Lieber oldschool! Warum ich meinem Bauch mehr glaube als einem Fitbit ?️

Self-Tracking ist im Trend. Immer mehr Menschen zählen Schritte, Kalorien und Herzschlag. Ist das vielleicht das moderne Patentrezept für ein gutes Leben? Für das unserer Autorin offenbar nicht.

Das neue Jahr war noch keinen Tag alt, da bekam ich eine E-Mail von Runtastics, die mich motivieren sollte, meinen Trainingsplan zu optimieren. Dabei habe ich weder Runtastics auf meinem Handy installiert, noch einen Trainingsplan. Und schon gar keinen Plan habe ich, wie Runtastics an meine E-Mail-Adresse kommt – aber das ist wieder ein anderes Thema (Note to self: mir Gedanken über "Datenschutz" machen!)

Messbar, kalkulierbar, planbar – Ziele sind die neuen Vorsätze

Der Jahreswechsel ist der klassische Anlass für Vorsätze, unser Leben zu optimieren. Gesünder essen, mehr Sport treiben, weniger trinken, früher ins Bett gehen, öfter unsere Meinung sagen – den Ideen, wie wir es besser machen können, sind keine Grenzen gesetzt. Da der Mensch aber irgendwie dazu neigt, zu scheitern, sobald er sich einen Vorsatz gefasst hat, wählen viele mittlerweile einen moderneren, smarteren Ansatz: Sie setzen sich Ziele!

Ziele sind die neuen Vorsätze, nur besser. Um ein Ziel zu erreichen, muss ich nichts weiter tun, als einem Weg zu folgen. Schritt für Schritt nehme ich einfach eine Etappe nach der anderen. Mein Fitbit zählt die Schritte und rechnet aus, welches Tempo ich an den Tag legen muss, um mein Ziel noch in diesem Jahr zu erreichen.

Okay, ich geb's zu: Ich habe gar kein Fitbit. Und meine Ziele ergeben sich meistens erst unterwegs.

"Fitbit hat mich motiviert, Ziele zu erreichen"

Ich habe volles Verständnis dafür, wenn Menschen Diät, Sport oder Mental-Health-Trainings machen, damit sie sich besser, fitter, schöner, selbstbewusster oder was auch immer fühlen. Was ich mitunter aber etwas befremdlich finde, ist, dass immer mehr Menschen auf den smarten Weg setzen und sich von Armbändern und Apps diktieren lassen, wie viel sie essen und sich bewegen sollen. Ich könnte nämlich kein Selbstvertrauen aufbauen, während ich mir angewöhne, einem Fitbit zu vertrauen. 

Ich glaube ganz bestimmt, dass Self-Tracker und Fitness-Apps effektive Mittel sind, um diverse Ziele auf möglichst direktem Weg zu erreichen. Auf der Homepage stellt Fitbit beispielsweise Neuseeländerin Rachel W. vor, die mithilfe des Armbands ihr Gewicht reduziert und gelernt hat, besser mit ihrer Diabetes-Typ-2 umzugehen. Durch die Veränderung ihrer Lebensweise und die Verbesserung ihrer Fitness und Gesundheit konnte sie sogar endlich ein Kind bekommen. "Fitbit hat mich motiviert, Ziele zu erreichen", zitiert das Unternehmen seine Kundin.

Warum können wir uns nicht mehr selbst motivieren?

Mir drängt sich da nur die Frage auf: Warum konnte sich Rachel W. nicht selbst motivieren? Warum hat sie offenbar irgendwann verlernt, auf sich selbst zu achten und ihre Ziele auf eigene Faust zu erreichen? Ich kann mir wahnsinnig viele Gründe vorstellen: Stress, Streit, mieses Feedback, Frust, weil alle anderen ihr Leben viel besser im Griff haben, überall leckere Sachen, schlechtes Wetter, Druck, hohe Erwartungen, Enttäuschungen – ich könnte endlos so weiter machen.

Es gibt in unserer Welt so vieles, das uns Kraft und Motivation rauben kann. Doch wollen wir akzeptieren, dass deshalb künftig immer mehr Menschen ihre Gesundheit und Fitness irgendwelchen Self-Trackern überlassen MÜSSEN und ihr Leben wie ferngesteuert führen?

Bitte nicht! Die Welt, in der wir leben, haben wir selbst erschaffen. Uhrzeiten, Straßen, Wohnungen, Pointen, Berufe, Kochrezepte, Hobbies, Sinn und Bedeutung – gibt's alles nur dank dem Menschen. Wie strange ist es bitte, dass wir in einer Welt, die wir kontrollieren, die Kontrolle ausgerechnet über uns selbst abgeben? Dass wir Entscheidungen über unsere Lebensweise und unseren Körper einem Armband überlassen, das unser Leben optimiert?

Leben ist nicht programmierbar

Zum Glück darf immer noch jeder Mensch selbst entscheiden, welchen Weg er gehen möchte. Niemandem wird ein Fitbit oder eine Runtastic-App aufgezwungen. Solange sich Self-Tracker selbstbewusst und selbstbestimmt entschließen, gewisse Lebensbereiche mit einem Fitbit zu organisieren, ist das eine feine Sache.

Wichtig ist nur, dass die Ziele, die sie damit erreichen wollen, immer die eigenen bleiben. Und noch etwas sollten wir uns immer klar machen: Wir sind Menschen, keine Maschinen. Unser optimales Leben ist weder programmier- noch messbar. Es ist spürbar, und zwar für jeden anders.    

Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Lieber oldschool! Warum ich mehr an meinen Bauch glaube als an ein Fitbit ?️

Self-Tracking ist im Trend. Immer mehr Menschen zählen Schritte, Kalorien und Herzschlag. Ist das vielleicht das moderne Patentrezept für ein gutes Leben? Für das unserer Autorin offenbar nicht.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden