unsere Seiten zu zeigen - auch die, die sie nicht auf den ersten Blick sehen. Selbst wenn attraktive Menschen vielleicht wirklich mehr Zuspruch kriegen und leichter an Jobs kommen, sollten wir uns eines bewusst machen: Diejenigen, die uns lieben, für uns da sind und um uns weinen, wenn wir gehen, tun das nicht, weil wir unser Leben lang den perfekten BMI hatten.
 

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