YouTuberin provoziert: "10 Gründe, warum du Bulimie haben solltest"

Bulimie ist ein Tabu. Betroffene schämen sich, der Rest distanziert sich. YouTuberin Shanny hat einen anderen Weg gewählt: Sie spricht offen und selbstironisch über ihre Krankheit. Doch ging sie diesmal zu weit? 

Nie wieder Zähne putzen. Nie wieder deine Tage. Nie wieder arbeiten oder zur Schule gehen, stattdessen den ganzen Tag im Bett liegen und Serien gucken. Das sind nur 3 von insgesamt 10 Argumenten, die YouTuberin Shanny PRO Bulimie anführt.

Bulimie - DAS Patentrezept gegen Glücklichsein

BITTE WAS? Ja, richtig gehört. In ihrem Video "10 Reasons Why YOU SHOULD Be Bulimic" ("10 Gründe, aus denen du Bulimie haben solltest") präsentiert die Amerikanerin ihr Patentrezept für alle, die sich manchmal "glücklich und ausgeglichen" fühlen und ein blühendes Sozialleben haben: Bulimie.


Shanny muss es wissen, denn sie hat selbst Bulimie und geht damit ausgesprochen offen um: Fast täglich postet sie Videos auf ihrem Kanal "EDucating Shanny", in denen sie über ihre Essstörung spricht.

Knapp 75.000 Abonennten verfolgen den Weg der 33-Jährigen, die bereits all ihre Zähne eingebüßt hat und nach eigenen Angaben mindestens 4 Stunden pro Tag auf dem Klo sitzt, weil ihr Verdauungssystem kaum noch funktioniert.

Shannys Warnung - bis zu 30 mal am Tag gekotzt

Mit ihren "Shanny Fannies", wie sie ihre Zuschauer nennt, teilt die gewitzte und selbstironische Frau, wie oft sie Essanfälle hat und sich danach übergibt (in ihren "Hochzeiten" waren es offenbar 10 bis 30 am Tag, ihre längste Zeit "ohne" betrug etwa 4 Wochen und momentan ist sie bei einem "Zwischenfall" pro Woche), und zu welchen körperlichen Folgen die Essstörung bei ihr bereits geführt hat (die Liste ist sehr lang).

Und wie es kam, dass sie schon mit 33 Jahren ein Gebiss tragen muss (sie hatte vom Erbrechen so heftige Entzündungen, dass die Ärzte ihr alle Zähne ziehen mussten, die allerdings durch den vielen Kontakt mit Magensäure ohnehin sichtlich in Mitleidenschaft gezogen waren. Es gibt sogar Aufnahmen aus der Notaufnahme auf ihrem Kanal).

Auch mit ihrem 10-Argumente-für-Bulimie-Video hat Shanny einen Coup gelandet: knapp 90.000 Aufrufe und 3.000 Likes. Doch natürlich ist, was auf den ersten Blick wie ein Ding der Unmöglichkeit erscheint, in Wahrheit eine mit Galgenhumor und Sarkasmus gewürzte Warnung - vor einer Krankheit, die jegliche Lebensfreude und -qualität verschlingt und dich nur schwer wieder aus ihren Fängen lässt, wenn sie dich erst einmal zu fassen hatte.  

YouTube habe sie gerettet

Aber ist es okay, so ironisch über eine derart gefährliche und sogar potentiell tödliche Krankheit zu sprechen? In Shannys Fall offenbar schon. Alles, was Betroffenen hilft, ist nämlich okay. Shanny, die in ihrer Instagram-Bio über sich schreibt, YouTube habe sie "gerettet", hat mit ihrer Art, ihrer Einstellung und ihrem Umgang mit der Bulimie Unglaubliches geschafft: Von bis zu 30 Essanfällen pro Tag hat sie die Essstörung auf aktuell gerade mal einen Zwischenfall pro Woche zurückgedrängt.

Sie hat geheiratet, lässt Freunde und Familie wieder an sich heran, besucht regelmäßig eine Selbsthilfegruppe. Auch wenn ihr Sarkasmus auf Außenstehende befremdlich wirken mag – der Erfolg gibt ihr das Recht dazu!

Außerdem sind auch die Reaktionen auf Shannys Video überwiegend positiv - generell kann man aus den Kommentaren auf ihrem Kanal herauslesen, dass die 33-Jährige vielen anderen Betroffenen mit ihrem Content hilft.

"Du bist eine Inspiration und wunderschön!"

So kommentiert beispielsweise Dana Healy unter dem 10-Argumente-pro-Bulimie-Video:

"Ich hoffe, Leute, die nach 'Pro-Bulimie-Videos' suchen, finden dieses hier, das sie davon abhält, diesen Weg zu gehen. Shanny, du bist ein Segen, und ich kann mich auf so vielen Ebenen mit dir identifizieren, obwohl ich nie Bulimie hatte. Ich hatte Phasen in meinem Leben, in denen ich zu viel gebinget [Essanfall haben] und dann erbrochen habe. Ich sage, ich bin nicht bulimisch, weil es nie zu einer Regelmäßigkeit wurde. Trotzdem bin ich froh, deinen Kanal gefunden zu haben. Du bist eine Inspiration und wunderschön von innen und außen. [...] "

Skeptiker mögen an dieser Stelle einwenden, wer eine Essstörung hat, solle in eine Klinik gehen, nicht zu YouTube. Doch für einige Betroffene ist die Schwelle, sich professionelle Hilfe zu suchen, aus diversen Gründen (praktischen und mentalen) einfach manchmal unüberwindbar – und dann ist so eine virtuelle "Shanny-Fanny"-Gemeinschaft besser, als ganz allein zu sein.

Abgesehen davon, dass sie sich selbst und anderen direkt hilft, leistet Shanny mit ihren Videos – auch wenn sie manchmal sarkastisch sind – einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung. Nach wie vor werden Essstörungen - besonders Bulimie - in unserer Gesellschaft tabuisiert. Betroffene, die sich sowieso schon im Zuge der Krankheit meist isolieren, werden gemieden, ausgegrenzt und vollends ins gesellschaftliche Abseits geschoben.

Lieber lachen als Angst haben!

Vielleicht ist Shannys ironischer Ansatz sogar gut und gesund für unsere Gesellschaft. Essstörungen sollten uns nicht so viel Angst machen, dass wir all unseren Humor verlieren, sobald Wörter wie "Kotzen", "Bingen" oder "Hungern" fallen. Ja, Essstörungen sind schlimm, gefährlich, kompliziert und verdammt hartnäckig.

Doch der Kampf gegen die Krankheit ist für Betroffene sowieso schon hart genug. Wenn auch noch Angst und Scham ihr ständiger Begleiter sind, wird er noch härter. Wer dagegen mit Mut und Humor in diesen Kampf zieht, wird die Krankheit bezwingen. Unbesiegbar ist sie nämlich nicht. Und wer stark genug ist, mit einer Essstörung zu leben, ist auch allemal stark genug, ohne sie klar zu kommen!   

Du hast Probleme mit deiner Figur und dem Essen oder kennst jemanden mit einem besorgniserregenden Essverhalten? Eine erste Anlaufstelle für Betroffene ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Dort bekommst du Informationen über Beratungs- und Therapiemöglichkeiten in deiner Nähe.


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