Bitte nicht die Mitleidsnummer! Was an der #Metoo-Debatte nervt

Seit fünf Wochen diskutieren wir über Sexismus, doch über konkrete Verbesserungsvorschläge reden wir kaum. Unsere Autorin nervt das - deshalb wagt sie einen Vorstoß. 

Am Sonntag lief die drölfzigste Talkshow zum Thema . Und obwohl wir jetzt seit fünf Wochen intensiv darüber diskutieren, hätte diese Anne-Will-Episode genauso gut die erste Sendung dazu sein können.

Klar, allein dass wir über Sexismus sprechen, ist gut. Was jahrhundertelang als selbstverständlich galt, wird heute als so problematisch wahrgenommen, dass es uns wochenlang pausenlos beschäftigt. Auch wenn es zynisch klingt: Das ist ein riesiger Fortschritt.

Aber sollten wir nicht langsam zum konstruktiven Teil der Diskussion übergehen? Können wir nicht mal eine Gesprächsrunde mit der Frage beginnen, was wir verändern wollen, statt sie jedes verdammte mal damit zu beenden, um die Antwort dann doch wieder zu vertagen?

1000 mal gehört

Dass Victim Shaming ein No-Go ist, Frauen anziehen dürfen, was sie wollen, und eine Wurzel des Problems darin liegt, dass Männer die Welt regieren, haben wir jetzt oft genug gehört. Dass Sexismus nichts mit Sex zu tun hat, sondern Sexualität bloß instrumentalisiert wird, um Menschen aufgrund ihres Geschlechts zu unterdrücken, sollte ebenfalls langsam klar sein.

Aber warum springt die Diskussion, wenn es um Lösungen geht, immer zu der Frage, wie sich Frauen gegen Sexismus oder sexuelle Belästigung wehren sollen? Warum sollen jetzt auch noch die Frauen an sich arbeiten, die überhaupt nicht die Wurzel des Problems sind? Heißt das, dass wir davon ausgehen, dass sich die Situation nicht in absehbarer Zeit zum Besseren wendet?

Es muss doch besser gehen!

Das will ich einfach nicht glauben! Schließlich machen wir doch die Regeln für unsere Welt selbst. Und: Wenn ich durch die Straßen laufe, sehe ich lauter Männer und Frauen, die friedlich zusammen leben. Pärchen, die Händchen haltend an Läden vorbeischlendern.

Fremde, die ganz selbstverständlich nebeneinander in der U-Bahn sitzen. Menschen, die anderen aufhelfen, wenn sie ausgerutscht sind. Unsere Welt ist nicht durch und durch sexistisch und auch nicht vom Kampf der Geschlechter bestimmt.

Unsere Welt kann tip top funktionieren - und das sogar ohne dass wir auf Flirten oder sexuelles Prickeln verzichten müssen. Wer will denn schon einen spaßbefreiten, sterilen, angsterfüllten Umgang miteinander? Wir können auch gegen Sexismus vorgehen, ohne unserer Gesellschaft die Leichtigkeit zu nehmen.

Vorschlag für die weitere Diskussion: Sparen wir es uns, zum 683. mal die Frage zu diskutieren, ob es schon #metoo-würdig ist, wenn mir jemand hinterhergepfiffen hat, oder ob dieser jemand erst mein Chef sein muss, damit es bedenklich ist. Lasst uns lieber überlegen, was wir ändern wollen.

Wie wäre es zum Beispiel mit diesen fünf Ideen (nur so als Vorschlag für die weitere Diskussion):

1. Frauenquote für Parteien

Es kann einfach nicht angehen, dass alle einstimmig sagen, dass die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen zu unausgewogen sind, während AfD, CDU/CSU und FDP seelenruhig mit Frauenanteilen von 10, 20 und 23 Prozent in den Bundestag einziehen. Das müsste verfassungswidrig sein! Mich regt das tierisch auf.

2. Sexismusbeauftragte in Unternehmen

Eines der wirklich großen praktischen Probleme ist doch, dass wir sehr oft keinen Ansprechpartner haben, wenn wir im Job mit Sexismus konfrontiert werden. Sich an Kollegen und Kolleginnen zu wenden, ist ja schön und gut. Aber mir persönlich würde es definitiv leichter fallen, zu jemandem zu gehen, von dem ich weiß, dass er oder sie einen Plan hat, was wir tun können, dass sie oder er mein Anliegen absolut vertraulich behandelt usw.

Außerdem würde  in den Unternehmen durch so einen Sexismusbeauftragten die Sensibilität und das Bewusstsein für das Thema erhöht.

3. Quoten in Unternehmen

Frauenquoten in Führungsebenen und Männerquoten in der Pflege, Erziehung und Assistenz. Wenn wir abwarten, bis sich die klassischen Rollen von allein aufweichen und die Machtverhältnisse in Wirtschaft und Beruf ausgeglichener werden, dauert es noch mindestens 200 Jahre.

4. Victim Shaming als Schuldgeständnis werten

Wer eines sexuellen Übergriffs beschuldigt wird und dann die aufreizende Kleidung oder provokante Selfies des vermeintlichen Opfers anführt, sollte damit als geständig betrachtet werden. Immer wieder dieses Victim Shaming – ich kann es nicht mehr hören!

Es spielt keine Rolle, wie wir uns anziehen und zeigen. Wenn wir uns aufbrezeln, machen wir das für UNS! Natürlich wissen wir um die Wirkung auf andere, natürlich wollen wir auch unsere Vorzüge mal in Szene setzen. Aber unser Aussehen hat niemand zu interpretieren – wenn etwas unklar ist, muss man fragen, bevor man irgendwelche Schlüsse zieht. Null Toleranz für Victim Shaming!

5. Nicht immer diese Mitleidsnummer!

Okay, das ist jetzt kein konkreter Vorschlag, aber: Wir wollen kein Mitleid – wir wollen Respekt! Überall heißt es "tausende Frauen haben nun den Mut gefunden, ihre Erfahrungen unter #metoo zu teilen". Nein! Den Mut haben sie sowieso schon immer. Sie haben ihn auch unter Beweis gestellt, als sie weitergelebt und sich nicht haben unterkriegen lassen.

Jetzt haben sie vor allem die Gruppendynamik und die Gelegenheit genutzt, um wirklich eine Wirkung zu erzielen. Denn wenn du keine Angelina Jolie bist und gerade niemand drüber redet, kräht - zumindest gefühlt - kein Hahn nach deinen #metoo-Erlebnissen. Aber wenn wir wie jetzt zusammenhalten, sind wir nicht nur stark, sondern können auch etwas bewegen - und müssen künftig nicht immer auf die neue große Diskussionswelle warten, um sicher zu sein, dass wir ernst genommen werden.

Und da die Anne-Will-Sendung am Sonntag passenderweise unter der Frage lief "Ändert sich jetzt etwas?": Nein, es ändert sich nichts - aber wir können etwas ändern!


Wer hier schreibt:

Themen in diesem Artikel

Kommentare

Kommentare

    Diesen Inhalt per E-Mail versenden

    Bitte nicht die Mitleidsnummer! Was an der #Metoo-Debatte nervt

    Seit fünf Wochen diskutieren wir über Sexismus, doch über konkrete Verbesserungsvorschläge reden wir kaum. Unsere Autorin nervt das - deshalb wagt sie einen Vorstoß. 

    Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

    E-Mail wurde versendet
    Deine Mail konnte leider nicht versendet werden