Gefährlicher Trend: Immer mehr junge Menschen leiden unter Perfektionismus

Eine Studie der American Psychological Association ergab, dass junge Menschen seit 1989 immer perfektionistischer werden. Gründe sehen die Forscher einerseits in den sozialen Medien, andererseits im Wegbrechen der gesellschaftlichen Mittelschicht und dem damit verbundenen Leistungsdruck.

Es fällt mir schwer, das zuzugeben. Als ich in der Schule meine ersten Arbeiten mit Zensuren geschrieben habe, war ich eine dieser Schülerinnen, die alle hassen. Eine dieser Leute, die direkt nach der Arbeit sagen, sie hätten eine 5, und dann doch eine 1 oder 2 bekommen (das gilt aber nur für die ersten paar Arbeiten, ich schwöre).

Heute weiß ich, woran das – zumindest in meinem Fall – lag: Ich war als Kind krankhaft perfektionistisch. Nach der Arbeit, wenn alle ihre Ergebnisse verglichen und ich feststellte, dass ich nicht ALLES "richtig" gemacht hatte, glaubte ich aufrichtig und aus tiefstem Herzen, auf ganzer Linie versagt zu haben. Ich dachte, ich müsste unbedingt NULL Fehler haben, und selbst ein kleiner Fehler war für mich so dramatisch, dass ich mir einfach nicht vorstellen konnte, noch eine gute Zensur zu bekommen.

Natürlich lernte ich in der Schule relativ schnell, besser einzuschätzen, wie viele Fehler ich mir in Klassenarbeiten erlauben kann. Aber meine Ansprüche an mich selbst herunterzuschrauben – daran arbeite ich noch heute.

Warum sich Perfektionismus nicht lohnt

Aus Erfahrung weiß ich, wie belastend Perfektionismus ist. Es ist so anstrengend, immer nach dem Unerreichbaren zu streben. Sich über das, was man erreicht oder geschafft hat, nicht freuen zu können. Weil andere vielleicht mehr erreicht haben – oder man selbst doch auch mehr schaffen müsste, verdammt! Warum hat man sich nicht mehr angestrengt? Warum hat man nicht besser nachgedacht ...?

Andererseits kann uns Perfektionismus sogar lähmen. Wenn wir solche Angst haben, Fehler zu machen, dass wir lieber gar nichts tun als etwas Falsches. Oder gar keine Entscheidung treffen als eine, die nicht optimal ist.

Was ich damit sagen will: Perfektionismus ist nicht nur schlecht für den Selbstwert – er lohnt sich nicht mal!

Langzeitstudie zum Perfektionismus – alarmierende Ergebnisse

Trotzdem werden junge Menschen offenbar immer perfektionistischer, wie eine Studie der American Psychological Association ergab. Die Wissenschaftler werteten Daten aus Befragungen von gut 40.000 Student*inn*en aus, die zwischen 1989 und 2016 in den USA, Kanada und UK durchgeführt wurden.

Die Befragungen zielen darauf ab, die Probanden auf einer "Perfektionismus"-Skala einzuordnen, genauer gesagt auf drei Perfektionismus-Skalen: einer, die den gegen uns selbst gerichteten Perfektionismus misst, also die eigenen Ansprüche an uns; einer, die die gefühlten Ansprüche misst, die andere an uns stellen; und einer Skala, die unsere Ansprüche an andere abbildet. Die zweite Art des Perfektionismus, bei der wir das Gefühl haben, andere haben hohe Erwartungen an uns, sei für Psyche und Selbstwert die gefährlichste, so die Forscher.

In allen drei Fällen maßen die Forscher einen deutlichen Anstieg. So hat der selbst-gerichtete Perfektionismus im Schnitt um 10 Prozent zugenommen, der fremd-selbst-gerichtete um 33 Prozent und der selbst-fremd-gerichtete um 16 Prozent.

Mögliche Erklärungen: Social Media und Kapitalismus

Natürlich erwarten wir jetzt nichts Geringeres als eine Erklärung von den Wissenschaftlern. Und natürlich wollen sie die auch liefern – und haben immerhin mehrere plausibel klingende Ansätze.

1. Social Media

Ein Ansatz schiebt den Social-Media-Kanälen den Schwarzen Peter zu. Wenn wir bei Facebook und Instagram abhängen, sehen wir hunderte Posts von anderen Menschen, mit denen wir uns automatisch vergleichen. Das Problem: Meistens posten Menschen die positiven Seiten von sich und ihrem Leben, zeigen ihre Erfolge, wie schön ihr Mittagessen aussieht, und lassen uns an ihren tollen Reiseerlebnissen teilhaben. Eher selten sehen wir bei Instagram, wie Menschen scheitern. Eher selten zeigt ein Post, wie oft jemand gestolpert ist, wie hart jemand kämpfen musste, um mit Mühe und Not ein Ziel zu erreichen.

Ja: Es gibt zahlreiche Menschen, die Social Media nutzen, um ihren Struggle mit anderen zu teilen. Aber wenn wir den gesamten Social-Media-Content zusammennehmen, sieht das Essen im Web nun mal deutlich ansprechender aus als auf unserem Teller – und so könnte unsere Social-Media-geprägte Wahrnehmung unsere Ansprüche an unser wirkliches Leben übermäßig hochschrauben.

2. Kapitalismus und Leistungsgesellschaft

Einen zweiten Erklärungsansatz für den gestiegenen Perfektionismus sehen die Forscher in der Entwicklung der freien Marktwirtschaft und dem damit einhergehenden zunehmenden Konkurrenz- und Leistungsdruck in Sachen Bildung und Karriere. Die Website "The Cut" zitiert dazu auch Journalist und Buchautor Malcolm Harris, der sich in "Kids these days: Human Capital and the Making of Millennials" (Die Kinder von heute: Humankapital und die Entstehung von Millennials) mit den Einflüssen auseinandersetzt, die heute auf Heranwachsende wirken.

Harris sagt: "Wenn die Mittelschicht wegbricht, wird es sehr viel wichtiger, an welchem Ende des Einkommensspektrums du landest." Tatsächlich alarmieren Experten seit Jahren, dass die Schere zwischen materiell Arm und Reich in Industrienationen wie Deutschland und den USA größer wird, wobei Menschen aus der Mitte eher drohen, in die Armut zu rutschen als in den Wohlstand. Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass durchschnittliche Leistungen nicht mehr ausreichen, um nicht ständig auf dem scharfen Rand des Existenzminimums balancieren zu müssen. Wie bei meinem Gefühl mit der Klassenarbeit: Wenn es nicht für eine 1 reicht, gibt's gleich eine 6.

Die Forscher gehen davon aus, dass der gestiegene Perfektionismus mit dazu beigetragen hat, dass sich auch psychische Krankheiten wie Essstörungen und Depressionen während der vergangenen Jahrzehnte verbreitet haben.

Wie wir uns vor Perfektionismus schützen können

Nun können wir leider die Gesellschaft nicht von heute auf morgen von einer Leistungs- in eine Wohlfühlgesellschaft verwandeln – was also tun?

Wir müssen mal wieder auf uns selbst aufpassen! Wir sollten uns ein für alle mal klarmachen, dass wir Menschen sind, keine Maschinen. Dass wir nicht auf den Punkt funktionieren müssen. Dass Perfektionisten dazu verdammt sind zu scheitern. Es wird immer jemanden geben, der es besser, genauer, schöner oder schneller macht als du. Aber niemand macht es genau auf deine Art.

Es gibt nämlich eine Disziplin im Leben, in der wir besser sind als alle anderen. In dieser Disziplin liegt unsere größte Stärke, auf sie sollten wir uns konzentrieren. Wahrscheinlich sind wir sogar auf der Welt, um in dieser Disziplin anzutreten. Welche Disziplin das ist? Wir selbst sein. Das ist nicht perfekt – aber genau richtig!  


Wer hier schreibt:

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Gefährlicher Trend: Immer mehr junge Menschen leiden unter Perfektionismus

Eine Studie der American Psychological Association ergab, dass junge Menschen seit 1989 immer perfektionistischer werden. Gründe sehen die Forscher einerseits in den sozialen Medien, andererseits im Wegbrechen der gesellschaftlichen Mittelschicht und dem damit verbundenen Leistungsdruck.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden