Von wegen "Time's Up" - die scheinheiligsten Auftritte der Golden Globes

Die diesjährigen Golden Globes standen ganz im Zeichen des Empowering. Viele Auftritte waren allerdings so scheinheilig, dass Twitter-Usern der Kragen platzte.

Einheitlich in schwarzer Abendgarderobe ließ man sich dieses Jahr bei den Golden Globes auf einem schwarzen statt roten Teppich fotografieren. Mit "Time's-up"-Pins demonstrierten zahlreiche Gäste ihre Zustimmung und Solidarität zur #Metoo-Bewegung und ihren Konsequenzen – eine Star-besetzte Kampfansage an Sexismus, Diskriminierung, Benachteiligung der Frau.

Doch während Oprah Winfrey ihre inspirierende Rede hielt, die sie mit einem Schlag als ernstzunehmende Präsidentschaftsanwärterin ins Gespräch brachte, während Kevin Spacey und vielleicht (und hoffentlich?) irgendwo im Abseits in einem Sumpf aus Schmähung und Buße vor sich hin dümpeln, ließen sich andere feiern, die vermutlich noch vor einem Jahr mit Weinstein Brüderschaft getrunken hätten.

Und nicht nur ließen sie sich feiern, nein. Sie trugen selbst sogar Time's-Up-Pins – und strahlten dadurch vor lauter Scheinheiligkeit so sehr, dass es einen fast hätte blenden können. Allerdings nur fast, wie zahlreiche Kommentare auf Twitter zeigten ...

Die Meister der Scheinheiligkeit

James Franco

Schauspieler, Regisseur und Produzent James Franco wurde für seinen Film "The Disaster Artist" ausgezeichnet – dass er dabei einen "Time's-Up-Pin" trug, sahen viele Frauen offenbar als echtes Desaster.

Ally Sheedy (Schauspielerin) bei Twitter: "James Franco hat gewonnen. Bitte fragt mich nie wieder, warum ich aus der Film- und Fernsehbranche ausgestiegen bin."

[Anmerkung: Sheedy löschte ihren Tweet nach wenigen Stunden wieder. Einen Screenshot davon findet ihr aber bei "Vanityfair"]

Violet Paley (Schauspielerin) bei Twitter: "Süßer Timesup-Pin James Franco. Weißt du noch, das eine mal, als du meinen Kopf in einem Auto zu deinem Penis gedrückt hast & das andere mal, als du meiner Freundin gesagt hast, sie solle zu deinem Hotel kommen, als sie 17 war? Nachdem du schon mal dabei erwischt wurdest, wie du das mit einer anderen 17-Jährigen gemacht hast?"

Jenny Yang (Comedian) bei Twitter: "Wenn James Franco einen TimesUp-Pin trägt ist das, als würde Krebs eine pinke Schleife tragen."

Gary Oldman

Googelt man den britischen Schauspieler und Filmemacher Gary Oldman, stolpert man schnell über einen Artikel bei thedailybeast mit der Zeile: "The Oscar Frontrunner With a Dark Past" ("Der Oscar-Spitzenkandidat mit der dunklen Vergangenheit"). Auf welche düstere Vergangenheit die Zeile anspielt, geht aus dem Artikel hervor: Laut Oldmans Ex-Frau Donya Fiorentino habe der Star sie vor den Augen ihrer Kinder angegriffen und geschlagen, als sie die Polizei rufen wollte.

Auch Gary Oldman trug den vielsagenden Time's-Up-Pin, als er als bester Schauspieler im Drama "Three Billboards Outside Ebbing" ausgezeichnet wurde.

Robyn Swirling bei Twitter: "Gary Oldman trägt einen 'TimesUp-Pin. Gary Oldman schlug seine Ehefrau vor den Augen ihrer Kinder und würgte sie, als sie versuchte, die Polizei anzurufen."

Kirk Douglas

Der 101-jährige Schauspieler Kirk Douglas ist mittlerweile sichtlich gebrechlich und schwach – im Rollstuhl nahm er an der Seite von Catherine Zeta-Jones seine Auszeichnung entgegen. Trotzdem: Auf einem vermeintlichen Time's-up-Abend jemanden wie Kirk Douglas zu ehren, gegen den im vergangenen Jahr ebenfalls einige Anschuldigungen vorgebracht wurden, erschien einigen Zuschauer*inne*n unangebracht.

Enty bei Twitter: "Ja, ich fand die Standing Ovation für einen Vergewaltiger, Casting-Couch-König, sexuellen Belästiger und generell frauenverachtenden Menschen wie Kirk Douglas grauenvoll an einem Timesup-Metoo-Abend bei den Golden Globes."

Justin Timberlake

Natürlich ließ es sich auch Sänger und Schauspieler Justin Timberlake nicht nehmen, mit Times’Up-Pin bei den Golden Globes aufzutreten. Sicher hat sich das ehemalige *NSYNC-Mitglied während seiner Boyband-Zeit nie etwas zu Schulden kommen lassen, weil er Frauen viel zu sehr respektiert, um sie auszunutzen – aber so sehr, dass er als Zeichen von Solidarität auf eine Hauptrolle in einem Woody-Allen-Film verzichten würde, geht er dann doch wieder nicht.

Da ist die Solidarität zur eigenen Karriere dann doch größer und die Zusammenarbeit mit einem Macht-missbrauchenden Sexisten wird in Kauf genommen. Würde auch mehr weh tun, auf eine gut bezahlte Rolle zu verzichten als sich einen Pin an den Anzug zu stecken.

Rae Paoletta (Autorin) bei Twitter: "Justin Timberlake spielt buchstäblich eine Hauptrolle in einem Woody-Allen-Film, aber oh, okay, performativer Feminismus." 

Aus Gesten müssen endlich Ernst werden

Ja, auf den ersten Blick wirkten die Golden Globes wie ein Meilenstein des Empowering. Ein Bekenntnis zu einem neuen, gerechteren, gleichgestellteren Weg. Doch wenn nach wie vor die Geister der Vergangenheit gefeiert werden und ihr Spuk vergeben und vergessen ist, sobald sie einen Pin an der Brust tragen, ist dieser Weg von vornherein verflucht.

Hoffnung macht allerdings ein Umstand, der alles retten kann: Dass wir uns heute nämlich nicht mehr mit Gesten zufrieden geben und die Klappe halten, sondern so lange bohren und mit dem Finger zeigen werden, bis alle, die es schuldig sind, in dem Sumpf aus Schmähung und Büße baden gehen, in dem Weinstein bereits sitzt.  

Wir haben einen Punkt erreicht, an dem aus Gesten Ernst werden muss. Die Zeit der Diskriminierung ist um - und die der Scheinheiligkeit auch.  

Auch unser neues Entgelttransparenzgesetz war nicht viel mehr als eine Geste. Hier geht's zum Interview mit Arbeitsrechtlerin Nina Straßner.  

Wer hier schreibt:

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Von wegen "Time's Up" - die scheinheiligsten Auftritte der Golden Globes

Die diesjährigen Golden Globes standen ganz im Zeichen des Empowering. Viele Auftritte waren allerdings so scheinheilig, dass Twitter-Usern der Kragen platzte.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

E-Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden