"Vom Chef gefickt und durchgenudelt": Erika Lust über Pornos und Wirklichkeit

Weil sie die üblichen Pornos immer abgeturnt haben, hat die Schwedin Erika Lust eines Tages einfach angefangen, ihre eigenen Erotikfilme zu produzieren. Wir haben mit der Gründerin von Erika Lust Films über Sex, Pornos und #Metoo gesprochen.

F Mag: Frau Lust, wie sind Sie dazu gekommen, feministische Pornos zu machen?
Erika Lust: Als ich jünger war und gerade anfing, meine Sexualität zu entdecken, habe ich mir Pornos angeschaut – und war wahnsinnig enttäuscht. Sie waren ekelhaft, Frauen wurden entwürdigend und teilweise sogar brutal behandelt. Es hat mich verstört, ich konnte es nicht verstehen. Es war, als hätten Männer Sex AN Frauen, als hätten Frauen Sex FÜR Männer.

Die Mehrheit des pornografischen Angebots ist für weibliche Zuschauer doch einfach nur lächerlich! Denn, auch wenn es noch nicht bei allen Leuten angekommen ist: Frauen haben eine aktive Sexualität! Also fing ich - einige Jahre später - an, Erwachsenenfilme zu produzieren, die mir selbst gefallen würden und von denen ich dachte, dass auch Frauen und Männer sie mögen könnten, die etwas Frischeres, Erotisches, Sinnliches, etwas, das wirklich sexy ist, wollen. Daraus wurde Erika Lust Films.

Was genau ist denn der Unterschied zwischen Ihrem Porno und dem herkömmlichen Porno?
Meine Filme sind in absolut jeder Hinsicht völlig anders! In der Mehrheit der Mainstream-Pornos hat die männliche Befriedigung oberste Priorität. Der weibliche Körper ist untergeben und passiv gegenüber dem Mann und der männlichen Lust. Der Mann wird dabei zum aktiven, fast schon aggressiven Gegenspieler.

Dadurch werden sowohl Mann als auch Frau in eine Rolle gezwängt, die Selbstentfaltung und echtes Gefühl unmöglich machen. Das ist schade, denn Sex sollte eine ganzheitliche körperlich-emotionale Erfahrung sein, statt einer Nacherzählung von Geschlechterkonstruktionen.

Sex ist die Quelle des Lebens – warum geht man so schäbig damit um?

Im Mainstream-Porno wird das künstlerische Potential des Genre überhaupt nicht ausgeschöpft, und ich habe nie verstanden, warum. Sex ist die Quelle des Lebens – warum geht man so schäbig damit um?

Ich zeige eine gesündere, sex-positive Perspektive – in der Absicht, ein authentisches Bild menschlicher Sexualität zu vermitteln, in dem Menschen ihre Sexualität erkunden können, ohne sich zu schämen oder herabgewertet zu fühlen.

In meinen Filmen ist Sex keine langweilige Routine, und ich will auch weibliche Lust darstellen. Ich drehe in unterschiedlichen Locations, arbeite wochenlang mit meinem Art-Direktor daran, die richtige Atmosphäre für die jeweilige Story zu schaffen.

Meine Ansprüche an das neue Erwachsenen-Kino sind:

  • Die Bedürfnisse der Frau sind genauso wichtig wie die des Mannes!
  • Erwachsenen-Kino kann auch ästhetische, narrative und cineastische Kriterien erfüllen.
  • Wir brauchen vielfältigere Körperformen, Altersgruppen und Ethnien!
  • Der Produktionsprozess muss moralische und ethische Kriterien erfüllen.

Haben Pornos denn überhaupt irgendeinen Einfluss auf unseren Umgang mit Sex?

Porno ist ein Diskurs über Sexualität, ein Ausdruck sexueller Fantasie und ein Medium. Er kann uns unterschiedliche Perspektiven, Ausblicke und Vorstellungen von Sexualität vermitteln.

Wir stehen heute vor dem Problem, dass Porno – weil er frei verfügbar ist – einen Teil der sexuellen Erziehung ausmacht und vielen jungen Menschen unrealistische Körperbilder und negative Geschlechterrollen vermittelt.

Die Aussagen im Mainstream-Porno sind leider absolut frauenfeindlich. Sie erwecken den Eindruck, Frauen seien immer verfügbar für Sex, und Brutalität gegen Frauen sei normal. Die wenigsten Pornos bringen Frauen bei, wie sie ihre Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren. Stattdessen bringen sie ihnen bei, die Befriedigung des Partners über die eigene zu stellen. Außerdem werden Sex und Gefühle wie Respekt, Liebe und Zärtlichkeit im Mainstream-Porno oft wie zwei getrennte Dinge behandelt. Das führt dazu, dass wir Sex als etwas Schmutziges, Schambesetztes wahrnehmen und ihn tabuisieren.

Und all das haben wir zu lange so hingenommen! Porno kann uns befreien, wenn er richtig gemacht wird. Wenn wir mehr Vielfalt zeigen und all die unterschiedlichen Teile unserer Gesellschaft, können sich Menschen in diesen Filmen wiederfinden, inspirieren lassen und lernen, toleranter mit Sex und Sexualität umzugehen.

Und wie könnten wir von so einem offeneren und moderneren Umgang mit Sex profitieren?

Wir leben in einer Gesellschaft, die besonders vor zwei Dingen Angst hat: Sex und Genuss. Wir sprechen nicht über Sex und schon gar nicht über Pornos. Einige Sexpraktiken gelten als obszöner als andere, und das trägt nicht gerade zur sexuellen Befreiung bei – im Gegenteil: Es führt dazu, dass wir uns für unsere Lust und sexuellen Vorlieben schämen.

Sex steht immer noch in dieser dunklen Ecke, als ob es nicht existiert. Sex und die Befriedigung, die damit einhergeht, wird als etwas Schmutziges betrachtet, etwas, das nur in unser Privatleben gehört. Viele Menschen haben Angst, ihre Lust auszuleben. Wenn alle sexuell offener und toleranter wären, wäre die Welt ein viel besserer Ort.

Glauben Sie, es gibt einen Zusammenhang zwischen Mainstream-Porno und #Metoo?

Die #Metoo-Bewegung zeigt, dass es ein Ungleichgewicht der Macht in unserer Gesellschaft gibt, und zwar in jedem einzelnen Bereich. Machtmissbrauch ist kein Männer-Problem, sondern ein Menschen-Problem.

Allerdings leben wir in einer Gesellschaft, in der es – genau wie in vielen Pornos – okay ist, wenn Männer brutal und respektlos mit Frauen umgehen.

Pornografie ist wie ein Spiegel unserer Gesellschaft. Man braucht nur mal eine Pornoseite zu öffnen, um sofort Parallelen zu sehen: Sekretärinnen, die von ihrem Chef gefickt werden, zierliche junge Mädchen werden durchgenudelt, Stiefschwestern zum Sex erpresst.

Verführungsfantasien sind ja nicht an sich schlecht, und es gab sie schon immer, aber in der Pornografie werden sie oft auf die schlimmstmögliche Art und Weise dargestellt. Und dieses ungleiche Machtverhältnis wird im Porno nicht nur dargestellt, sondern prägt auch die Pornoindustrie selbst – genau wie viele andere Branchen.

Deshalb habe ich schon immer darauf Wert gelegt, bei Erika Lust Films Frauen hinter der Kamera, am Set, in der Produktion und in Machtpositionen zu haben.

Was, glauben Sie, muss passieren, damit wir dieses Ungleichgewicht der Macht überwinden?

Ich kann das gar nicht oft genug sagen: Wir brauchen mehr Frauen in Macht- und Führungspositionen! Nur so können wir garantieren, dass Frauen eine Stimme bekommen und etwas zu sagen haben – ohne, dass man sich über sie lustig macht oder sie ihren Job verlieren.

Absolut alles, was wir sehen – von Fernsehsendungen und Filmen bis hin zu Unternehmen – wird von Männern kontrolliert. Wir beginnen gerade, das gewaltige Ausmaß dieses Problems zu erkennen. Aber wir dürfen jetzt nicht in Selbstmitleid verfallen, sondern sollten den Schwung der #Metoo-Bewegung nutzen, um uns zusammenzutun, zusammenzuhalten und dafür zu kämpfen, dass Frauen an die Macht kommen. Es ist höchste Zeit für diese Veränderung!

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

"Vom Chef gefickt und durchgenudelt": Erika Lust über Pornos und Wirklichkeit

Weil sie die üblichen Pornos immer abgeturnt haben, hat die Schwedin Erika Lust eines Tages einfach angefangen, ihre eigenen Erotikfilme zu produzieren. Wir haben mit der Gründerin von Erika Lust Films über Sex, Pornos und #Metoo gesprochen.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden