'Tigermilch': Ein Film über Freundschaft, das Leben - und Berlin

Eine Geschichte über Freundschaft, Lebensmut und das Erwachsenwerden: Mit "Tigermilch" hat Ute Wieland einen großartigen Film in die Kinos gebracht, in dem wir uns alle irgendwie wiederfinden. Die Romanvorlage lieferte Stefanie de Valesco. 

Tigermilch-Trailer
Letztes Video wiederholen

Manchmal kann die Musik gar nicht laut genug sein, damit man das Leben nicht mehr hört.

Noch jemand hier, der einen Film über das Leben mit diesem Satz einleiten würde?

Dann könntet ihr mal "Tigermilch" probieren - ein Cocktail aus Milch, Maracujasaft und Weinbrand, vorzugsweise Mariacron. Und ein Film über zwei 14-jährige Mädchen in Berlin, die sich sicher sind, dass sie für immer Freundinnen bleiben und zusammen Tigermilch aus einem Iced-Coffee-To-Go-Becher trinken werden. Die zwei heißen Jameelah und Nini und wissen, was es heißt, vom Leben gefickt zu werden.

Nini (Flora Li Thiemann) hat nach der Trennung ihrer Eltern nur eine Karte von ihrem Vater, auf der steht: "Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur." Ihre Mutter liegt meistens - hypnotisiert vom Drama irgendwelcher Scripted Reality Shows - auf der Couch, und ihre pubertierende Stiefschwester hat ein Eierlikörproblem.

Wenn es keine Menschenrechte gibt, stirbst du nicht, weil du etwas Schlimmes getan hast, sondern weil dich niemand beschützt."

Jameelah (Emily Kusche) ist Klassenbeste in Deutsch, muss aber trotzdem für den Einbürgerungstest lernen, damit sie mit ihrem irakischen Pass nicht in das Land zurückgeschickt wird, in dem sie "Häuser aus Kamelscheiße bauen."

Sie hat eine Kindheitserinnerung, in der sie zwei Kaninchen im Mülleimer sieht, die erst noch leben, und dann von ihrem Cousin erschlagen werden. Ihr Vater und ihr Bruder waren eines Tages ermordet, als sie nach Hause kam. Denn "wenn es keine Menschenrechte gibt, stirbst du nicht, weil du etwas Schlimmes getan hast, sondern weil dich niemand beschützt".

Über den Dächern von Berlin: Nini (Flora Li Thiemann) und Jameelah (Emily Kusche) trinken ihren Spezialcocktail "Tigermilch"

Natürlich wohnen beide Mädchen im Berliner Problemkiez. Wo in der Nachbarwohnung die ganze Nacht geschrien und gestritten wird, weil die Tochter die bosnische Familienehre beschmutzt, indem sie mit einem Serben rummacht.

Die beiden sind Heldinnen, keine Opfer!

Ist aber alles halb so wild – es sind Sommerferien, und auf dem Plan stehen Party, Schwimmbad, Eis am Stil und DEFLORATION. Die passenden Jungs dafür sind auch schon ausgewählt. Und bei all der Scheiße, die abgeht, gibt es ja auch gute Dinge, zum Beispiel "dass im Sommer vor den Geschäften Wasser für die Hunde steht".

Die beiden Heldinnen denken überhaupt nicht daran, sich in der Rolle der sozial benachteiligten Opfer zu sehen. Das Leben ist nämlich zu kurz für Selbstmitleid - und ein Kinofilm erst recht! Zum Glück erzählt uns Regisseurin Ute Wieland keine Depri-Geschichte, sondern eine von Freundschaft, Mut und Lebensfreude.

Denn auch, wenn wir nicht im Problemkiez wohnen: Das Leben fickt uns alle mal, und wir können nichts dagegen tun. Wir können ihm nur die Faust entgegenstrecken, uns miteinander verbünden und die Musik lauter drehen.

"Hand aufs Herz und in die Ritze" - der Freundschaftsschwur der zwei 14-Jährigen.


 

Themen in diesem Artikel