Wie ägyptische Frauen beim Poledance für mehr Selbstbestimmung tanzen 💃

In kaum einem Land geht es Frauen so dreckig wie in Ägypten. Doch auch dort bröckelt unter der Oberfläche das Patriarchat: In Poledance-Kursen ertanzen sich Frauen ein neues Selbstvertrauen.

Erst im Oktober 2017 sicherte sich Kairo einen neuen Negativ-Titel: Die ägyptische Hauptstadt ist die gefährlichste Mega-City für Frauen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Thomson Reuters Stiftung, die 19 Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern miteinander verglich. 

"Alles an dieser Stadt ist problematisch für Frauen", kommentierte die ägyptische Frauenrechtlerin Shahira Amin zur Veröffentlichung der Studie. "Selbst wenn sie einfach nur über die Straße gehen, werden sie belästigt – ob nun verbal oder tätlich."

Dass es auch im restlichen Ägypten nicht viel besser aussieht, fand dieselbe britische Stiftung schon vor fünf Jahren heraus. Damals ging es um einen Vergleich der Lebensqualität von Frauen in den arabischen Ländern. Ägypten schnitt in jener Studie von 2013 von allen am schlechtesten ab. Genitalverstümmelung, Belästigung und Unterdrückung stehen in dem Land am Nil offenbar seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung. 

Poledance - "Entdecke deine Weiblichkeit neu!"

Bis heute hat sich in Ägypten nicht besonders viel an der Stellung der Frau geändert. Einerseits werden Frauen als Sexobjekt betrachtet und belästigt, andererseits wird von ihnen erwartet, jungfräulich und rein zu sein. Sexualität selbstbestimmt erleben und genießen? Wenn du als Frau in Ägypten lebst, eher schwierig!

2011 im Zuge der Revolution keimte allerdings ein neuer Trend in Ägypten auf. Einer, der Frauen in ihrer Selbstbestimmung stärken und aus der traditionsreichen Unterdrückung befreien will: Poledancing.

Kursanbieter setzen gezielt darauf, Frauen in ihrer Weiblichkeit, ihrem Frausein zu bestätigen. So wirbt beispielsweise F Square, ein Sportstudio für Frauen in Kairo, auf seiner Website mit dem verlockenden Angebot: "Entdecke deine Weiblichkeit neu!" Unter dem Motto "Fit wie ein Champion, feminin wie ein Model" setzt F Square laut Website ganz auf "Entertainment und Empowering", damit Kundinnen dort "ihre Weiblichkeit genießen und feiern können", während sie ganz nebenbei ihren "Traum-Body" bekommen.

Wohlfühlort für Frauen - Hotpants statt Hijab

"Wenn sie anfangen zu trainieren, dann steigern sie dadurch ihr Selbstbewusstsein", sagte F-Square-Gründerin Lamia gegenüber Bento. Die 33-Jährige will Frauen - unabhängig von ihrem Alter, Status oder Gewicht – einen Wohlfühlort bieten. Einen Ort, an dem sie keine Angst haben müssen und etwas für SICH tun können – nicht für einen Mann.

Das gleiche Ziel verfolgt auch Poledance-Trainerin Manar al Mokadam. In ihrem Studio Pole Fit Egypt hat sie seit der Eröffnung vor knapp fünf Jahren rund 2600 Frauen beigebracht, an der Stange zu tanzen. Von Akademikerinnen über Mütter bis hin zu Frauen aus unteren Schichten – in ihr Studio kämen Frauen aus der ganzen Gesellschaft, so die 24-Jährige. Auch altersmäßig sei das Publikum vielfältig: So könne es schon mal vorkommen, dass neben einer 20-Jährigen eine Frau Ende 50 tanze, gibt sie gegenüber DW an.

Während die meisten der Teilnehmerinnen auf der Straße Kopftuch tragen oder anders verschleiert rumlaufen, tragen sie zum Poledance vergleichsweise freizügige Outfits – al Mokadam empfiehlt Hotpants und knappe Oberteile. "Nur so können wir uns an der Stange halten, rutschen nicht aus", sagt die studierte Architektin.

Der Haken: Warum Poledance (noch) ein Nischentrend ist

Auch wenn sowohl Lamia als auch Manar al Mokadam mit ihren Kursen alle Frauen ansprechen und empowern wollen, dürfte ihre Initiative auf dem Weg zu einer befreienden Massenbewegung doch an einem Punkt scheitern: Den Kosten.

So müssen Frauen für eine Poledance-Stunde beispielsweise im F Square 7 Euro (150 ägyptische Pfund) zahlen – gut ein Zehntel des durchschnittlichen, ägyptischen Monatsgehalts. Das könnte für viele schwer locker zu machen sein, insbesondere, wenn sie ihre Ausgaben noch mit einem Mann absprechen müssen.

Trotzdem: Es sind die Risse, auch die feinen, durch die das Licht eindringt ...


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    Ägypten: Dunkelhaarige Frau an einer Poledance-Stange
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