Michael Douglas zu Belästigungs-Vorwürfen: "Ich habe nie vor ihr masturbiert"

Oscar-Preisträger Michael Douglas kommt seiner Anklägerin zuvor: In einem Interview leugnet er Anschuldigungen einer ehemaligen Mitarbeiterin, ehe sie überhaupt öffentlich wurden. Er legt den Finger an die empfindlichste Stelle der #Metoo-Bewegung.  

'Was, wenn sie sich das alles nur ausgedacht hat?'

Dieser Gedanke kann alles lahmlegen. Dieser Gedanke wurde jahrzehntelang meist wie selbstverständlich als erstes geäußert und ist vermutlich der Grund dafür, dass tausende Frauen über Jahre geschwiegen haben. Im Zuge der #Metoo-Bewegung haben wir diesen Gedanken endlich mal monatelang erfolgreich beiseite geschoben, das endgültige Urteil den Richtern überlassen und den Frauen zugehört und geglaubt.

Jetzt aber hat Michael Douglas in einem Interview mit dem Filmmagazin "Deadline" genau diesen Gedanken wieder in den Vordergrund gerückt. Der zweifache Oscar-Preisträger geht darin auf Belästigungsvorwürfe ein, die gegen ihn im Raum stehen – noch nicht öffentlich, aber offenbar im Begriff, öffentlich zu werden.

"Vor ihren Augen masturbiert" – worauf Douglas mit dem Interview reagiert

Wie der Schauspieler berichtet, seien bei ihm Presseanfragen vom "Hollywood Reporter" und "Vanity Fair" zu Aussagen einer ehemaligen Mitarbeiterin von eingegangen. Offenbar beschuldigt sie den 72-Jährigen, vor 33 Jahren in ihrer Gegenwart "blumige und schmutzige Ausdrücke" benutzt zu haben, sie nach dem Ende der Geschäftsbeziehung in der Branche schlecht gemacht zu haben und – und das ist die heftigste Anschuldigung – vor ihren Augen masturbiert zu haben.

Während Douglas die ersten beiden Vorwürfe nicht gänzlich von sich weist – es sei möglich, dass sie mal Privatgespräche mitgehört habe, in denen er sich nicht immer politisch korrekt ausgedrückt haben mag; wenn Kollegen ihn nach ihr gefragt hätten, habe er ein ehrliches Zeugnis über ihre Arbeitsleistung gegeben –, bestreitet der Schauspieler den Masturbationsvorwurf vehement.

Douglas habe die #Metoo-Bewegung immer unterstützt

"Das ist komplett gelogen, frei erfunden, daran ist nichts, aber auch rein gar nichts wahr", so Douglas gegenüber Deadline. In dieser Weise beschuldigt zu werden, sei "extrem schmerzhaft" für ihn, der stolz auf seinen guten Ruf in der Branche sei und stets sowohl seine Frau Catherine Zeta Jones als auch die Empowering-Bewegung unterstützt habe. Auch seine Kinder litten unter den Vorwürfen: "Für meine Kinder ist es sehr schwer, zur Schule zu gehen und fürchten zu müssen, dass ein Artikel über mich veröffentlicht wird, in dem ich der sexuellen Belästigung bezichtigt werde. Sie haben Angst und fühlen sich schlecht."

Douglas vermutet, dass die Anklägerin, die auch einen Blog betreibt, in dem sie seinen Namen hin und wieder fallen lasse, sich von der Geschichte einen Buchauftrag verspricht. Doch mit falschen Anschuldigungen treffe sie nicht nur ihn und seine Familie, sondern schade der gesamten #Metoo-Bewegung, so der Schauspieler: "Das ist die Art von Handlung, die die #Metoo-Bewegung zu Fall bringen kann."

Was sollen wir davon jetzt halten?

Wenn wir Michael Douglas glauben, nur weil seine Kinder Angst haben, zur Schule zu gehen – was unterstellen wir damit dieser Frau? Wir MÜSSEN ihre Geschichte ernstnehmen. Sie ist keineswegs abwegig, auch wenn Douglas sie so vehement abstreitet.

Auf der anderen Seite können wir auch Michael Douglas nicht einfach verurteilen und als Schwein abstempeln. Wir können nicht einfach all seine Verdienste und Leistungen für nichtig erklären und unsere Meinung über ihn vielleicht um 180 Grad ändern, weil diese Frau jetzt über ihn auspackt ... oder? 

Einer der empfindlichsten Punkte von #Metoo

Michael Douglas legt seinen Finger auf einen der empfindlichsten Punkte der #Metoo-Debatte, um den sich viele Diskussionen drücken: Was ist, wenn im Zuge des Empowering doch mal das Leben eines zu Unrecht beschuldigten Mannes zerstört wird? Wenn wir immer so tun, als wäre es absolut ausgeschlossen, dass auch eine Frau mal ihre Macht missbraucht (zum Beispiel die des Belästigungsvorwurfs) sind wir ähnlich ungerecht wie jene, die immer gleich 'Was, wenn sie sich das nur ausgedacht hat?' gefragt haben und fragen.

Ja, die Zahl der falschen Anschuldigungen ist im Vergleich zur Vielzahl der tatsächlichen Vorfälle verschwindend gering, und die Zahl der Fälle, die nicht ans Licht kommen oder in denen fälschlicherweise der Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" angewandt wird, ist hundertmal größer und besorgniserregender. Aber damit sind wir wieder bei einer uralten Gewissensfrage: Kann man das Schicksal eines einzelnen (Mannes) gegen die Schicksale vieler (Frauen), möglicherweise auch künftiger Generationen (von Frauen) aufwiegen?

Ein Schritt zurück: Warum kam es zu #Metoo?

Es erscheint an dieser Stelle wichtig, noch einmal daran zu erinnern, was überhaupt der Grund für die #Metoo-Bewegung ist: Wir haben auf der ganzen Welt ein immenses Macht-Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau. Mit #Metoo sind wir den winzig kleinen Schritt gegangen, der Frau das bisschen mehr Macht zu geben, sie anzuhören und ernst zu nehmen. Daran müssen wir um jeden Preis festhalten.

Doch vielleicht müssen wir, um daran nachhaltig festhalten zu können und weiter zu kommen, öfter den Blick nach vorn richten und uns fragen, wo wir hin wollen, anstatt zurückzuschauen und uns über die Vergangenheit zu empören.

Es ist doch so: Seit Beginn der #Metoo-Debatte hat sich beispielsweise in Deutschland so gut wie nichts getan. Die stärkste Fraktion im Bundestag sitzt gemütlich da mit ihrem Frauenanteil von 20 Prozent und führt Sondierungsgespräche. Ein wirkungsloses Gesetz "für mehr Lohngerechtigkeit" ist in Kraft getreten, das als Empowering-Erfolg verkauft wird.  

Michael Douglas zu ächten, der sich vielleicht vor 33 Jahren wie ein widerwärtiges Schwein verhalten hat, erschiene fast schon als verschwendete Energie angesichts des Weges, den wir noch vor uns haben. Ausufernde Diskussionen über die zu Unrecht Beschuldigten allerdings mindestens genauso. 

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    Michael Douglas zu Belästigungs-Vorwürfen: "Ich habe nie vor ihr masturbiert"

    Oscar-Preisträger Michael Douglas kommt seiner Anklägerin zuvor: In einem Interview leugnet er Anschuldigungen einer ehemaligen Mitarbeiterin, ehe sie überhaupt öffentlich wurden. Er legt den Finger an die empfindlichste Stelle der #Metoo-Bewegung.  

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