Erst Victim Blaming, dann Reue - können wir Lena Dunham noch ernst nehmen?

Nach Missbrauchsvorwürfen gegenüber Murray Miller hatte sich Lena Dunham zunächst auf die Seite des Produzenten gestellt. Jetzt hat sich die Schauspielerin auf ihrer Facebook-Seite entschuldigt. Ist damit alles wieder gut?

Puh ... Was machen wir jetzt mit Lena Dunham?

Ende vergangener Woche war die 31-Jährige ihrem Producer-Kumpel Murray Miller zur Seite gesprungen, nachdem ihm Schauspielerin Aurora Perrineau Missbrauch vorgeworfen hatte.

Perrineau hat bei der Polizei angezeigt, dass der Autor und Filmproduzent sie vor 5 Jahren – also als sie 17 war – sexuell missbraucht habe. Die Polizei hat die Ermittlungen eingeleitet, Miller streitet die Tat ab. Um Perrineaus Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, haben seine Anwälte zu bedenken gegeben, dass die junge Schauspielerin vor einigen Wochen zunächst Geld gefordert habe und erst, als Miller die Zahlung verweigert habe, zur Polizei gegangen sei.

Was Anwälte eben so tun! 🤷‍♀️

Lena Dunham verteidigt den Beschuldigten: "Wir stehen zu Murray"

Obwohl SIE nicht seine Anwälte sind, haben sich aber auch Lena Dunham und Jenni Konner prompt zu Wort gemeldet, um Miller zu verteidigen. In ihrer Stellungnahme gegenüber The Hollywood Reporter heißt es:

In jeder Zeit des Umbruchs gibt es auch Fälle, bei denen die falschen Ziele attackiert werden. Nachdem wir mehr als ein halbes Jahrzehnt mit ihm zusammengearbeitet haben, glauben wir, dass das bei Murray Miller der Fall ist. Obwohl wir uns schon instinktiv jede Geschichte einer Frau anhören, sind wir uns aufgrund unseres Insider-Wissens über Murrays Situation sicher, dass diese Anschuldigung leider zu den 3 Prozent Vorwürfen gehört, die jedes Jahr fälschlicherweise erhoben werden (...) Wir stehen zu Murray, und das ist alles, was wir dazu sagen werden.

180-Grad-Drehung und eine Entschuldigung bei Facebook: "Es tut mir leid"

Tja, das war dann doch nicht alles, was Lena Dunham dazu sagte ... Bei Twitter wurde sie für ihr Verteidigungsminister-Statement mit Shit und Hate bestürmt – was sie offensichtlich nicht nur zum Nachdenken, sondern direkt zu einer 180-Grad-Drehung anregte. Und zu dieser Entschuldigung bei Facebook:


Als Feministen leben und sterben wir für unsere politische Einstellung, und an Frauen zu glauben, ist die erste Entscheidung, die wir jeden einzelnen Tag treffen, wenn wir aufwachen. Ich hätte nie geglaubt, jemals einen Mann öffentlich zu unterstützen, der wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird, doch naiverweise dachte ich, es wäre wichtig, meine Sicht auf die Situation eines Freundes mitzuteilen (...) Jetzt sehe ich ein, dass es der abslout falsche Zeitpunkt war, um mit so einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit zu gehen, und es tut mir leid (...) Wir bereuen die Entscheidung mit jeder Faser.

Jede Frau, die sich äußert, verdient, vollständig angehört zu werden, und unsere Beziehung zu dem Beschuldigten sollte keine Rolle in der Beurteilung ihres Falls spielen. Alle Menschen und Feministen sollten sie anhören. Unter dem Patriarchat ist "ich glaube dir" unverzichtbar. Solange man nicht uns allen glaubt, glaubt man niemandem von uns. Wir bitten alle Frauen um Entschuldigung, die wir enttäuscht haben.

Für die meisten war das offenbar "too little, too late": "Diese Entschuldigung kann nicht wieder gutmachen, dass deine erste Reaktion darin bestand, das Opfer eine Lügnerin zu nennen. DU bist Teil des Problems." "Ich habe dich so lange verteidigt ... Aber jetzt kann ich mich nicht länger Lena-Dunham-Fan nennen." "Zu viele Fehler. Du hast viel zu viele Fehler gemacht." "Lena, ich habe mich oft in Feministenkreisen für dich stark gemacht, deinen Feminismus verteidigt, dein Recht auf Unvollkommenheit usw. Aber ich bin offiziell #donewiththatshit."

Einige verziehen der Künstlerin aber und werten ihre Entschuldigung als Stärke: "Leicht zu verzeihen, niemand sagt jederzeit genau das Richtige..." "Ich bin immer noch ein Fan. Lena Dunham hat mehr für Frauen und Männer getan als die meisten von uns, die hier kommentieren." "Danke Lena, ich schätze dich, weil du zu dir stehst und trotzdem weißt, wann eine Entschuldigung angebracht ist."

Und ...? Wie stehen wir nun zu Lena Dunham?

Einerseits ist es natürlich immer ein No-Go, in die Chöre der Victim-Blamer einzustimmen – insbesondere, wenn man auch noch so eine laute Stimme wie Lena Dunham hat.

Andererseits: Ist nicht auch der Reflex irgendwie verständlich, dass man einen Bekannten, dem man vertraut, in Schutz nimmt?

Okay, wir wissen nicht, wie eng die Beziehung zwischen Dunham und Miller wirklich ist, aber wenn eine uns persönlich unbekannte Frau einen guten Freund beschuldigt, sie missbraucht zu haben – würden wir nicht auch zunächst fühlen: "Das kann nicht wahr sein!"? Allerdings können wir ja im Stillen fühlen, was wir wollen (oder müssen), und uns dann umso entschiedener raushalten, weil wir wissen, dass wir befangen sind! 

Und was ist mit dieser Entschuldigung? Hat Lena Dunham verstanden? Steht jedem Menschen nur eine begrenzte Zahl an Chancen zu, oder wollen wir jedem Menschen so viele Chancen geben, wie er eben braucht? Wie auch immer. Gut ist doch auf jeden Fall, dass heute niemand mehr einfach so mit Victim Blaming davon kommt, ohne dafür heftigen Gegenwind zu erfahren.   

Wer hier schreibt:

Kommentare

Kommentare

    Diesen Inhalt per E-Mail versenden

    Erst Victim Blaming, dann Reue - können wir Lena Dunham noch ernst nehmen?

    Nach Missbrauchsvorwürfen gegenüber Murray Miller hatte sich Lena Dunham zunächst auf die Seite des Produzenten gestellt. Jetzt hat sich die Schauspielerin auf ihrer Facebook-Seite entschuldigt. Ist damit alles wieder gut?

    Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

    E-Mail wurde versendet
    Deine Mail konnte leider nicht versendet werden