Film "Jugend ohne Gott": Wer kotzt, kriegt Punktabzug!

Gedankenexperiment oder Zukunftsmusik? Der Kinofilm "Jugend ohne Gott" erzählt von einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen an seiner Funktionalität misst. Nächstenliebe? Mitgefühl? Dagegen gibt's Pillen.

Zach (Jannis Niewöhner) ist nicht wie die anderen: Er hadert mit dem System. 
Letztes Video wiederholen

Wer dick ist, wird ausgegrenzt. Teamgeist ist gut – weil es dafür Punkte gibt. Wer Fehler macht, ist weniger wert. Gegen unangenehme Gefühle gibt es Pillen.

In so einer Welt lebt Zach, Hauptfigur im Kinofilm "Jugend ohne Gott" (Kinostart 31. August). Zach - großartig gespielt von Jannis Niewöhner - gehört zur Elite: Er kommt aus reichem Elternhaus, seine Körperfunktionen sind top, und er ist intelligent.

Er lebt abgeschottet von den sogenannten Leistungsempfängern, die in dieser Welt keinen Zugang zu hochwertiger Bildung, guten Jobs oder schönen Wohnungen haben. Jede Gesellschaftsschicht hat ihren eigenen Sektor – so bleibt die Welt in Ordnung.

Zach (Jannis Niewöhner) ist nicht wie die anderen: Er hadert mit dem System. 

Das Camp: Kotzen bringt Minuspunkte

Zach steht kurz vor seinem Schulabschluss und fährt mit seiner Klasse in ein Camp in den Bergen. Dort werden die Schüler auf ihre Eignung für die Rowald-Universität geprüft, eine Elitehochschule, an der im Prinzip die Leute ausgebildet werden, die die Welt regieren.

Natürlich sind alle scharf darauf, für diese Uni zugelassen zu werden, und knien sich bis zum Erbrechen rein. Nur dass sie sich das Erbrechen verkneifen - weil Kotzen Minuspunkte bringt.

Zach hat mit seinem hervorragenden Potential sehr gute Chancen auf eine Zulassung – wäre da nicht dieses mysteriöse Tagebuch, in das er immer schreibt. Geheimnisse sind in Zachs Welt gar nicht gerne gesehen.

Aber die Aufseher des Camps können ihm diese lästige Marotte nicht verbieten: Zach hat ein ärztliches Attest, dass er Tagebuch führen darf, weil er kürzlich seinen Vater verloren hat und ihm die Notizen bei der Trauerbewältigung helfen sollen.

Zachs Lehrer (Fahri Yardim) hadert auch mit den Strukturen - steckt aber selbst schon sehr tief drin.

Zach, der Sonderling: Zu viel Mitgefühl

In Wahrheit hat Zach aber noch viel mehr zu bewältigen als Trauer. Er kommt nämlich mit dieser Welt nicht klar, in der er lebt. Er leidet darunter, dass Menschen Leistung bringen müssen, um etwas wert zu sein. Dass nicht alle die gleichen Chancen bekommen, sondern nur die Privilegierten es "zu etwas bringen" können. Und besonders leidet er darunter, dass alle diesen ganzen Shice mitmachen - weil sie Angst haben.

Während sich seine Mitschüler im Camp den Arsch aufreißen, setzt sich Zach in seinem Tagebuch immer mehr mit dem kalten und unmenschlichen System auseinander, das ihn so quält - bis er eines Nachts einem Mädchen begegnet, das ihn endgültig davon überzeugt, dass er in einer Welt aus Kälte und Leistungsdruck nicht leben will ...

Düsteres Gedankenexperiment - oder Zukunftsvision? 

Der Film, der sich sehr frei an den gleichnamigen Roman des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth aus dem Jahr 1937 anlehnt, ist in ähnlicher Weise wie "1984" und "Schöne neue Welt" vor allem ein Gedankenexperiment:

Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der alles – auch Menschen - einen Zweck erfüllen muss? In der Mitgefühl und Liebe etwas Lästiges sind, weil sie uns davon ablenken zu funktionieren? In der der Wert eines Menschen messbar ist – und zwar an seinem Leistungspotential? Wie sieht so eine Gesellschaft aus, und was macht sie aus dem Menschen?

Titus (Jannik Schümann, links) sind seine Mitschüler egal. Was ihm wichtig ist? Der Beste zu sein.

Diese Fragen zu stellen, liegt ja in unserer tatsächlichen Welt recht nahe: Personalabteilungen heißen in vielen Unternehmen Human Resources. Wenn ich meinen Vater verliere, stehen mir in der Regel zwei Tage Sonderurlaub zu, bis ich wieder funktionieren muss. Das perfekte Aussehen ist so wichtig, dass sich Menschen, die völlig gesund sind, unters Messer legen. Bildung soll darauf ausgelegt sein, uns optimal aufs Arbeitsleben vorzubereiten.

Und das Ergebnis? Nur so ein Gefühl ...

Auch wenn es in "Jugend ohne Gott" nicht so richtig gelingt, die Fragen, die angerissen werden, wirklich tiefgehend zu behandeln oder zumindest stringent zu verfolgen, ist der Film thematisch daher zumindest aktuell.

Ansonsten vermittelt der Film irgendwie die Gewissheit: So eine "Jugend ohne Gott" oder - abstrakter formuliert - eine "Gesellschaft ohne Menschlichkeit" wird es niemals geben.

In Wirklichkeit sind nämlich die meisten Menschen wie Zach: Wenn jemand hinfällt, helfen sie auf. Wenn sie sehen, dass jemand diskriminiert wird, empfinden sie das als Ungerechtigkeit. Wenn sie viel zu viel und andere zu wenig haben, teilen sie.

Solange Menschen die Welt gestalten, kann sie nicht unmenschlich und kalt sein, denn Menschen sind immer menschlich und irgendwie auch warm. Wir müssen es ja um Himmels Willen nicht Gott nennen - aber auf dieses unbestimmte Gute im Menschen können wir, wie es scheint, letztlich doch ruhig vertrauen ...    

Themen in diesem Artikel