"Plus Size"- Warum wir langsam damit aufhören könnten

Body Positivity ist im Trend, und "Plus-Size-Models" werden gefeiert. Nur: Warum nennen wir sie nicht Models? Warum brauchen sie "Mut", um ihren Körper zu zeigen? Und seit wann sind "dick" und "dünn" eigentlich Beleidigungen?

Wenn mich mein Gefühl nicht total täuscht, sind wir auf einem wirklich guten Weg. Hier nur drei Beobachtungen der vergangenen Wochen, die dafür sprechen:

  • Molly Constable schaffte es als erste Frau mit Kleidergröße 44 in den Playboy - sie zeigte der (Männer-)Welt, wie sexy ihre Kurven sind.
  • Bei Instagram sehen wir mittlerweile weitaus mehr üppige Knackärsche und Rundungen als Thigh Gaps und Bikini Bridges.
  • Missguided zeigt als erstes Label endlich unretuchierte Fotos von Models, die auch mal Cellulite und Speckröllchen haben dürfen – und sie sind wunderschön.

Langsam spricht es sich rum: Wir dürfen uns schön finden - egal, welche Kleidergröße wir tragen

Bei immer mehr Frauen fällt der Groschen, dass wir nicht ständig Diät halten und in Kleidergröße 36 passen müssen, um uns wohlfühlen, schön finden und unseren Körper zeigen zu dürfen. Denn solange wir gesund, fit und mit uns selbst okay sind: Wen stört's, wenn wir ein paar Pfunde mehr auf den Rippen haben? Wir brauchen unsere Kraft und Energie, um unser Leben zu leben – nicht, um Kalorien zu zählen.

Kurz: Die Body-Positivity-Bewegung ist in vollem Gang, und Frauen wie Molly Constable werden zurecht gefeiert, weil sie bewirken, dass auch bei anderen der Groschen fällt und die Bewegung die Weltherrschaft übernimmt. ✌️

"Plus-Size" suggeriert Sonderstatus

Aber sehr oft, wenn wir über Frauen wie Molly Constable sprechen, zeigt sich, dass wir eben doch noch ein gutes Stück Weg vor uns haben. Denn wenn Molly Constable mit Kleidergröße 44 als "Plus-Size-Model" gilt und Instagram-Lieblinge, die ihre Cellulite nicht verstecken, als "mutig", zeigt das, dass IHNEN Body Positivity eben doch noch nicht als etwas Selbstverständliches gegönnt wird.

Warum bitte heißen die Frauen, die mit Size 0 – also Größe 32 – über die Laufstege laufen, bloß "Model", während Frauen ab Größe 38 schon "Plus-Size-Model" genannt werden? Das suggeriert ja geradezu, dass Size 0 die Norm (jedenfalls für Models) und alles ab 38 (Size 6) die Abweichung, die "Übergröße", sei.

Aber tatsächlich passt doch nur ein geringer Prozentsatz aller Frauen bei einer gesunden Lebensweise in eine 32 oder eine noch kleinere Kleidergröße. Die Mehrheit trägt nun mal 38 und größer und liegt dabei in der Regel auch in einem BMI-Bereich, den Ärzte als "normal" oder "gesund" einstufen (zwischen 18 und 28, wenn man alle Altersgruppen mit einschließt).

Ideale Fashion-Show: Mindestens ein Model für jede Größe

Wenn wir unbedingt sprachlich die einen von den anderen Models unterscheiden wollten, sollten wir eher von "Zero-Size-Models" und "Six-Plus-Size-Models" sprechen oder so ähnlich. Aber was spricht dagegen, einfach alle, die Kleider, Unterwäsche, Beauty-Produkte und Co. präsentieren, "Models" zu nennen?

Am besten sollten wir auf Fashion-Shows, in Katalogen und Zeitschriften sowieso immer Frauen mit allen möglichen Körperformen sehen. Wie wäre es mit mindestens einem Model für jede Größe? Keine Frau sollte Mut brauchen, um ihren Körper zu zeigen, egal, ob sie dick, dünn, klein, groß, kahl oder von Narben gezeichnet ist.

Lieber "dick" als "Plus Size"?

Und apropos "dick" und "dünn": Wann sind diese beiden Begriffe eigentlich zu Beleidigungen geworden? Klar, es ist nicht besonders charmant, Menschen anhand von Körperformen zu beschreiben. Statt "der Dicke da drüben" kann man ja auch so etwas sagen wie "der Mann mit der blauen Jacke".

Aber wenn die Feststellung, dass ein Mensch dünn oder dick ist, schon als Shaming verstanden wird, betreiben das eigentliche Shaming diejenigen, die von Shaming sprechen. Dick oder dünn zu sein, ist nämlich kein Grund, sich zu schämen.

Im Grunde ist "Plus Size" sogar eher eine Diskriminierung als "dick". Denn wenn wir davon ausgehen, dass es keine ideale Körperform gibt, ist "dick" lediglich eine Beschreibung, während "Plus Size" eine Wertung impliziert: Dass nämlich ein Mensch irgendwie "drüber" ist.  

Es wird Zeit, sich an Speckröllchen zu gewöhnen

Natürlich ist es nicht böse gemeint, wenn jemand ein Model als "Plus-Size-Model" bezeichnet. Das Wort ist ja sogar oft eher positiv besetzt - weil es sich im Zuge der Body-Positivity-Bewegung nun mal irgendwie ergeben hat.

Aber wenn wir es ernst meinen mit Empowering und Body Positivity, wird es langsam Zeit, dass wir uns an Models mit Kleidergröße 44 gewöhnen und es als selbstverständlich ansehen, dass sie ihren Körper auf Laufstegen, Instagram-Accounts, in Fashion-Magazinen und Katalogen präsentieren. Wenn wir es ernst meinen mit Empowering und Body Positivity, ist die Kleidergröße bald kein Thema mehr - jedenfalls keines, das Menschen aufteilt und voneinander trennt.  

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"Plus Size" - warum wir das nicht mehr sagen sollten

Body Positivity ist im Trend, und "Plus-Size-Models" werden gefeiert. Nur: Warum nennen wir sie nicht Models? Warum brauchen sie "Mut", um ihren Körper zu zeigen? Und seit wann sind "dick" und "dünn" eigentlich Beleidigungen?

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